Das reicht für zwei Leben

Plötzlich fragt die Kundin von einem der Büchergestelle herüber: «Gibt es hier nichts von Elisabeth Müller?» Kein Problem für Pieternella Murri: Drei Bücher holt sie aus dem Stapel, den sie bereits für das Weihnachtssortiment zurückgelegt hat. Ein Müller-Buch stehe bei den Biografien, sagt sie, und mehrere bei den Kinderbüchern. Sie kennt ihre Bücher, und sie liest sie auch: wöchentlich deren drei bis vier. «Gelesene Bücher sind wie alte Freunde.»

«Perpetuum Mobile» bedeute, sagt sie, dass man Bücher, statt sie wegzuschmeissen, in einem Endloskreislauf an neue Lesende weitergebe. Darum nimmt man hier Bücher, die entsorgt werden sollen, gratis entgegen, sortiert sie in einem Lager, scheidet die wirklich nicht mehr brauchbaren aus und verkauft die anderen zu günstigsten Preisen, manche neuwertig und noch in die Schutzfolien eingeschweisst. Taschenbücher kosten zwischen einem und vier Franken, gebundene nicht viel mehr. Entsprechend ist man mit einem Tagesumsatz von mindestens 100 Franken zufrieden. Das ist nur möglich, weil das Antiquariat nicht kostendeckend arbeiten muss: Es wird vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerks Bern betrieben – als Programm, das sozialhilfeabhängigen Langzeiterwerbslosen eine Berufsperspektive auf Zeit bieten soll.

Leben in der Hütte

Wer hier arbeitet, hat keine grosse Berufskarriere gemacht, aber nicht selten eine Geschichte erlebt, die für zwei Leben reichen würde. Zum  Beispiel Pieternella Murri: «1972 bin ich aus Holland in die Schweiz gekommen und habe in Schwarzenegg (BE) am Schallenberg im Service zu arbeiten begonnen. Dort habe ich einen Bergbauern aus dem Eriz kennengelernt und ihn geheiratet. Innert zweieinhalb Jahren hatten wir zwei Söhne und eine Tochter. Damit war die Idee, nach dem holländischen auch das schweizerische Primarlehrerinnen-Patent zu erwerben, erledigt. Im Sommer lebten wir jeweils auf der Hinteren Hornegg, ohne Wasser und Strom in der Hütte, dafür mit über hundert Stück Veh auf der Weide. Ich machte Käse und half, mit der Seilwinde Heu zu ernten.

Nach dem tödlichen Unfall unserer Tochter zügelten wir nach Steffisburg hinunter. Hier lebte ich mich mit meinem Mann auseinander. Wir trennten uns und schieden 1989. Seither erzog ich meine beiden Buben allein. Ich absolvierte einen Rotkreuz-Pflegekurs und arbeitete in Alters- und Pflegeheimen. Zeitweise machte ich Nachtwachen, daneben nähte ich jeweils für eine Boutique tagsüber noch Vorhänge, damit wir leben konnten.

Als die Buben ausgezogen sind, habe ich 1995 meinen zweiten Mann kennengelernt und später geheiratet. Auch diese Ehe scheiterte, diesmal, weil der Mann trank. 1999 dann meine Krebsdiagnose: Operation, Chemotherapie, Bestrahlungen, ich habe mehr als zwei Jahre um mein Leben gekämpft. Vierzehn Tage nach der Operation hat mich mein Mann im Spital zum ersten Mal besucht und angeschrien, ich solle mich nicht so anstellen.

2001 habe ich die Scheidung eingereicht und bin überstürzt, ohne Geld und Job, bei meinem jüngeren Sohn eingezogen. Als ich dort feststellte, dass er kokainsüchtig war, ging es nicht mehr. Ich kam mit einer schweren Depression in die Psychiatrische Klinik nach Münsingen – nach einem Rückfall 2003 ein zweites Mal. Von diesem Sohn weiss ich seit fünf Jahren nicht mehr, wo er ist.

Seither habe ich – ausser sechs Wochen in einem Callcenter – keine Arbeit mehr gefunden. In dieser Wegwerfgesellschaft, in der Menschen oft schon nach vierzig aufs Abstellgeleise geschoben werden, wie sollte ich mit diesem Lebenslauf als 57-jährige noch eine Chance bekommen?»

