Bärfuss traf Köppel nicht auf dem Demantberg

Letzthin hat Lotta Suter – meine journalistische Lehrmeisterin vor allen anderen – öffentlich über ihre «Selbstzweifel im Journalismus» nachgedacht; darüber, dass sie angesichts verbreiteter «Realitätsresistenz» im Medienpublikum nie sicher gewesen sei, «was mediale linke Aufklärung überhaupt leisten kann», umso mehr als sie als Journalistin nie auf eine «direkte Kausalität zwischen Aufklärung und politischer Aktion» gehofft habe: «Linke Medienarbeit erteilt keine militärischen Marschbefehle.» (WOZ Nr. 42/2015)

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Dass Aufklärung selber politische Aktion sein könne, hat im letzten Monat der Schriftsteller Lukas Bärfuss mit geradezu spektakulärem Aktionismus zu demonstrieren versucht. Am 5. Oktober gab er dem «Tages-Anzeiger» ein Interview, das unter anderem ästhetische Fragen seiner Literaturproduktion streifte. Er sagte: «Der Text findet eine Form. Dadurch entfernt er sich von mir. Ich schreibe mit kaltem Herzen

Am 15. Oktober dann tat der Essayist Bärfuss das genaue Gegenteil: Er veröffentlichte in der «Frankfurter Allgemeinen» (FAZ) einen sofort als «Wutrede» angesprochenen «Warnruf» mit dem Titel: «Die Schweiz ist des Wahnsinns». Wäre darin das brennende Herz des Autors nicht glaubhaft transportiert worden, hätte sich das kommentierende Feuilleton zweifellos zuerst über soviel EU-freundliche Willfährigkeit mokiert als Reverenz vor dem für Bärfuss wichtigen deutschen Buch- und Theatermarkt.

Das hat es aber nicht. Der Essay wurde als bierernste Aufklärungspolemik vor den eidgenössischen Wahlen vom 18. Oktober verstanden. Der Warnruf stellte sich freilich gleich im ersten Abschnitt als vergeblicher vor, indem er jenen Rechtsrutsch als sicher prognostizierte, der drei Tage später tatsächlich eingetroffen ist. Bärfuss begann demnach sinngemäss so: Aufklärung ist vergeblich. Darum haue ich jetzt als frustrierter Autor mit aufklärerischer Ambition so öffentlichkeitswirksam wie möglich auf die Pauke (also in einem deutschen Medium).

Im Text wird «die Schweiz» vorab mit psychiatrischem Vokabular pathologisiert (Wahnsinn, Manie, Wahn, Katatonie, Umnachtung, Verdrängung), danach geht es um das Verhältnis des Landes zur Europäischen Union, um Privatisierung, um die in Frage gestellte Energiewende und die AKW-«Lotter-Reaktoren», um den «Kulturkampf» im Land, um die mit Blocher-Geld angetriebene SVP-PR-Maschinerie, ausführlich dann um die gegängelten schweizerischen Medienhäuser Tamedia, NZZ und SRF – und im übrigen, kurzum, um den ganzen restlichen Wahnsinn.

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Ein Text, mit brennendem Herzen und – gerne glaube ich es – «in wenigen Stunden» geschrieben (so Bärfuss am 25. Oktober in der «Schweiz am Sonntag»). Mit schwungvoll-anwaltschaftlicher Parteilichkeit, grossdenkerischem Pathos und Zweihänder-Rhetorik unterhält er sein Publikum – nicht sehr sorgfältig formuliert allerdings (hierzulande spricht man von der «Energiewende», nicht vom «Energiewandel») – und in einzelnen Passagen schlicht schlecht gedacht.

«Die [schweizerische, fl.] Linke und die Gewerkschaften», schreibt Bärfuss zum Beispiel, «von denen man Protest erwarten könnte, verharren in einer über Generationen angelernten Bravheit, glauben immer noch an den Arbeitsfrieden und den Sozialvertrag und haben noch immer nicht verstanden, dass sie vom Melker zur Kuh geworden sind». Mit Verlaub: Die Politik der Gewerkschaft Unia zum Beispiel ist nicht dem Glauben an den Arbeitsfrieden, sondern den realen politischen Machtverhältnissen geschuldet (zum Beispiel der eigenen Schwäche). Und im Übrigen war es auch im schweizerischen Kapitalismus seit je so, dass die Melker auf der Seite des Kapitals sassen. Der SPS und den Gewerkschaften zu unterstellen, sie seien je die Melker des Kapitals gewesen und hätten nicht gemerkt, dass sie es nicht mehr sind, ist ein Unsinn, der einem Bärfuss mit kaltem Herzen nicht unterlaufen wäre.

