Das Pfeifennuckeln ist vorbei

WoZ: Sie sind Mitherausgeber des Berner Literatur-Almanachs, der am kommenden Mittwoch mit dem einzigen Literaturpreis ausgezeichnet wird, den die Stadt Bern 1999 vergibt. Literaturvermittlung scheint wichtiger zu werden als die Literatur selbst.

Reto Sorg[1]: Es ist wohl in der Tat so, dass heute Literatur vermittelter daherkommt als früher. Es reicht kaum mehr, ein Buch vorzulegen und dann davon auszugehen, dass der Markt beziehungsweise das Publikum das Übrige tut. Die Tendenz geht dahin, dass man Events kreiert um Bücher und Personen herum, um dem Publikum das Produkt, um das es geht, attraktiver zu machen. Der Almanach ist indes primär ein Buch und weniger ein Event.

Die Formen der Literaturvermittlung, für die Sie sich in letzter Zeit engagiert haben, sind Lesungen, Veranstaltungen und Publikationen. Sie sprechen von «Events». Wäre anderes möglich?

Für mich gibts Grenzen. Eine Veranstaltung wie die Solothurner Literaturtage, an der es für viele Leute ja auch mehr um Rotwein und Kartoffelsalat geht als um Literatur, ist eine Form, die ich noch ausgesprochen angenehm finde, weil dort trotz allem die Literatur im Mittelpunkt steht. Wenn Literatur aber dazu dienen soll, billigen Whisky zu verkaufen oder ein leer stehendes Hotel zu füllen, dann habe ich meine Bedenken. Literatur hat immer noch primär mit dem Medium Buch zu tun. Und zum Buch gehören Lesende, die geneigt sind.

In Bern hatte man seit vielen Jahren den Eindruck: Es gibt hier zwar einige Einzelkämpfer und Einzelkämpferinnen, die schreiben, aber es gibt keine literarische Szene. Entwickelt sich nun durch Literaturvermittlung so etwas wie eine Szene junger Literatur?

Wenn man unter Szene eine zusammengehörige Gruppe versteht, die sich regelmässig trifft und die auch insofern organisiert ist, als es einzelne Leaderfiguren gibt, dann gibt es heute in Bern keine Szene. Die Leute haben sich teilweise erst durch Literaturprojekte wie den Almanach kennen gelernt, und nicht alle haben heute Kontakt miteinander. Auf der anderen Seite haben diese Projekte natürlich eine gewisse Dynamik ausgelöst, die die Unabhängigkeit – oder Einsamkeit – der Schreibenden verändert oder verringert hat.

Hängt die Skepsis gegen den zu starken Zusammenschluss mit der Motivation der jungen Schreibenden zusammen? Während in den siebziger Jahren vielfach noch ein gesellschaftspolitischer Konsens die Leute zusammenführte, ist der soziale Aspekt der schriftstellerischen Arbeit heute ja häufig nicht mehr ersichtlich.

Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Schriftsteller müssen primär an sich und ihr eigenes Schreiben denken. Es braucht Fanatismus, Obsession und auch eine Portion Egomanie, sonst hört man früher oder später auf zu schreiben oder wird nie etwas zustande bringen, was von einer gewissen Relevanz ist. Ich glaube auch nicht, dass die Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die heute ernsthaft unterwegs sind, kein Interesse an Gesellschaft und Politik haben. Ich glaube nur, dass im Unterschied zu den sechziger oder siebziger Jahren heute das Bewusstsein für die Komplexität der Situation, in der wir in unseren modernen Industriegesellschaften leben, grösser ist. Eine Konsequenz davon ist, dass man sich nicht mehr innert nützlicher Frist auf irgendwelche politischen Programme einigen kann. Da gibt’s in der Tat eine grosse Veränderung im Vergleich zu der Literaturszene der sechziger Jahre. Ich würde überspitzt sogar sagen, dass die Autoren von heute insofern politischer sind, als sie weniger normiert auf die Gesellschaft blicken, als sie individueller wahrnehmen und dadurch die Analyse und Kritik in ihrem Schreiben unter Umständen weiter reichen kann.

Die Jungen heute schreiben politischer, weil sie weniger ideologisch denken?

