C. A. Looslis Glaube

 

Begegnung

Bereits war ich ein wenig angesoffen,
Da hab ich Jesus Christus angetroffen.
Er grüsste: «Bruder, Friede sei mit dir!»
Drauf ich: Salut! Komm mit; ich zahl ein Bier!

Ich sah, dass ihn mehr hungerte denn dürste,
Da rief ich: Frieda! bring einmal zwei Würste
Und Brot! – darauf zu ihm: Wo kommst du her?
«Ich – von Witzwil», sprach er und seufzte schwer.

Wieso? Warum? Was hast du ausgefressen?
«Ich hab als armer Jude mich vermessen
Zu kommen, schwarz natürlich, in die Schweiz
Und ward erwischt!» – Das kennen wir bereits:

Doch du, du hast ja Kirchen allerwegen!
«Wo man mich abwies», seufzte er verlegen,
«Und mich verzeigt’ der Fremdenpolizei
Als Erzvagant, der allen lästig sei!»

Er sprachs und ass derweil, ich fluchte:
Hol sie der Teufel, diese gottverruchte...
Da winkt’ er milde ab und meinte nun:
«Vergib! Sie wissen ja nicht, was sie tun!»

(C. A. Loosli in: Freies Volk, 23. Mai 1947)

Der Schriftsteller Carl Albert Loosli (1877-1959) war nicht nur der Verfasser einiger berndeutschen Bücher, als den man ihn heute noch kennt. Als einer der bedeutenden schweizerischen Intellektuellen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts muss er erst wieder entdeckt werden. Tatsächlich umfasst sein Werk Dutzende von Büchern (davon eine ganze Reihe von nie veröffentlichten), viele hundert Zeitungsartikel und tausende von Briefen.

Berücksichtigt man Looslis Jugend, so ist dieses Werk nichts weniger als verblüffend: Er wuchs bis zwölf als Verdingbub und später in verschiedenen Anstalten auf. Die Erziehung zur Widerborstigkeit brachte ihn folgerichtig in die Jugendstrafanstalt Trachselwald, wo er am eigenen Leib eine Diktatur im Kleinen voll perversen Machtmissbrauchs erlebte, mit ausgebautem Spitzelwesen und systematischen folterartigen Strafen. Wer in Trachselwald «erzogen» worden war, fristete später entweder als Knecht ein unauffälliges Leben oder wurde bald einmal als kriminell eingesperrt respektive als sozial auffällig «administrativ» versorgt. Nicht so Loosli. Bereits wenige Jahre nach seiner Entlassung 1897 hatte er das Profil eines breit gebildeten und sprachgewaltigen Journalisten und Publizisten. Wo nahm dieser junge Mann so viel Kraft her? War er ein gläubiger Mensch?

Vom Auserwählten zum Agnostiker

«Der Anstaltsgott ist im wesentlichen eine höhere Polizeiberufungsstelle», beschreibt Loosli 1924 in «Anstaltsleben» seine frühen Erfahrungen. Und: «Gott […] steht immer auf der Seite des Vorgesetzten.» Trotzdem suchte Loosli in Bern 1897 Anschluss an den christlichen Bildungsverein Philadelphia, wo es, wie der Loosli-Biograf Erwin Marti schreibt, nach einem «Eröffnungskantus» jeweils ein Referat und eine Tasse Tee gab, dazu abends Bibelstunden. Tatsache ist, dass Loosli in späteren Jahren sehr bibelfest gewesen ist. 1898 schien er sich dann ganz dem Christentum zuwenden zu wollen. Er entschied sich, «in die Mission» zu gehen und begründete gegenüber seinem väterlichen Freund und Pfarrer August Gruner: «Ich habe weder Familie, noch Carriere, noch Zukunft vor mir, für mich ist das Opfer nicht gross, ich habe ja nichts zu verlieren.»

