Das Gedächtnis der Gewerkschaft

Zurzeit ist das Smuv-Haus in Bern eine Baustelle: Die Stöcke 2 und 3 sind gespenstisch leer und werden in den nächsten Wochen zur Zentrale der neuen Gewerkschaft Unia umgebaut. Wer bisher hier arbeitete, hat sich anderswo einen provisorischen Arbeitsplatz gesucht. In einem überstellten Büro im ersten Stock zum Beispiel arbeiten im Moment nicht nur drei Kolleginnen der Smuv-Kommunikationsabteilung, sondern an einem kleinen Schreibtisch in einer Ecke auch Rebekka Wyler, die Archivarin der Gewerkschaft.

Zu ihrem Auftrag gehört es, die Smuv-Archive der Regionen und Sektionen zu sichten und ins Zentralarchiv zu überführen, das hier im Keller zwischengelagert ist. Dieses Zentralarchiv soll soweit erschlossen sein, dass es von Gewerkschaftsmitgliedern und Forschenden benützt werden kann. Laufend beantwortet Wyler telefonische und E-Mail-Anfragen und stellt Dokumentationen zu bestimmten Themen zusammen.

«Häufig melden sich Kollegen oder Kolleginnen, die auf der Suche sind nach Material zur Sektionsgeschichte. Hier zum Beispiel», sagt sie und öffnet ein hochformatiges schwarzes Buch, «eine Anfrage aus der Smuv-Sektion Rüti, Kanton Zürich. Dort plant man eine Broschüre und eine Tonbildschau für ein Jubiläum.» Seite für Seite in gestochen klarer Handschrift vollgeschrieben: Das sind die ersten Protokolle der Sektion, gut hundertjährig. Wyler blättert vorwärts zum November 1918: Getreulich ist hier verzeichnet, was der Genosse aus Zürich erzählt hat, der im Hinterland über die ersten Tage des Generalstreiks informierte. Dass sich gewerkschaftsgeschichtliche Umbrüche manchmal in Details spiegeln, erwähnt Wyler en passant: «Ende der dreissiger Jahre wechselt in der gewerkschaftlichen Korrespondenz die Anrede von ‘Werter Genosse’ zu ‘Werter Kollege’.»

Auf dem Weg ins Sozialarchiv

Unterdessen sind wir mit dem Lift in das zweite Untergeschoss gefahren: Hier unten liegen verwinkelt hintereinander mehrere ehemalige Zivilschutzräume gefüllt mit mächtigen Rollarchiven: «700 Laufmeter Papier», sagt Rebekka Wyler. Vieles lag bis vor kurzem oben im dritten Stock. Jetzt stapelt sich die Gewerkschaftsgeschichte hier unten bis an die Sichtbetondecke: «Protokolle der Paritätischen Kommission Schuhindustrie», «La fédération horlogère 1889-1890»; «Der schweizerische Metall-Arbeiter»; «Lotta sindicale», «Lutte syndicale», «Smuv-Zeitung»; Dutzende von Laufmetern Krankenkassenbelege; Regale voller Protokollbücher; dicke rote Kopierbücher mit jeweils Hunderten von Briefkopien auf dünnem Durchschlagspapier; Notizbücher mit stenographischen Aufzeichnungen; Diktaphonbänder und sauber beschriftete Schachteln voller Tonbandkassetten; ein Zinnteller mit der Gravur: «Dem Freunde Konrad Ilg zum 60. Geburtstag», gestiftet von der Sektion Bern – ein Geschenk für den Smuv-Präsidenten des Jahres 1937.

«Zur Archivarbeit kommt die Projektarbeit», erzählt Rebekka Wyler. Sie sei Mitglied der Archivkommission, die für die Zusammenführung der Archive von Smuv, GBI und VHTL zuständig ist. Die drei Archive, die zurzeit noch in den jeweiligen Zentralen liegen, sollen nach Zürich in das Sozialarchiv überführt werden. Das ist viel Arbeit: Das Archiv der GBI umfasst noch einmal 500 Laufmeter Papier und muss, wie jenes des VHTL, erst noch exakt erschlossen werden. Bis jetzt ist nur das Smuv-Archiv nach Stichwörtern und Signaturen vollständig katalogisiert. Überführt werden sollen die drei Archive in die neuen Lagerräume des Sozialarchivs im Werdhochhaus in Zürich, die im Frühling 2005 bezugsbereit sind.

Geschichte für die Öffentlichkeit

Ob sie sich denn hier nicht selber wegrationalisiere und arbeitslos sein werde, sobald die Überführungen abgeschlossen seien? «Nein», sagt Rebekka Wyler, «auch die neue Unia wird eine Archivarin brauchen. Auch diese Gewerkschaft wird Akten produzieren, die katalogisiert, zwischengelagert und schliesslich nach Zürich überführt werden müssen.»

Und ein weiteres spannendes Arbeitsfeld ist schon abgesteckt. In Zusammenarbeit mit der Unia verpflichtet sich das Sozialarchiv, mit dem eingelagerten gewerkschaftlichen Material Veranstaltungen und Ausstellungen zu organisieren, damit die Geschichte der schweizerischen Gewerkschaftsbewegung nicht in Vergessenheit gerät. Ein guter Plan: Aus der Geschichte lernt man am zuverlässigsten, wofür und wogegen man sich in der Gegenwart wehren muss.

 

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Forschende Werkstudentin

Ab und zu wird es beim Blättern in alten Papieren sehr spannend: Als Rebekka Wyler das Archiv der Smuv-Sektion Zürich räumte, stiess sie auf den Streik der Heizungsmonteure vom Sommer 1932. Damals ist vieles zusammen gekommen: ein Gesamtarbeitsvertrag, aus dem die Arbeitgeber Lohnkürzungen herauslasen; Heizungsmonteure, die für ihren Lohn streiken wollten; Smuv-Funktionäre, die gegen den Streik waren, weil man den Vertrag einhalten müsse; Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten kurz vor dem Friedensabkommen von 1937 in der Metall- und Maschinenindustrie – im nächsten Sommer wird die Forscherin Rebekka Wyler nun ihre Lizentiatsarbeit über diesen Streik abschliessen.

Wyler ist 1978 in der Stadt Zürich geboren und dort aufgewachsen. Nach der Matur arbeitete sie ein Jahr lang als Sachbearbeiterin im Bereich des Informatik-Supports auf einer Bank. 1999 begann sie, Geschichte, Volkswirtschaft und Nordistik zu studieren. Im Rahmen des Studiums lernte sie schwedisch und studierte 2002/03 ein Jahr lang an der Universität Helsinki.

Seit dem Sommer 2003 arbeitet sie zu 40 Prozent als Smuv-Archivarin. Sie verdient rund 1700 Franken netto. Als Gewerkschaftsmitglied ist sie 2003 vom VPOD zum Smuv übergetreten. Politisch ist sie seit 1994 bei den Zürcher Jusos aktiv und arbeitet im Vorstand des «Oltener Kreises linker SozialdemokratInnen» mit.

Die Redaktion setzte den Titel «Genosse wird Kollege».