Ja. Wobei man das wahrscheinlich schlecht verallgemeinern kann. Ich möchte niemandem, der engagierte Literatur geschrieben hat, vorwerfen, ideologisch verblendet gewesen zu sein. Ich möchte umgekehrt niemanden heute reinwaschen von subjektivistischer Bauchnabelschau. Es gibt natürlich beide Positionen heute wie damals. Aber ich bin nicht einverstanden mit der Behauptung, Literatur heute sei apolitisch und kümmere sich nicht um die relevanten Fragen unserer Gesellschaft. – Die Hartnäckigkeit, mit der Literatur immer wieder das Denkbare einfordert in der heute einerseits sehr vielfältigen, auf der anderen Seite aber auch ausgesprochen normierten Wirklichkeit – die Hartnäckigkeit, mit der sich Literatur diesen diskursiven Zwängen immer wieder zu entziehen versucht, ist heute wahrscheinlich grösser als früher, auch aus dem Bewusstsein der Schreibenden heraus, dass es für Gesellschaftskritik heute nicht mehr reicht, sich eine Pfeife zuzulegen und dann beim Interview daran herumzunuckeln.

Ein Seitenhieb gegen Max Frisch?

Nicht nur. Auch Dürrenmatt hat Pfeife geraucht, Adolf Muschg ist ein Pfeifenraucher, Alfred Andersch hat der Pfeife zugesprochen, Uwe Johnson und Peter Weiss haben sie auch nicht verschmäht und Günter Grass hat sich noch immer im Mund. Das mag als launige Bemerkung verstanden werden, aber es ist eben pointiert gesagt so, dass die Literatur der sechziger und siebziger Jahre von Pfeife rauchenden Männern bestimmt worden ist. Da sind wir heute doch um einen wesentlichen Schritt weiter. Es hat sich herumgesprochen: Ceci n’est pas une pipe.

Noch einmal zurück zum Stichwort Szene: Anfang der neunziger Jahre tauchte um Peter Weber und Ruth Schweikert die Gruppe «Netz» als eine Art neuer Szene auf. Entwickelt sich von Bern aus in nächster Zeit ein neues «Netz»?

Nur wenn die Autoren und Autorinnen heute glauben würden, dass man die Situation, wie sie jetzt ist – ein loser Zusammenhang von Leuten, die sich sympathisch finden, die sich gerne ab und an treffen und gemeinsame Ziele haben – institutionalisieren müsse. Ich glaube, dass es nicht dazu kommen wird. Vermutlich ist die «Netz»-Gruppe ein Übergangsphänomen zwischen einer Gruppe Olten und Organisationsformen, die heute aktuell sind, in denen Leute vor allem projektbezogen zusammenarbeiten, nicht mehr ausschliesslich Literatur machen, sondern beispielsweise gleichzeitig als Musiker oder – ohne ein schlechtes Gewissen zu haben – in irgendwelchen Berufen tätig sind.

Der gewerkschaftliche Aspekt der Selbstorganisation fällt also weitgehend weg.

Es ist ein interessantes Phänomen, dass dieser gewerkschaftliche Aspekt, der noch vor fünf Jahren bei den Jungen völlig gefehlt hat, heute wieder entdeckt wird. Ich prognostiziere eine Renaissance der Schriftstellerverbände. Interessanterweise hat jetzt vor allem der Schweizerische Schriftsteller-Verband SSV Zulauf. Das hat wohl weniger mit der jugendlichen Art des Präsidenten Tim Krohn zu tun als mit der Tatsache, dass die Gruppe Olten bei vielen Jungen ein schlechtes Image hat: Das sind die Alt-68er, die immer alles besser wissen, rechthaberisch sind, unoriginell, lustlos, voller Ressentiments und standespolitisch auf die Verteidigung ihrer Pfründen bedacht – klar, das ist das Image, die Realität ist teilweise ganz anders.

Ich glaube, dass die Renaissance dieser Verbände damit zu tun haben wird, dass heute der Individualismus grösser ist als noch in den achtziger Jahren und dass die Autoren untereinander, weil sie vor allem projektbezogen arbeiten, nur einen losen Zusammenhang haben, so dass grundsätzliche, unabhängig von persönlichen Kontakten funktionierende Strukturen wieder eine Chance haben.

Das Desinteresse an den Verbänden in den letzten Jahren könnte auch mit dem Trend zur Jugendlichkeit zusammenhängen, der den Literaturbetrieb immer stärker prägt. 25jährige beschäftigen sich noch nicht mit der Altersvorsorge.

Den Jugendkult in der heutigen Literatur gibt es in der Tat: Er hat eindeutig damit zu tun, dass Literatur heute medialisierter ist als früher, dass die Bildmedien, vor allem das Fernsehen, in der Literaturvermittlung und der Marktsteuerung Funktionen übernommen hat, die man ihm noch vor zehn Jahren nicht zugetraut hätte. Wenn heute gewisse Ikonen – beispielsweise Pfeifenraucher – weniger attraktiv sind als früher, dann gibt es dafür andere Bilder: junge Autoren, egal ob männlich oder weiblich.

