Der Philosoph, der am lautesten lachte

Ab 1955 lebt an der Kramgasse 52 in Bern Jean Gebser. Er ist kein Berner. Er ist ein Weltbürger, der von Posen via Florenz, Madrid und Paris direkt vor dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz gekommen ist, zuerst für fünfzehn Jahre nach Burgdorf. Davon, was Gebser im Kopf mit sich herumträgt, weiss in der Altstadt damals kaum jemand. Und die meisten würde es auch nicht interessiert haben, dass dieser Mann unter dem Titel «Ursprung und Gegenwart» eine 800-seitige Weltgeschichte des Bewusstseins geschrieben hat mit der zentralen These, dass sich das menschliche Bewusstsein vom archaischen, magischen, mythischen über das mentalrationale entwickelt habe und sich eben in unserer Zeit in das integrale weiterentwickle. 

Woran sich die Zeitgenossen in aller Regel erinnern: Gebser sitzt abends oft im «Commerce», wo sich damals die Kunstszene der Stadt trifft – und wenn er lacht, ist das ein Ereignis. Der damals kaum zwanzigjährige spätere Künstler Christian Megert hat 1992 erzählt, Gebser sei nicht sehr beliebt gewesen, weil er «immer gelacht hat wie ein Ross»: «Man wusste immer, wo Gebser war in Bern». Der Gebser-Biograf Gerhard Wehr schreibt, damals habe man gesagt: «Jeans Lache reicht vom ‘Commerce’ bis zum Zytglogge.» Und Kurt Marti hat 1984 in einer seiner «Notizen und Details»-Kolumnen geschrieben: «Vor allem konnte er lachen, wie ich selten jemanden habe lachen hören: schallend, dröhnend, sonor, wahre Lachgewitter, lang hinrollend, in der Wohnung erschütternd, in öffentlichen Lokalen ein Elementarereignis.» Ansonsten habe er, Marti, «Gebser zwar gekannt, dennoch aber verpasst».

Das heimatlose Elternhaus

Der neue, vierte Band der Jean Gebser-Reihe im Chronos Verlag (siehe Kasten) heisst «Ein Mensch zu sein» und gibt Gelegenheit, über Herkunft und Werdegang dieses Autors mehr zu erfahren. In seinem autobiografischen Text «Die schlafenden Jahre» erzählt er über seine Kindheit und Jugend bis zum Herbst 1925, als er aus dem gutbürgerlichen Elternhaus in Berlin auszieht. Aufgewachsen ist er wegen seines beruflich mehrmals versetzten Vaters in Posen, Breslau, Königsberg und Berlin, bevor ihn seine Eltern 1918 für drei Jahre in eine Klosterschule stecken. Ab 1921 lebt er als Gymnasiast wieder in Berlin und erlebt zuerst die Trennung seiner Eltern und später, wie die geizige Mutter den krank gewordenen Vater aus finanziellen Gründen aus dem Krankenhaus in die Armenabteilung einer Irrenanstalt überführen lässt, wo er stirbt. Gebser bricht das Gymnasium ab, macht eine Lehre bei der deutschen Bank und lehnt danach das Stellenangebot jener Bank ab. Stattdessen zieht er zuhause definitiv aus, betreibt mit einem Kollegen zusammen eine Druckerei und veröffentlicht in einer Zeitschrift seine ersten Gedichte.

Als Erzähler nimmt Gebser sich die Freiheit, seine Geschichte mit Gedanken über diese Geschichte anzureichern. «Die schlafenden Jahre» beginnen zum Beispiel mit einer Reverenz vor der Wiedergeburtsidee: «Ich habe viele Namen und wurde viele Male geboren. Geboren in ein hiesiges Leben und geboren durch ein Sterben in die Unendlichkeiten, die Du die jenseitigen nennen wirst.» Ein Motiv, das seine Jugenderinnerungen danach durchzieht, ist die Heimatlosigkeit. «Eine unverbindliche Heimat ist keine Heimat» schreibt er, und kurz darauf: «Das Eigenste wohnt ja gar nicht im Ich.» Gebser, könnte das heissen, ist kein Weltbürger, dem die ganze Welt zur Heimat geworden wäre, sondern einer, der es wurde, weil er in der ganzen Welt – nicht einmal in sich selber – eine Heimat fand.

Zweifellos: Das legendäre Lachen zwischen «Commerce» und «Zytglogge» muss auch etwas Abgründiges gehabt haben.

Das Lebensprogramm des 17jährigen

Neben diesem autobiografischen Text bietet der neue Gebser-Band Notizen, Aphorismen und Gedichte von 1922 bis 1973. Diese zumeist kurzen Stücke zeigen die Vorliebe des Autors für das spekulative Denken und wer sich darauf einlässt, kann immer wieder ins Grübeln kommen. Zum Beispiel: «Wo man beginnt Rücksichten zu nehmen, beginnt die Lüge.» Oder: «Wer aber überzeugen will, ist selber noch nicht überzeugt; wer bekehren will, ist selber noch nicht bekehrt.» Oder: «Den Tod zu verwirklichen bevor man starb, ohne deshalb dem Leben verlorenzugehen: das ist Wissen.» 

1922 hat der 17jährige Gymnasiast in einer kurzen Notiz über seinen «Lebensweg» nachgedacht. Er wolle «Literatur (deutsche) und Kunstgeschichte studieren und hauptsächlichst auch japanische (und chinesische) Kunst und Kultur und eingehend den Buddhismus.» Ein Charakteristikum an Gebsers späterer Publizistik ist, dass er, ohne je an einer Universität studiert zu haben, zeitlebens autodidaktisch auf der Basis dieser Themenfelder seine nie epigonalen, sprachlich meist sehr originell gestalteten, in der Schnittmenge von westlichen und östlichen Weisheitslehren entwickelten Texte geschrieben hat. 

Am liebsten ist Gebser übrigens im «Commerce» mit Robert und Rosmary Alder zusammengesessen, die an der Gerechtigkeitsgasse 68 ein Buchantiquariat betrieben und zu den wohl breitest Gebildeten gehört haben, die man in den fünfziger Jahren abends in der Altstadt zu einem Glas Wein treffen konnte. In einem Informationsgespräch über jene Zeit in Bern erzählte Jörg Steiner 1998 en passant, er habe als junger Schriftsteller Gebser zusammen mit dem Ehepaar Alder im «Commerce» kennengelernt und damals «dort mehr zugehört als mitgeredet». 

Offenbar hat Gebser damals nicht nur immer laut gelacht. 

 

[Kasten]

Die Jean Gebser-Reihe

Seit 2015 erscheint im Chronos Verlag in Zürich eine fünfbändige Werkausgabe von Jean Gebser (1905-1973), Herausgeber sind Rudolf Hämmerli und Elmar Schübl. Eben herausgekommen ist:

• Band 4: «Ein Mensch zu sein. Autobiografische Texte, Notizen und Gedichte».

Zuvor erschienen sind:

• Band 1 (in zwei Büchern): «Ursprung und Gegenwart. Die Fundamente der aperspektivischen Welt. Beitrag zu einer Geschichte der Bewusstwerdung» (2015)

• Band 2: «Lass mir diese, meine Stimme. Texte zu Dichtung und Sprache. Übersetzung spanischer Lyrik» (2016)

• Band 3: «Vom spielenden Gelingen. Vorträge, Essays und Schriften» (2018)

Der noch ausstehende Band 5 der Reihe soll den Titel tragen: «Eine Freundschaft. Jean Gebser – Jean Rudolf von Salis. Briefe (1939–1973)»