Weshalb er seinem inneren Ruf doch nicht folgte, ist nicht endgültig geklärt. Marti vermutet, dass Looslis Wunsch zum tätigem Glauben einem stärkeren gewichen sei – jenem «nach Gleichheit und nach sozialen Reformen – Loosli empfand die drängenden ungelösten Probleme seiner Zeit». Nacheinander habe sein Zickzackweg, schreibt Loosli 1940 an Eduard Burri, auch er ein Pfarrer, von der protestantischen Orthodoxie via Calvinismus, freikirchlichem Pietismus, «stumpfsinnigem Rationalismus und Antiklerikalismus» zu einem «toleranten Agnostizismus» geführt: «Dabei bin ich trotzdem in meinem Unterwusstsein stets ein homo religiosus verblieben, und gerade darum trat ich vor bald vierzig Jahren aus der Kirche aus.»

Ab 1905 schrieb Loosli als Redaktor des «Berner Boten» jene Leitartikel, die ein Jahr später unter dem Titel «Bümpliz und die Welt» als Buch erschienen sind. Darin findet sich – neben religionskritischen Texten wie «Christentum und Vaterlandsliebe», «Weihnacht» oder «Pfingstpredigt» – auch ein Essay mit dem Titel «Glaube». Darin zeigt sich Looslis nun als Agnostiker: «Glauben heisst […], etwas für wahr halten, für das man keine Beweise hat. Glauben ist eine Sache des blossen Willens, eine Knechtung des Verstandes, der Denkfähigkeit zugunsten des Gemütes, der Bequemlichkeit. In dieser Bequemlichkeit vielleicht liegt das Beseligende des Glaubens. Haben wir das Recht, einem den Prozess zu machen, weil er bequem oder nicht bequem ist?» Und überhaupt: an was man denn glauben solle? «An die Kirche, die wir selbst geschaffen haben, die nichts mehr und nichts weniger ist als die Institution eines Gesetzes, welches abzuändern jederzeit in unserer Macht steht? […] An die Geistlichen, welche wir besolden, und die uns nicht von Gott reden würden, besoldeten wir sie nicht? […An Gott,] der da sagt: ‘Du sollst nicht töten!’ und die, welche töten, segnet? […] An einen Gott, der in dem Schwachen mächtig ist und nur zu den Mächtigen sein gnadenreiches Ohr neigt?» Loosli verwirft nicht Gott, aber die Kirche, die ihn zu dem gemacht hat, als was er ihm erscheint. Loosli postuliert: «Wer liebt allein hat Gott.»

«Waffenbruder» Leonhard Ragaz

Looslis Vorstellung von Liebe machte ihn aber nicht zum Almosner des Gutmeinens, sondern zum gesellschaftspolitisch intervenierenden Publizisten. Marti schreibt für die späteren Jahre: «Für Loosli ist das Christentum ein Teil der menschheitsverbindenden Gesittung, gehen die Religionen ein in die allumfassende Humanität. Zu dieser Humanität gehören Kunst und Kultur, die Demokratie und die Menschenrechte, gehören die Grundwerte der Amerikanischen und der Französischen Revolution.»

Trotz der Hinwendung zur agnostischen Weltsicht hat Loosli zeitlebens den Kontakt zu engagierten gläubigen Menschen gepflegt. Marti erzählt, dass er von Looslis Tochter Annemarie vor deren Tod gehört habe, ihr Vater habe in Bümpliz zwischen einem katholischen Abbé, einem jüdischen Prediger und dem protestantischen Ortspfarrer interkonfessionelle Gespräche zu initiieren versucht. Erhärten konnte er diese Aussage bis heute allerdings nicht.

Belegt ist hingegen, dass Loosli mit Leonhard Ragaz Briefe gewechselt hat. Ragaz schrieb nach seiner Lektüre von Looslis Schrift «Schweizerische Zukunftspflichten» am 9. September 1915 unter anderem: «Wir würden vielleicht nicht in allen Dingen Eins sein, aber darin, worauf es jetzt ankommt. Ich hab die Entdeckung gemacht, dass ich, der Antipatriot u. Internationalist, seit dem 4. August 1914 mich in der deutschen Schweiz ziemlich einsam fand, weil ich Schweizer war u. Demokrat!» Loosli antwortete am 13. September: «Ich habe seit Jahren die Überzeugung, dass in unser Land all das, was uns die Schweiz liebwert und achtbar gestalten sollte, allgemach den Anstürmen des Neomaterialismus, der bei uns wie ein verheerendes Fieber herrscht, zum Kuckuck geht.» Als ihm Ragaz am 28. April 1916 «einige Dokumente meines Kampfes» zustellte, tat er dies mit dem einleitenden Satz: «Ich habe Ihnen im letzten Herbst meine Waffenbrüderschaft im Kampf um eine selbständige Schweiz angesagt.» Dieser Kontakt und die Tatsache, dass Loosli noch im Juni 1952 in den «Neuen Wegen» einen Beitrag «Zur Strafrechtsreform» veröffentlichte, sind zwei Schlaglichter, die darauf verweisen, dass Loosli die Religiös-Sozialen vermutlich stets im Auge behielt als – um in Ragaz’ Bild zu bleiben – Waffenbrüder an einem anderen Frontabschnitt.

