«Brutal froh über die Stifti»

Das massive Metallstück auf dem Arbeitstisch ist eine kuppelbare Klemme. Und der Hartgummikeil, den Nathanael Fellberius jetzt auf die Metallunterlage schraubt, heisst «Friktionsplatte». An solchen Klemmen hängen die Sessel von Sesselliften. Als er das nächste Werkstück zur Montage auf den Tisch wuchtet, sagt er: «Andere haben als Arbeitsplatz nur die Werkstatt. Aber mein Arbeitsplatz ist überall da draussen.» Draussen vor der Werkhalle auf 2013 Metern über Meer steht die Mittelstation der Weisshornbahn, dahinter bis unter die Felsen hinauf liegen baumlose Alpweiden. Drauf in langen Mastenreihen die Ski- und Sessellifte der Arosa Bergbahnen AG, die ihn ausbildet.

Im letzten Winter, während des zehnten Schuljahrs in Chur, hatte Fellberius bei der Berufswahl ein Problem. Seine vielen Interessen wollten nicht zu einem einzigen Beruf passen. Im Lehrstellenkalender der «Südostschweiz» stiess er dann auf die Ausbildung zum «Seilbahner». Er war fasziniert: «Da konnte man gleichzeitig Polymechaniker, Elektriker und Fahrzeugmechaniker werden. Dazu lernt man einiges über Baukunde und kommt mit vielen Menschen in Kontakt.» Noch am gleichen Tag habe er damals nach Laax und nach Arosa telefoniert. In Arosa hat’s geklappt.

Am Anfang war die Seifenkiste

Dass man ihm in Arosa als erstes sagte, seine Berufsschule stehe fast zuhinderst im Berner Oberland, hat ihn nicht erschreckt. «Neue Dinge sind immer interessant», sagt er. Und neu ist der vierjährige Ausbildungsgang «Seilbahner/Seilbahnerin EFZ» tatsächlich: Der allererste hat Mitte August begonnen. Seither reist Fellberius zweimal pro Monat via Chur, Thalwil, Luzern und den Brünig-Pass für eine Woche in das Seilbahn-Kompetenzzentrum nach Meiringen.

Der erste Kurs wird von zwölf Männern besucht. Zehn davon machen eine Lehre, zwei besuchen die Kurse zur Ergänzung der langjährigen Berufserfahrung. «Am ersten Schultag wurde die Klasse in zwei Gruppen geteilt. Beide erhielten den Auftrag, innert dreier Stunden eine Seifenkiste zu bauen, die bremsen kann, zu steuern ist und zu zweit gefahren werden kann.» Nach drei Stunden gab es zwei funktionierende Seifenkisten.

Seither ist das erste Schwerpunktthema angesagt: Werkstoffkunde. In Meiringen wohnt Fellberius bei einer Schlummermutter. Das Wochenpensum in der Schule beträgt vierzig Lektionen. «Gewöhnlich komme ich um sechs nach Hause, esse etwas und setze mich danach bis zehn hinter die Aufgaben.»

Der Traum von der Hochtrapeznummer

Am 2. August hat er hier in Arosa die Lehre angefangen: «Als ich am ersten Morgen auf der Verwaltung meinen Lehrmeister traf, sagte er: ‘In de Berga dooba sägen mer du zunenand.’ Das hat mir schon ein gutes Gefühl gegeben.»

Von den Mitarbeitern sei er mit offenen Armen empfangen worden. Von allen erhalte er Unterstützung: «Sie erklären, bevor ich fragen muss. Und wenn ich einmal frage, dann kriege ich eine gründliche Antwort.» Neugierig seien sie zu erfahren, was in Meiringen laufe: «Sie wollen wissen, was ich mache, damit sie mich vom Praktischen her unterstützen können.» Es sei tatsächlich nicht so, dass er jede zweite Woche in Meiringen Neues lerne und jede zweite Woche an der Seilbahn wieder bei Null anfange, im Gegenteil: «Hier geht’s weiter mit Lernen. Es macht wirklich Spass.»

Und lernen muss er vieles: Im Winter, wenn alle Lifte laufen, geht es um Kontrolle und kleine Reparaturen, dazu kommt die Kundenbetreuung an den Liften. Im Sommer – wenn die meisten Lifte stillstehen und die Gondeln «garagiert» sind – herrscht dann jeweils Hochbetrieb: Dann werden die «Batterien» – die Rollenpakete auf den Masten – kontrolliert und getestet; regelmässig werden die «Klemmen» der Gondeln revidiert; alle sechs Jahre werden die Rollenbatterien vollständig zerlegt, und bis zur letzten Schraube kommen alle tragenden Metallteile in die Rissprüfung. Zudem müssen alle paar Jahre die kilometerlangen Trag- und Zugseile geprüft werden.

Jetzt sitzt Nathanael Fellberius im blauen Überkleid auf der Terrasse des Mittelstation-Restaurants und sagt: «Ich bin brutal froh, dass ich die Seilbahner-Lehre begonnen habe.» Dann zeigt er zur Bergstation auf dem Gipfel des Weisshorns hinauf und erzählt von der Reinigung der fix installierten Tragseile: «Das würde ich gerne einmal machen.» Oben in der Bergstation installiere man auf die Seile einen Wagen mit einem Sitz. Man setze sich darauf, sichere sich wie ein Bergsteiger und fahre dann putzend langsam talwärts. «Dort, wo das Seil am meisten durchhängt», weiss er, «ist man 123 Meter über dem Grund.»

 

[Kasten]

«Bronco» aus Alingsås

Nathanael Fellberius (* 1989) ist schweizerisch-schwedischer Doppelbürger. Aufgewachsen ist er in Alingsås bei Göteborg. 2002 zog er mit seiner Mutter und den drei Geschwistern nach Bonaduz (GR). Er trat in die Sekundarschule ein, ohne ein Wort deutsch zu können. Heute redet er Bündnerdeutsch wie ein Einheimischer.

Seit August macht er bei den Arosa Bergbahnen AG eine Lehre als Seilbahner EFZ. Der Lohn im ersten Lehrjahr beträgt 500 Franken; dazu kommen ein Beitrag an sein Studio in Arosa, ein Generalabonnement für den Schulbesuch und 11 Franken Spesenentschädigung pro Tag. Mit der Frage eines Gewerkschaftsbeitritts hat er sich noch nicht befasst.

Er spielt als Quarterback im American-Football-Juniorenteam der «Landquart Broncos». Sein Traum: Nach der Ausbildung an ein US-amerikanisches College zu gehen, um sich diesem Sport ein Jahr lang intensiv widmen zu können. Danach, ist er überzeugt, findet er überall Arbeit. Denn immerhin gehört er zu den zwölf ersten Seilbahnern, die es geben wird auf der Welt.