Der Ofen brennt wieder

Mörtel, Verputz und Backsteinteile splittern hinter der Mauer zu Boden. René Stump zieht den elektrischen Abbauhammer zurück. Das schräg nach unten laufende Metallrohr des Kamins liegt zu tief, um es an die nigelnagelneue Howal-Heizung im Nebenraum anschliessen zu können. Er setzt das Werkzeug auf Schulterhöhe neben dem Rohr neu an, der Motor heult auf, das Spitzeisen hämmert sich durch die Mauer.

Dann liegt das Rohr frei. Stumps Gesicht ist schweiss- und staubbedeckt. Er wischt die Hände an der grauen Arbeitshose mit dem blauen Aufdruck «Rutz Kaminbau» ab, greift zum Winkelschleifer und sagt: «Solche Anpassungen sind aufwendige Einzelanfertigungen.» Mit der Trennscheibe setzt er am Rohr etwa einen halben Meter vor dem herausgebrochenen Loch an. Gleich darauf stiebt ein langer Funkenschweif in den vollständig in Plastikabdeckungen gehüllten Kellerraum.

Ohne uns ist der Ofen aus

Bei der Rutz Kaminbau AG in Rümlang hatte der Arbeitsdruck seit längerem stetig zugenommen. Im April gaben die Firmenverantwortlichen dann bekannt, dass sie den neuen Landesmantelvertrag (LMV) des Bauhauptgewerbes und den Gesamtarbeitsvertrag mit dem flexiblen Altersrücktritt ab 60 Jahren nicht anerkennen wollten. Die Firma sei in der Metallverarbeitung, nicht mehr auf dem Bau tätig.

Jetzt reichte es – nicht nur René Stump. Die zwölf Kaminbau-Monteure und ihre acht Kollegen in der Werkstatt waren sich einig: Keiner wollte zwar die Rutz AG ruinieren, aber es ging um ihr Recht. Auf die Absicherung durch den LMV würden sie nicht verzichten. Sie boten an, sich an der Finanzierung der frühzeitigen Pensionierung zu beteiligen. Als die Rutz-Manager hart blieben, traten die Angestellten – unterstützt von der GBI – am 29. April in den Streik: «Ohne uns ist der Ofen aus!» (siehe Work vom 2. Mai 2003)

Stump vermutet, unter Leo Rutz, dem pensionierten «Patriarchen» der Firma, wäre es nicht so weit gekommen: «Er war Maurer und hat die Arbeit von der Pike beherrscht. Bei ihm ist keiner Chef geworden, ohne dass er das selber konnte, worüber er befehlen wollte.» Deshalb musste sein Sohn Daniel auch eine Maurerlehre, eine Banklehre und eine Managementschule machen, bevor er seinen Vater ablösen konnte. Ein «grausamer Wahnsinn» sei das gewesen, dass Daniel Rutz vor sieben Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Seither wurde die Firma nicht mehr von einem Rutz geleitet. Sie bildet heute zusammen mit der Müller Kamine AG Ittigen/Bern, eine Holding, deren Verwaltungsrat von Peter Müller präsidiert wird.

Konzentriert hat René Stump unterdessen das herausgebrochene Loch betrachtet. Dann sagt er: «Bevor ich nicht weiss, wie etwas aussehen soll, wenn es fertig ist, nehme ich kein Werkzeug in die Hand.» Nun holt er draussen im Montagewagen verschiedene Rohrteile. Ein um 45 Grad und ein um 20 Grad gebogenes Stück schiebt er provisorisch zusammen: exakt der Winkel, den er braucht, damit das Rohr die Wand horizontal quert und er es auf der anderen Seite mit einem um 90 Grad gebogenen Stück senkrecht in den Ausgang der neuen Heizung führen kann. Er schiebt Dichtungsringe in die Rohrteile, dichtet sie mit einer hitzebeständigen elastischen Silikon-Masse, schiebt sie ineinander und verschraubt die Schlösser der Briden. Das Rohrstück, das horizontal durch die Mauer führt, versieht er mit einer isolierenden Keramikfasermatte. Dann holt er Kaminsteine und Zement, um die verbliebene Öffnung neben dem Rohr zu verschliessen.

Jeder Kamin ist anders

Vier Tage hat der Streik gedauert, vom 29. April bis zum 2. Mai. Die Rutz-Verantwortlichen stellten beim Gericht einen Antrag, die blockierte Firma räumen lassen. Das Gericht lehnte ab. Die Polizei organisierte in Rümlang einen Verhandlungsraum, die GBI-Funktionäre erscheinen, die Rutz-Verantwortlichen nicht. Bewegung in die verfahrene Situation kam erst, als sich der Verwaltungsratspräsident der Holding, Peter Müller, einschaltete. Er setzte die Rutz-Chefs ins Unrecht, erfüllte die Forderungen der Streikenden und garantierte, dass weder die Arbeitsbedingungen verschlechtert noch Strafanzeigen eingereicht würden. Seither ist René Stump wieder auf Montage.

Bereits hat er das Loch geschlossen und gleicht nun beidseits der Mauer mit der Kelle und einem nassen Schwamm die letzten Unebenheiten aus. Während er die Plastikabdeckungen wegzuräumen beginnt, sagt er: «Beim Rutz wirst du keinen finden, der sagt: Der Job scheisst mich an. Die Arbeit ist abwechslungsreich. Jeder Kamin ist anders, und anders sind die Leute, mit denen du Kontakt hast bei der Arbeit. Das ist genau das, was mir gefällt.»

 

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Lesen und Wohnwägelen

Seit 26 Jahren arbeitet der 48-jährige René Stump als Monteur bei der Rutz Kaminbau AG in Rümlang – seit Jahren als Montageleiter. Er kam als gelernter Maurer in die Firma: «Leo Rutz hat mir in seiner Stube die Höhe des Lohns gesagt und, ich solle am nächsten Tag anfangen. Dann gab er mir die Hand. Damit war ich angestellt. Einen Vertrag habe ich nie gesehen.» Stump verdient heute pro Monat netto rund 6000 Franken plus Spesen. Das ist auf dem Bau ein überdurchschnittlicher Lohn: Kaminbauer müssen eben von der Maurerei, der Bauspenglerei, der Dachdeckerei und von der Zimmenmannsarbeit gleichermassen etwas verstehen.

Stump ist Mitglied der Gewerkschaft GBI. «Seit dem Streik sind das bei Rutz alle», sagt er lachend. Er lebt zusammen mit Frau und zwei jugendlichen Töchtern in Dällikon bei Zürich. Seine zwei Leidenschaften sind das «Wohnwägele» – am Bodensee steht sein stationärer Wagen – und das Lesen, in letzter Zeit vor allem Bücher über Afghanistan und die Urgeschichte. «Meine Töchter haben auch schon gesagt: Dich kann man wirklich alles fragen. Drauf hab ich gesagt: Ihr müsst halt lesen. Lesen bildet.»

Ich hatte den Titel «Stump ist wieder unterwegs» vorgeschlagen. Das letzte Stump-Statement im Kasten wurde für die Druckversion weggestrichen.