Looslis Weg allerdings führte in späteren Jahren noch weiter weg von christlichen Gewissheiten: In den frühen dreissiger Jahren verfasste er ein Buch unter dem Titel «Briefe eines Gottlosen». Der Texte sei, schrieb er 1932 an seinen Freund Jonas Fränkel, «nichts weniger, als eine grundsätzliche Absage an die Offenbarungsreligionen und ihre Lehren». Auf Bitte seiner Frau Ida Loosli-Schneider hat er das druckfertige Typoskript später vernichtet.[1]

Der Entscheid zur Erfolglosigkeit

Looslis unbedingter Humanismus hat ihm nicht zuletzt sein Leben als Berufsschriftsteller erschwert. Zum einen führte er ihn dazu, publizistische Auseinandersetzungen unerbittlich und ausdauernd zu führen – womit er sich viele, auch mächtige Feinde schaffte. Zum andern stellte er seine schriftstellerische Berufsethik über die ästhetischen Kategorien von Literatur. In seinem nie veröffentlichten Alterswerk «Als freier Schriftsteller» (nach 1947) schrieb er: «Der einzig berufene Lehrmeister des Berufsschriftstellers, worunter bloss der durchaus sendungsbewusste, der berufene, also nicht der bloss gewerbliche Unterhaltungs- oder Tagesschriftsteller zu verstehen ist, bleibt immer das pulsende, innere Erleben und Erleiden des Daseins.» Und 1925 in «Ich schweige nicht!»: «Gewiß, ich achte die Kunst hoch, gestehe gerne, daß mir nichts vollkommener wäre als mich ihr ganz und ausschließlich zu widmen, doch achtbarer, erhabener noch ist mir der Menschen Leiden, besonders wenn diese Menschen wehrlose Kinder sind. Gelingt es mir, das Los auch nur einer geringen Zahl unter ihnen lebenswerter, erträglicher zu gestalten, dann mag, was ich etwa künstlerisch geschaffen habe oder noch schaffen werde, samt meinem Namen versinken und vergessen werden, denn dann habe ich Wertvolleres erreicht und außerdem, mittelbar freilich, auch der Kunst mehr gedient als durch die Schöpfung noch so wohlgeratener Dichtungen.»

Wer so redet, gilt der zünftigen Ästhetik bestenfalls als «Tendenzschriftsteller». Loosli dagegen sagte in «Als freier Schriftsteller»: «Wir leben in einer Zeit ausgesprochenen Überflusses überdurchschnittlicher Talente, aber trotzdem in einer eigentlichen Kulturverdämmerungsepoche.» Oder kurz und bündig: «Gepriesen wird ja jeder Tunichtgut, / Dem nie des freien Geistes kühner Flug / Die Feder leitet, der sich immer frug, / Ob er auch schwimme mit der Modeflut: / Fürwahr! Heut schreibt bald jeder Esel gut!» (in: Der Samstag, 4.2.1933)

Loosli liess sich nie zum Esel des modischen Literaturbetriebs machen und hat seinen Preis bezahlt dafür. Im Rückblick sagte er: «Vor mir muss und darf ich heute feststellen, dass ich als freier Schriftsteller […] in jeder, aber wirklich in jeder Hinsicht erfolglos blieb, dass ich daher, bis zum heutigen Tage und wohl auch bis zu meinem Ende, ein dürftiges, ärmliches Dasein lebe.» Dem ärmlichen Dasein schloss sich nach seinem Tod das Vergessen des Intellektuellen Loosli an: Ein Schriftsteller, der nur erzieherische Reformen – insbesondere zugunsten von Anstalts- und Verdingkindern – initiiert hat, der zweisprachig publizierend gegen die Verbreiterung des Röstigrabens oder gegen die Antisemiten und Nazis im Land kämpfte, der sich für die Arbeitsbedingungen der Kunstschaffenden engagierte usw. – so einer war und ist für das herrschende Literaturverständnis der Schweiz eine Quantité négligeable gegenüber jeder verwehten Seele, die mit sprachlich interessant klingenden Dunkelheiten zum vagen Mitempfinden einlädt.

