«Das Wasser uns gehört allen»

Reservoir Könizberg bei Bern: Eine fensterlose Halle mit gewölbter Decke, an die fünfzig Meter lang; ein blitzblanker, breiter Gang, begrenzt von einem niedrigen, marmorverkleideten Aufbau mit verchromten Steuerungsrädern für «Rohschlammwasser», für «Reinwasser», für «Spülwasser». Dahinter die riesigen, wassergefüllten Becken der fünf offenen Sandfilteranlagen. Thomas Zwahlen sagt:  «Hier haben wir im letzten Jahr mehr als eine Million Kubikmeter Quellwasser zu Trinkwasser aufbereitet.» Aufbereiten heisst: im Sand filtern und mit Ozon desinfizieren.

Zwahlen ist Brunnenmeister – genauer der Chef von vier Kollegen, die in Stadt und Region Bern für die Trinkwasserqualität verantwortlich sind. Zuständig sind sie für das «Primärsystem»: für die Fassungen, Reservoire, Pumpen und Transportleitungen bis zu den Anschlüssen an das «Sekundärsystem» der einzelnen Gemeinden.

Von Brunschwyler zu den Dispatchern

«Unser Pflichtenheft», sagt Zwahlen, «reicht von der Landschaftsgärtnerei bis zu Probennahmen für die Laboranalysen. Wir arbeiten mit Schaufel und Pickel so gut wie am PC.» Zur Arbeit gehört zum Beispiel, alle Anlagen hygienisch sauber zu halten, Messinstrumente zu kalibrieren, Handmessungen vorzunehmen, Grundwasserschutzzonen zu überwachen, die Leitungen im Gelände und in den Stollen abzuschreiten und zu kontrollieren.

Beim Wasserverbund Bern wird die Arbeit der Brunnenmeister elektronisch unterstützt. In der Leitstelle überwachen sogenannte Dispatcher rund um die Uhr auf sechs Bildschirmen die Messwerte für die Wassertrübung, für den Gehalt von Salz, organisch gelösten Stoffen oder Sauerstoff. «Beim Quellwasser schwanken die Messwerte mehr als beim Grundwasser», sagt Zwahlen, «Quellwasser ändert seine Zusammensetzung insbesondere bei Gewittern oder bei einsetzender Schneeschmelze schnell.» Werden Grenzwerte überschritten, «verwerfen» die Brunnenmeister das Wasser: «Wir leiten es dann statt ins Trinkwassersystem durch einen Vorfluter in den nächsten Bach.»

Neben dem Quellwasser, das aus dem Schwarzenburgerland in das Reservoir Könizberg fliesst, bezieht die Region Bern Grundwasser aus den Fassungen Kiesen und Belpau im Aaretal und – vor allem – aus Aeschau im Oberen Emmental. Mehr als die Hälfte des Trinkwassers der Region – letztes Jahr gut 9 Millionen Kubikmeter – wird dort dem Grundwasserstrom entnommen. Erbaut worden ist diese Wasserleitung bis vor die Stadt 1906 unter der Leitung des Unternehmers Johann Brunschwyler. Zwahlen: «Er hat ein raffiniertes Hebersystem konstruiert: Trotz des Gesamtgefälles von bloss gut sechzig Metern und obschon die Leitung zwischenhinein bergauf führt, fliesst das Wasser über die 33 Kilometer ohne jede Pumpenenergie.»

Der Luxus, im Wasserschloss zu leben

«Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas, darum leben wir im Wasserluxus», sagt Zwahlen: «Zwar ist hier niemand wirklich glücklich, wenn sauberes Wasser aus dem Hahn kommt. Man wäre bloss ziemlich schnell unglücklich, wenn es nicht mehr so wäre.»

Dieser Wasserluxus führe auch dazu, dass trotz des trockenen Frühlings das Trinkwasser nicht knapp geworden sei. Probleme mit dem Trinkwasser hätten jeweils vor allem kleine Gemeinden, die von einer Quelle abhängig seien. «Diese Gemeinden müssten sich strategische Gedanken machen. Wasserverbünde mehrerer Gemeinden erhöhen die Versorgungssicherheit, weil man sich gegenseitig helfen kann, wenn Quellen versiegen.»

Zwahlen plädiert für Respekt vor dem Wasser, aber: «Wenn wir hier Wasser sparen, das sowieso in genügenden Mengen von den Bergen her abfliesst, hat in Afrika kein Mensch mehr davon zur Verfügung. Bei uns dient das Trinkwassersystem unter anderem sogar der Feuerwehr zum Brandschutz.»

Wichtiger als zu sparen sei es, die Ressource Wasser zu schonen: «Wir müssen weiterhin die Kläranlagen und Autobahnentwässerungen im Griff haben. Und wir müssen Flüsse, Seen und Wälder sauber halten. Sonst kann es schnell teuer, aufwendig und kompliziert werden, sauberes Trinkwasser zu gewinnen.» Wichtig sei auch, sagt Zwahlen, auf Lebensmittel mit guter Ökobilanz zu achten: «Es ist unsinnig, Kartoffeln aus Israel zu kaufen. Dort bewässert man Pflanzungen zum Teil mit nicht erneuerbarem, fossilem Grundwasser, das dann für die lokale Trinkwasserversorgung fehlt.»

Und unsinnig sei auch, wenn Konzerne wie Nestlé das Trinkwasser privatisierten. Zwahlen: «Trinkwasser ist ein Grundrecht und muss ein öffentliches Gut bleiben.» Für diesen Service public-Gedanken steht auch sein Arbeitgeber, die Wasserverbund Bern AG». Dessen Aktionäre sind ausschliesslich Gemeinden. In seinem Jahresbericht 2010 heisst es: «Eine Privatisierung ist ausgeschlossen.»

 

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Der Marathonläufer

Thomas Zwahlen (43) hat die vierjährige Lehre zum Spengler-Sanitär gemacht. Mit zwanzig bereist er mit dem Motorrad ein Jahr lang von Algerien bis Simbabwe den afrikanischen Kontinent. In dieser Zeit filtert er sich sein Trinkwasser selber und lernt es schätzen. Danach arbeitet er zehn Jahre lang für einen Schwimmbadbauer, zuerst als Monteur, dann als Service-Techniker, schliesslich – nach einer berufsbegleitenden Weiterbildung – als diplomierter Techniker TS im Bereich der Arbeitsvorbereitung.

2004 wechselt er als Chef der Brunnenmeister zu Energie Wasser Bern (ewb). 2010 sind die bernischen Brunnenmeister vom öffentlichrechtlichen EWB in die AG des Wasserverbunds Bern ausgelagert worden.

Zwahlen arbeitet zu 100 Prozent – sein Lohn entspreche, sagt er, dem Lohnreglement des EWB. Er lebt als alleinerziehender Vater mit zwei Buben in Urtenen-Schönbühl. Er joggt regelmässig, lief letztes Jahr den Luzerner Marathon und will im Herbst den Jungfrau-Marathon bestreiten.