Dazu kommt ein produktions- beziehungsweise distributionsbezogener Faktor: Es gibt heute ein grösseres Bedürfnis nach jungen Autoren mit einem unbekannten Namen, weil der Markt stärker als früher nach Neuheiten verlangt. Die Literaturverlage haben deshalb den Ausstoss der Titel pro Jahr deutlich erhöht. Sie haben heute weniger das Bedürfnis, längerfristig in einzelne Autoren und Autorinnen zu investieren, auch weil sie damit teilweise schlechte Erfahrungen gemacht haben. Man hat mittelmässige Autoren und Autorinnen aufgebaut, die dann trotz grössten Werbeanstrengungen vom Markt nicht mehr getragen wurden – Suhrkamp beispielsweise scheiterte mit dieser Strategie. Dieses Bedürfnis nach immer neuen Namen führt dazu, dass man heute junge Leute sehr viel schneller in den Betrieb zu integrieren versucht in der Hoffnung, dass sie a) ein gutes Bild machen, b) das Bedürfnis des Marktes nach Neuheiten optimal bedienen und c) rentieren.

Es fällt ja auf, dass zum Beispiel auch die in der Anthologie «einspeisen» versammelten Autoren und Autorinnen im Durchschnitt sofort grosse Beachtung und Anerkennung erfahren haben.

Das stimmt allerdings: Lukas Bärfuss bekam 1998 das Lydia Eymann-Stipendium in Langenthal – notabene eines der bestdotierten Stipendien in der Schweiz, wenn nicht gar in Europa. Christian Uetz, 3sat-Preisträger letzthin in Klagenfurt, lebt als Eymann-Stipendiat zurzeit in Langenthal, Marianne Freidig wird ihn nächstes Jahr in dieser Funktion ablösen. Händl Klaus erhielt schon vor einiger Zeit den Robert Walser-Preis. Guy Krneta ist bereits verschiedentlich ausgezeichnet worden und lebt seit Jahren von seiner dramaturgischen und literarischen Arbeit. Armin Senser hat in diesem Jahr ein Werkjahr der Pro Helvetia und im Juli den renommierten Preis des literarischen Kolloquiums in Berlin erhalten. Sabine Wen-Ching Wang war dieses Jahr zum Klagenfurter Literaturkurs zugelassen. Und Raphael Urweider wurde im Frühling mit dem Darmstädter Leonce und Lena-Preis der wichtigste deutschsprachige Lyrikpreis zugesprochen. Mit anderen Worten: «einspeisen» enthält Texte, die schmecken.

Die Tendenz des Literaturbetriebs, junge Leute aus kurzfristigen Verlagsinteressen in die Höhe zu schiessen, hat aber eine Kehrseite: Nicht wenige von ihnen stürzen kurze Zeit später unsanft ab.

Das ist in der Tat so. Nur sind die jungen Leute weniger naiv, als man vielleicht vermutet. Viele Autoren und Autorinnen haben, wie gesagt, mehrere Eisen gleichzeitig in verschiedenen Feuern. Abgesehen davon kann es auch sein Gutes haben, wenn man mit 25 zum Prinzen geschlagen wird und mit 28 als Gärtner arbeiten muss. Das ist unter Umständen besser, als wenn man zwischen 20 und 40 fünfzehn Mal von irgendwelchen gutmeinenden Literaturkommissionen mit kleinen Preisen über Wasser gehalten wird, mit 45 dann keine Preise mehr bekommt und mit 50 realisiert, dass man eigentlich gar kein Schriftsteller ist.

Das Herausgeberteam des Berner Literatur-Almanachs erhält jetzt 10’000 Franken mit der Zweckbestimmung, «dem aktuellen literarischen Schaffen weitere Wege hin zu den Leserinnen und Lesern zu öffnen». Was passiert mit dem Geld?

Wir werden es einspeisen und bestimmt nichts horten.

[1] Reto Sorg ist Literaturwissenschaftler und hat zusammen mit Adrian Mettauer und Wolfgang Pross den «Berner Literatur-Almanach», zusammen mit Yeboaa Ofosu die Anthologie «einspeisen» herausgegeben.

 

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«Berner» Literatur 1999

Als Mitherausgeber des «Berner Literatur-Almanachs» erhält Reto Sorg zusammen mit Adrian Mettauer und Wolfgang Pross am 25. August den Literaturpreis der Stadt Bern: «Es soll damit einerseits gewürdigt werden, was dieses Team beim Zusammentragen und Auswählen der Texte namentlich auch jüngerer Autorinnen und Autoren für die bernische Literatur und damit zugleich für die literarisch interessierte Öffentlichkeit geleistet hat», schreibt die zuständige Kommission.