Am 1. Januar 1924 schrieb Loosli an Jonas Fränkel: «Ich habe mir soeben mit recht innigem Behangen, gewissermaßen auch als Neujahrslosung, das 2. Kapitel des Predigers Salomo zu Gemüte geführt. Eine ganz gute Arznei, zu der ich gelegentlich nicht ungern greife.» In diesen Versen des «unsterblichen Kohelet», dem Loosli auch zu Beginn von «Als freier Schriftsteller» die Reverenz erweist, heisst es: «Darum verdross es mich zu leben, denn es war mir zuwider, was unter der Sonne geschieht, daß alles eitel ist und Haschen nach Wind» (2,17). Allerdings steht dort eben auch: «Doch dies sah ich auch, dass es von Gottes Hand kommt» (2,24).

[Kasten]

«Unser Vater» berndeutsch

Um zu zeigen, wie schwierig es sei, hochdeutsche Texte in die «mundartliche Muttersprache» zu übertragen, verfasste C. A. Loosli 1938 eine Übersetzung des «Unser Vater»-Gebets in sein unteremmentalisches Berndeutsch. Unsicherheiten gab er mit Varianten an:

«Üse Drätti, wo d’im Himu (obe) bisch; dy Name söw gheiliget (?) wärde. Dys Rych (dy Herrschaft, dy Regierig) söw cho. Dy Wiwe söw (hie) uf Ärde (glych?) wi im Himu gäwte (gscheh?). Gib ist hüt üses täglig Brot (üsi ‚tägligi?’ Spys u Trawch?). U verzie-n-is (vergib is) üsi Schuwde (Sünde?), wi (au?) mir dene verzieh (vergäh?), wo sich a-n-üs (gäge-n-üs?) verfähwt (gsündiget?) hei. Füehr is nid i d’Versuechig (lah-n-is nid nach em Böse gluste? oder: mach, das d’s Böse (?) nid Meister wird über is) – z’Gägespiew: tue-n-is vom Übu (vom Böse – vom Sündige?) erlöse. Vo wäge d’s Rych (Herrschaft? Regierig?) d’Chraft (?) u d’Herrlichkeit (?) sy dyni (ghöre dir?), vo jitze-n-a bis i d’Ewigkeit (?) – Ame!»

Im Anschluss an diesen Vorschlag kommentierte Loosli: «Ganz abgesehen davon, dass viele Wörter in der Schriftsprache einen auffällig verschiedenen Sinn von den entsprechenden der Mundart aufweisen (Reich, Wille, Brot, Schulden, Schuldigern, Versuchung, das Böse, Übel, Kraft, Herrlichkeit), gibt es welche, die in der vorerwähnten Mundart überhaupt keinen gleichwertig deckenden Ausdruck bieten wie etwa – geheiligt – vergeben – erlösen u.a.m.»[2]

Rund vierzig Jahre später behauptete der Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti gegenüber dem Psychiater und Schriftsteller Walter Vogt, das «Unser Vater» sei nicht ins Berndeutsche zu übertragen. Der Freigeist Vogt setzte sich an den Schreibtisch und widerlegte Marti wie folgt:

«vattr
im himu
häb zu diim imitsch soorg
üüs wäärs scho rächcht wett azz ruedr chäämsch
und alls nach diim gringng giengng
im himel obe-n-und hie bi üüs…
gib is doch zässe
u wemr öppis uusgfrässe heij
vrgiss daas
miir vrgässes ja oo wenis eine
dr letscht näärv uusziett
hör uuf nis machche zggluschschtte
nach züüg wo-n-is nume schadtt
hiuff is liebr chli –
diir gghöört ja sowisoo scho alls wos gitt
amen.»[3]