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Lassen wir’s. Auch mir ist klar, dass es um solche Spitzfindigkeiten nicht gegangen ist. Es ging um einen Hahnenkampf. Bärfuss’ Gegenspieler in der FAZ war zwei Tage später der «Weltwoche»-Chefredaktor und Verleger Roger Köppel, der vor dem Frankfurter Publikum mit einer staatsmännischen Replik am 17. Oktober den eidgenössischen Propagandaminister gab.

Köppels Text ist mit kaltem Herzen geschrieben: sauber gearbeitete Gegenaufklärung, zynisch und wo nötig auf die Person von Bärfuss spielend. Bereits der Titel ist raffiniert: «Die bestorganisierte Anarchie des Abendlandes». Unwillkürlich assoziiert man den Buchtitel von Oswald Spenglers kulturkonservativem Standardwerk «Der Untergang des Abendlandes». Dann stolpert man über das Paradox, dass eine Anarchie «bestorganisiert» sein solle und schluckt dabei die insinuierte Propagandalüge, die Schweiz sei eine Anarchie – und nicht ein autoritärer Nachtwächterstaat, sozialabgebaut, mit starker Polizei gegen unten und effizienter Armee gegen innen, den sie nach dem Willen von Köppels Partei werden soll. Die zweite Propagandalüge kredenzt Köppel dem Publikum gleich anschliessend, im ersten Abschnitt seiner Replik: Die Schweiz sei eine «jahrhundertealte Demokratie, die seit fünfhundert Jahren keinen Krieg mehr angefangen» habe. Demokratisch verfasst ist das Land seit 1848, im Jahr zuvor fand der Sonderbundskrieg statt.

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Aber lassen wir’s. Um solche Spitzfindigkeiten ging es wirklich nicht. Es ging auch nicht um Aufklärung und Gegenaufklärung. Köppel (* 1965) so gut wie Bärfuss (* 1971) stehen in der Tradition jenes paradigmatischen Diktums, mit dem sich Max Frisch am 10. Mai 1986 in Solothurn an die Nachgeborenen gewandt hat: «Am Ende der Aufklärung also steht nicht, wie Kant und die Aufklärer alle hofften, der mündige Mensch, sondern das Goldene Kalb.» Was nun der Fall sei, sei die «Heiterkeit der Postmoderne».[1] Und tatsächlich: Sie hat letzthin das Bühnenbild abgegeben für das Frankfurter Schattenboxen.

Aber worum ging es tatsächlich? Ich bezweifle, dass die FAZ innert zwei Tagen zu einer Köppel-Replik gekommen wäre – immerhin stand der Mann neben seinem Beruf im Abschlussstress als Nationalratskandidat –, wenn er Bärfuss’ «Wutrede» nicht schon Tage vor dem Abdruck auf dem Schreibtisch gehabt hätte. Es ging demnach der FAZ um einen präzis auf das Abstimmungswochenende hin getimten Hahnenkampf, um die Inszenierung eines rhetorischen Showdowns. Und kein Zufall ist es, dass die beiden Herren Duellanten hierzulande soweit ich sehe ausschliesslich von männlichen Feuilletonisten sekundiert worden sind (Roman Bucheli – mal so und mal so –, Guido Kalberer, Pedro Lenz und andere). Für einen gut inszenierten Showdown sind Frauen einfach zu unsichere Kantonistinnen. Dazu braucht’s ganze Männer.

Aufklärung? Bauerntheater aus der Provinz für das deutsche Bildungsbürgertum, das auch den Blätterwald der Provinz ein bisschen rauschen liess.

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Trotzdem habe auch ich mitgelesen. Die Inszenierung war ja wirklich unterhaltend. Geschossen wurde mit Kaliber 29,4 – was man allerdings erst nach dem Schusswechsel wissen konnte. 29,4 Prozent der Stimmberechtigten wählten am 18. Oktober die SVP. Aber Köppel und Bärfuss gleichermassen haben mit der Zahl gearbeitet, bevor es sie gab: Für Köppel sind 29,4 Prozent des vaterländischen Fussvolks nützliche IdiotInnen, denen er den Schmus bringt, damit sie als allergrösste Kälber ihre Schlächter selber wählen (ihn zum Beispiel triumphal). Und für Bärfuss sind diese 29,4 Prozent implizit allesamt KryptofaschistInnen, denen nur noch mit psychopathologischer Stigmatisierung beizukommen ist. Der Rest war peng! – peng!