Der Versuch, zwischen zwei Buchdeckeln zu präsentieren, was «Berner» Literatur zu einem bestimmten Zeitpunkt sei, ist nicht zum ersten Mal unternommen worden: 1956 und 1963 gab der Berner Schriftsteller-Verein je einen Band mit «Berner Lyrik» und mit «Berner Erzähler[n]» heraus. Aus den beiden Büchern lässt sich herauslesen, was damals als spezifisch «bernerisch» galt: Lyrik und Prosa, die in Hoch-, ausnahmsweise in Berndeutsch verfasst waren von einem in der Region Bern wohnhaften, in aller Regel männlichen Vereinsmitglied (auf 46 Autoren kamen 8 Autorinnen).

Der «Berner Literatur-Almanach» von 1998 zeigt, wie stark sich auch in Bern die Welt und mit ihr das Feld der Literatur gewandelt hat: Dokumentiert wird nicht mehr nur Primärliteratur in allen möglichen Formen, sondern auch literaturkritische und literaturhistorische Beiträge. Geschrieben werden neben mehreren deutschschweizerischen Dialekten alle vier Landessprachen – auch italienisch (Donata Berra) und rätoromanisch (Fabiola Carigiet). Man kommt von weit her (etwa Ibrahim al-Koni oder Jurji Galperin) oder wohnt weit weg (Mariella Mehr in Lucignano, Paul Nizon in Paris, Matthias Zschokke in Berlin). Dass es den Berner Schriftsteller-Verein, der seinerzeit den Begriff «Berner» Literatur standespolitisch besetzt hat, auch heute noch gibt, werden nicht einmal mehr alle AutorInnen wissen. Und um gut acht Prozent ist die Literatur sogar weiblicher geworden (auf 57 Autoren kommen jetzt 17 Autorinnen).

Natürlich versammelt der 500seitige Almanach – von Guido Bachmann bis Laure Wyss –die prominentesten «Berner» AutorInnen. Seine grösste Leistung jedoch ist es, dass er eine neue Generation von Schreibenden entdeckt hat und zu Wort kommen lässt: Lukas Bärfuss, Marianne Freidig, Händl Klaus, Armin Senser und Raphael Urweider. Diese AutorInnen – und einige weitere – haben sich nach Erscheinen des Almanachs dann im Winter 1998/99 an Lesungen beteiligt, die die Literaturwissenschaftlerin Yeboaa Ofosu in der «Speiseanstalt der Untern Stadt Bern», der sogenannten «Spysi», durchgeführt hat. An diesen Lesungen wirkte Sorg als Moderator mit, und zusammen mit Ofosu hat er nun vor kurzem die Anthologie «einspeisen» herausgegeben, die neben Arbeiten der erwähnten fünf jungen AutorInnen auch solche von Guy Krneta, Johanna Lier, Christian Uetz und Sabine Wen-Ching Wang versammelt.

An der Buchvernissage von «einspeisen» sassen Mitte Juni die AutorInnen gemeinsam auf der Bühne des «Schlachthauses» in Bern und lasen teils alle gleichzeitig aus verschiedenen Texten, teils lösten sie sich ab, quer durch die Texte ununterscheidbar aus Eigenem und Fremdem lesend. So rückte statt der Schreibenden das fragmentierte Geschriebene als anonymes, vielfach gebrochenes Spielmaterial ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Wenn diese Präsentation etwas über die im Buch dokumentierten Texte auszusagen vermag, dann dies: Das an die eigene Moralität zurückgebundene Zeigen, Deuten und Meinen – das ganze aufklärerische Pathos, das seit den frühen sechziger Jahren grosse Teile der deutschschweizerischen Literatur pädagogisierend unterfüttert hat – scheint überwunden. Wer heute schreibt, redet nur noch für sich und wer mit einem Text an die Öffentlichkeit tritt, tut dies mit einem Produkt, nicht mit dem Spickzettel für eine gesellschaftspolitische Mission. Die Literatur der späten neunziger Jahre, so scheint es, muss fast nichts mehr. Dafür darf sie, was sie will. Diese neue Freiheit macht die Lektüre von «einspeisen» spannend und – für einen wie mich, der im Zeitalter der «Gruppe-Olten-Literatur» zu lesen begann – lehrreich.

Adrian Mettauer/Wolfgang Pross/Reto Sorg [Hrsg.]: Berner Almanach, Band 2: Literatur. Bern (Stämpfli Verlag) 1998.[1]

Yeboaa Ofosu/Reto Sorg [Hrsg.]: einspeisen. Zürich (zip [=Zurich InterPublishers]-Verlag) 1999.  

[1] Siehe darin auch meinen Beitrag: «Nullpunkt oder stinkendes Bschüttloch?» zur Berner Literaturszene der 1960er Jahre.