Der Philosoph mit der Baumschere

Montagmorgen, acht Uhr. Eine ehemalige Garage am Steckweg im Berner Lorraine-Quartier. Das ist der Firmensitz und das Magazin der «Schär & Stalder Gartenbau GmbH». Zwischen Leitern und sauber gestapeltem Werkzeug stehen zwei Gärtnerinnen, zwei Gärtner und der Stift und besprechen den Arbeitstag.

Dann setzt sich Thomas Schär ans Steuer des Kleintransporters, Alex, die Gärtnerin, und Urs, der Stift, steigen ein. Durch den Bremgartenwald geht die Fahrt nach Herrenschwanden in die Halensiedlung – eine bald fünfzigjährige Überbauung in einem kleinen Wald. In verschiedenen Gärten ist der Winterschnitt zu machen. Schär geht voran, erklärt Alex und Urs, wie die Forsythien, Hortensien, Rosen und Reben, der Lavendel und die Salbeistöcke zurückzuschneiden sind.

Wachstum dank Mundpropaganda

Als Thomas Schär vor 17 Jahren zur Firma stiess, hiess sie ironisch «Grabowsky». Sie war eine alternative Einmanngründung, juristisch eine Einfache Gesellschaft, in keinem Handelsregister eingetragen, und die Buchhaltung machte einer, der’s verstand, aus autonomer Solidarität. Später bekam die Firma eine rechtliche Form, Urban Stalder stieg ein, und nach dem Ausscheiden des Gründers, der einen Arbeitsunfall hatte, übernahmen Schär und Stalder den Betrieb gemeinsam.

Unterdessen ist die Zahl der Kundinnen und Kunden, die sich den Winterschnitt, das Anpflanzen, die Pflege und die Umbauten ihrer Gärten machen lassen wollen, über Mundpropaganda so weit angewachsen, dass die Arbeit streng geworden ist: «Durch alle wirtschaftlichen Krisen hindurch nahmen die Aufträge von Jahr zu Jahr ein bisschen zu», sagt Schär. So habe man eine dritte Person gesucht, die als gleichberechtigte Teilhaberin teilzeitlich einsteige. Schliesslich habe man mit Katrin eine gelernte Gärtnerin gefunden, die als alleinerziehende Mutter auf eine Teilzeitarbeit angewiesen sei.

Heute steht der Betrieb wegen der wachsenden Aufträge vor einem neuen Wachstumsschritt: «Aber wenn wir grösser werden wollen, dann müssen wir ein weiteres Auto haben, wir brauchen ein grösseres Magazin und mehr Angestellte.» Zudem wächst die Arbeitsteilung: «Es wird immer schwieriger, dass ich selber noch in den Gärten arbeiten kann und nicht dauernd am Telefon bin oder Kundenberatungen mache. Dabei gibt es Gärten, die ich seit Jahren pflege und deren Besitzer deshalb jeweils nach mir fragen. Bei Urban und Katrin ist das übrigens gleich.» Insgesamt bahne sich schleichend «ein struktureller Wandel» an: «Wir müssen uns in nächster Zeit genau überlegen, was wir wirklich wollen. Ich persönlich bin dagegen, dass der Betrieb weiter wächst.»

Vielfalt statt Monokultur

Vielfalt, Farbigkeit, Lebendigkeit, das sind Wörter, die Thomas Schär braucht, wenn er davon erzählt, was ihn in den Gärten bei seiner Arbeit am meisten fasziniert. «Es gibt ja keine Naturgärten», sagt er, «bloss naturnähere und naturfernere.» Leider machten die Menschen aus der Natur allzu oft eine «monotone Sache», neben den langweiligen Rasenmonokulturen um die Einfamilienhäuser verweist er auf die Fichtenwälder des Mittellands.

Dabei sei das Spannendste gerade die Vielfalt, auch der eingewanderten Pflanzen: «In der Pflanzenwelt gibt es viele ‘Jugos’, die heute ganz selbstverständlich in den Garten stehen und von den Leuten geschätzt werden.» Manchmal denke er bei der Arbeit: «Vielfalt könnte ja auch für die Menschen gelten, kulturell, bei ihrem Zusammenleben.» Klar gebe es in den Gärten schwächere Pflanzen, die man schützen müsse: «Aber wenn man ihnen ihren Platz gibt, dann entfalten sie ihre Wirkung; der Aspekt, den sie einbringen, macht das Ganze schöner.» Er sei überzeugt, dass es im Biologischen und im Sozialen gleichermassen falsch sei, das Andere zum Verschwinden bringen zu wollen, indem man es ausrotte.

Nicht einmal in der Natur sei es im Übrigen so, dass in jedem Fall der Stärkere den Schwächeren fresse. Es könne sich auch die sozialere Möglichkeit durchsetzen: «Gerade die Fähigkeiten der Menschen liegen ja im gemeinschaftlichen Bereich; in der Fähigkeit zu begreifen, dass wir nur gemeinsam überleben können, dass wir einander zuhören und die Probleme gemeinsam lösen müssen.»

Unterdessen sitzen wir längst in der Cafeteria des Tenniscenters Thalmatt nahe der Halensiedlung. Thomas Schär blickt auf die Uhr und steht auf. In einem Garten der Berner Altstadt sind noch vor dem Mittag die Rosen zu schneiden.

 

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Der Wetterfreak

Thomas Schär (47) hat die Schulen in der Stadt Basel besucht und an der dortigen Universität Geografie und Biologie studiert. «Meine Leidenschaft gilt dem Wetter», sagt er. Deshalb schrieb er seine Lizentiatsarbeit als Geograf im Bereich der Phänologie, der Pflanzenentwicklung im Jahreslauf in Abhängigkeit von der Witterung.

Nachdem er aus privaten Gründen nach Bern gezogen war, gab er im «Stadtanzeiger» ein Inserat auf und suchte erste kleine Aufträge als Gärtner, die er mit Fahrrad, Jäthacke und Baumschere erledigte. Nach einem Jahr suchte er 1989 den Anschluss an den alternativen Gartenbaubetrieb, der sich unterdessen zur «Schär & Stalder Gartenbau GmbH» weiterentwickelt hat.

Er lebt mit seinem Lebenspartner westlich von Bern in Juchlishaus ob Rosshäusern auf einem Hügel und geniesst dort nicht zuletzt die unverstellte Sicht auf das aufziehende Westwindwetter. Er arbeitet im Schnitt 70 Prozent und bezahlt sich selbst 35 Franken pro Arbeitsstunde. Er ist weder im Gärtnermeisterverband noch in einer Gewerkschaft.