Was man nachlesen kann: 29,4 Prozent des Stimmvolks hat am 18. Oktober 740'954 Schweizern und Schweizerinnen entsprochen. Was man vermuten darf: Diese Leute sind nicht alle dumm, die wenigsten sind Kälber oder FaschistInnen. Trotzdem haben sie SVP gewählt. Warum? – Unbegründete Ängste, von Blochers Milliarden orchestriert! posaunen auf allen Medienkanälen gutgeschulte, urbane Lohnabhängige linksliberalen Geblüts und klopfen sich dabei rhetorisch auf die Schultern, als hätten sie eben etwas Mutiges gesagt.

Im wirklichen Leben sind diese 740'954 Leute – und nicht nur sie – seit drei Jahrzehnten (also zunehmend ihr Leben lang) der ideologischen Gewalt des marktradikalen Neoliberalismus ausgesetzt. Was sie dabei gelernt haben: Wirklich ist nur die tägliche Angst vor Konkurrenz und um das Einkommen. Wer heute seinen eigenen Besitzstand liebt, hasst seinen nächsten wie sich selbst. Die linke Sonntagspredigt am 1. Mai schenkt man sich schon seit Jahren. Dann doch lieber ab und zu am Kiosk eine «Weltwoche». Darin wird gegen jene, die Angst machen, zumindest gehetzt.

Und was tun «wir»? «Wir» bedauern den Rechtsrutsch, der «uns» in den nächsten vier Jahren davon enthebt, die Vernunft, die zwar nicht tot ist, aber «sehr, sehr tief» schläft (so Bärfuss), wieder zu wecken. Im übrigen seien die tumben 740'954 SVP-Wählenden gewarnt, nicht bildungsfern ordinär über die ausländische Konkurrenz in der Arbeitswelt zu schimpfen, ansonsten «wir» ihnen per Antirassimus-Strafnorm den Mund verbieten müssten.

Wie lange ist es her, dass du mit jemandem geredet hast, der SVP wählt? Und wann hast du ihm zum letzten Mal wirklich zugehört? Selten erwacht die Vernunft während des Schulterklopfens unter Gleichgesinnten aus ihrem Tiefschlaf.

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Am Schluss ihres «Medientagebuchs» spricht sich Lotta Suter selber Mut zu: «Weitermachen mit der Aufklärungsgeschichte, allen Zweifeln zum Trotz. So unbeirrt die Berge aus Ignoranz abtragen wie das Vögelchen im Grimm-Märchen die Ewigkeit abwetzt.» Im Märchen ist es so, dass der König dem weisen Hirtenbübchen die Frage stellt, wie viele Sekunden die Ewigkeit habe. Das Kind antwortet: «In Hinterpommern liegt der Demantberg, der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahr ein Vöglein und wetzt sein Schnäbelein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei.»

Soviel Zeit hat die tief schlafende Vernunft freilich nicht mehr, aufgeklärtes Denken und Handeln mehrheitsfähig zu machen. Deshalb verträgt sich Aufklärung und Demokratie immer weniger (ist das der Grund, warum sich Bärfuss in diesem Monat mehrfach kritisch über «direkte Demokratie» geäussert hat?).

Aber angenommen, man hält nicht viel von Platons Philosophenherrschaft (nicht einmal, wenn sie Bärfuss und Köppel im Jobsharing praktizieren würden): Was bleibt dann? Aufklärung von unten, «ohne militärische Marschbefehle», wie Suter schreibt. Aufklärung im Sinndes demokratischen Minderheitssozialismus, von dem Peter Bichsel spricht. Aufklärung, die aus Gründen der Selbstkritik ihre mehrheitsfähige Praxis verweigert. Aufklärung trotzdem. Aber wäre das denn mehr als ein Privatvergnügen? – Ja. «Aufklärung trotzdem» ist Selbstaufklärung; Privates, das öffentlich ist. Wie dieser Text hier: kein Marschbefehl, aber ein kritisierbares Angebot.

Selbstaufklärung ist ein Spaziergang über den Demantberg mit der Hoffnung im brennenden Herzen, einmal nur das Vöglein bei der Arbeit zu sehen, das hier alle hundert Jahr vorbeikommt, um sein Schnäbelein zu wetzen. Einen solchen Spaziergang unternimmt man nicht mit der «Öffentlichkeit als Partner» (Max Frisch, 1958). Schon deshalb nicht, weil es die damalige Öffentlichkeit nicht mehr gibt.

[1] Max Frisch: Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb, in: ders.: Schweiz als Heimat? Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1991, 462 + 465.