Nichts als jeden Tag geniessen

Ende 2005 wird Pieternella Murri vom Sozialdienst dem SAH für die Arbeit im Programm «Perpetuum mobile» vorgeschlagen. Sie wird angestellt und findet sich schnell in der Bücherwelt zurecht, obschon sie zuvor noch nie im Verkauf oder an einem PC gearbeitet hat. Weil hier aber alle Stellen auf höchstens ein Jahr befristet sind, muss sie Ende 2006 aufhören. Als sie vom SAH Bern angefragt wird, auf 1. Juli noch einmal aushilfsweise und befristet einzusteigen, sagt sie sofort zu: «Ich tue nichts lieber, als hier zu arbeiten. Ich habe mein Herz an diesen Laden gehängt.»

Wenn für sie im Antiquariat wieder Schluss sei, werde sie wohl, wie zuvor auch, Bewerbungen schreiben: «Ich gebe die Hoffnung nicht auf, aber eigentlich weiss ich: Ich habe keine Berufsperspektive mehr.» Nach dem Gespräch serviert sie Kaffee und sagt: «Aber wenn man einmal derart krank gewesen ist, schaut man das Leben anders an. Ich geniesse jeden Tag, den ich lebe.»

 

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Warum nicht in die Schweiz?

Ihre Kindheit verbringt Pieternella Murri (* 1949) auf einem holländischen Bauernhof. Dann verkauft ihr Vater den Betrieb: «In Holland war schon Ende der fünfziger Jahren klar, dass man mit 14 Kühen nichts mehr ausrichten kann.» Sie wird Lehrerin und erhält in einem schwierigen Quartier von Dordrecht eine Klasse mit 42 Kindern zugewiesen, die ihr das Leben zur Hölle machen. Nach anderthalb Jahren hängt sie den Beruf an den Nagel.

Als «Mädchen für alles» auf einem Rheinschiff hört sie kurz darauf der schweizerischen Kundschaft zu. Ihr gefällt, was diese Leute über ihr Land erzählen. 1972 fährt sie in die Schweiz, um zu sehen, wie es wirklich ist. Heute lebt Pieternella Murri in Wattenwil (BE). Sie spricht Holländisch, Englisch und Berndeutsch und ist holländisch-schweizerische Doppelbürgerin. Sie erhält gut 2100 Franken Sozialhilfe (plus den Krankenkassenbeitrag). Im Buchantiquariat «Perpetuum mobile» arbeitet sie befristet zu 60 Prozent ohne Lohn. In einer Gewerkschaft ist sie nie gewesen. In ihrer Freizeit macht sie das, was sie gerne tut: malen, basteln und lesen.

Der Beitrag wurde nachgedruckt in «solidarität», November 4/2007 des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks. – Ende Juli 2008 meldete sich bei mir dann per Mail jener Sohn von Pieternella Murri, den sie in ihrer Erzählung als «kokainsüchtig» bezeichnet und (in meiner Darstellung!) insinuiert hatte, deswegen mit schwerer Depression in die Psychiatrische Klinik Münsingen gekommen zu sein. Dieser Sohn dementierte Verschiedenes und hielt unter anderem fest, dass er nie drogensüchtig gewesen sei. Zusammenfassend kritisierte er: «Ich bin immer wieder erstaunt, wie es sein kann, dass irgendwelche nicht nachrecherchierten Fakten über Leute verbreitet werden können, ohne sich auch nur zu bemühen, die Wahrheit zu erfahren!» Zwar war der persönlichkeitsrechtliche Schaden für den Mann zum Glück nicht gross, weil sein Name im Text nicht genannt worden war und er nicht den Geschlechtsnamen der Mutter trägt.

Trotzdem war die Kritik berechtigt und verweist auf eine journalistische Grenze meiner Berufsporträts für Work: Ich habe immer wieder neu versucht, möglichst nahe an die Porträtierten heranzukommen und das im Text auch so zu vermitteln, obschon für die Begegnung selten mehr als zwei Stunden vorgesehen waren und mein Aufwand (Reise, Begegnung, Schreibarbeit) pro Beitrag pauschal mit zwei Tagesansätzen honoriert wurde. Erzähltes kritisch gegenzuchecken war in der gegebenen Zeit von vornherein ausgeschlossen. Möglich war bloss, meine Beiträge von der porträtierten Person gegenlesen und autorisieren zu lassen (was ich auch in diesem Fall getan habe).

Dem Sohn der Porträtierten habe ich damals zurückgeschrieben: «Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich bei Ihnen in aller Form zu entschuldigen.» Zur Erklärung fügte ich bei: «Während ich bei solchen Berufsporträts […] anderes routinemässig abkläre und erhärte, ist mir nachzufragen in dieser Passage nicht in den Sinn gekommen, weil ich keinen Moment daran dachte, dass in diesem Punkt eine Differenz bestehen könnte zwischen der Mutter und ihrem Sohn, über den sie erzählt.» (fl., 7.10.2016)