[1] Loosli berichtet seinem Freund Jonas Fränkel am 24.6.1932, er habe zwei Bücher, unter anderem  «Briefe eines Gottlosen», druckfertig, schickt ihm das Inhaltsverzeichnis zur Information und fährt fort: «Selbstverständlich bin ich auf der Suche nach Verlegern für die beiden Arbeiten. Aber während ich für die über die bildende Kunst ziemlich Bescheid weiss, wo mit einiger Aussicht auf Erfolg anklopfen, weiss ich mit dem besten Willen nicht, wer sich, ausser dem «Freidenker-Verlag» in Berlin, dem ich sie [Randnotiz L: Die Briefe eines Gottlosen]  angeboten habe und dessen Antwort ich immer noch erwarte, dafür erwärmen könnte. Ich muss Dir nämlich gestehen, dass das Buch, obwohl so ruhig und gemässigt wie möglich in der Form, vor den äussersten Folgerungen nicht zurückschreckt und nichts mehr und nichts weniger bedeutet, als eine grundsätzliche Absage an die Offenbarungsreligionen und ihre Lehren. Es bedarf daher zu dessen Verlag schon eines gewissen Mutes, der nicht überall vorauszusetzen ist. Vielleicht weißt Du mir Rat; - denn in der Schweiz sehe ich wirklich niemand, dem ich das Buch auch nur anbieten möchte. Was denkst Du beispielsweise von Langen-München? / Beide Bücher sind zum mindesten höchst zeitgemäss, jedes in seiner Art und, wie ich mir schmeichle, auch nicht übertrieben dumm. Aber bis unsereiner jemand findet, der soviel Vertrauen in einen setzt, wie in den ersten besten hergelaufenen schriftstellerischen Windmacher! / Gerne hätte ich Dir vorgängig die beiden Handschriften unterbreitet und Dein Urteil darüber eingeholt, doch wage ich nicht daran auch nur zu denken, da ich Dich über beide Ohren beschäftigt und beansprucht vermute.»

Das erwähnte Inhaltsverzeichnis dieses vernichteten Buchs hat sich – nach dem Abfassen des vorliegenden Aufsatzes – im Nachlass von Jonas Fränkel gefunden. [Für die Erlaubnis, diese Fussnote veröffentlichen zu dürfen, danke ich Peter Loosli, Belp.]

[2] C. A. Loosli: Schweizerdeutsch. Glossen zur Schweizerischen Sprach-Bewegung, Basel (Birkhäuser) 1938, 34.

[3] Dieter Fringeli (Hrsg.): Mach keini Schprüch, Zürich (Ammann-Verlag) 1981, 93.

 

Nachtrag (10.6.2021)

 

Bereits am 28. Juni 1908 hat Loosli an Fränkel geschrieben:

«Du weisst, dass mir nichts ferner liegt, als zu kulturkämpfeln im Sinne der mumifizierten schweizerischen Liberalen. Aber sonderbar ist es doch: – seit dem ich wieder mehr politisch tätig bin und hauptsächlich mit der Arbeiterschaft zusammenkomme, fühle ich immer als Erzfeind, – das verruchte schleichende Gift der gottergebenen Seuche des Christentums. Himmelherrgott! Wo könnten wir bereits sein, was hätte man nicht schon alles erreichen können, ohne den Einfluss der lebensverneinenden paulinischen Lehre. Und das schlimmste an der ganzen Geschichte ist, dass sie auch denen die sich frei und modern wähnen anhaftet wie die Eierschale dem Kücken. Die ganze Schlappschwänzigkeit, das pitoyabelste se laisser faire, der erbärmlichste Sklavensinn kommen bei der leisesten Bewegung wieder zum Vorschein und es scheint als ob es keine Männer, ja nicht einmal mehr ehrliche Ochsen gebe, die man doch am Ende, wenn’s auch nicht viel ist, zum Hornstossen abrichten könnte. Das ganze jämmerliche Gewinsel unserer modernen Schwächlinge aller Gattungen ist im Grunde nichts anderes als braves ehrliches Christentum, das sich nur ein anderes Mäntelchen umhängte, als die Kirche seine Blösse nicht mehr ganz zu decken vermochte. Pfui Teufel!»