Aufbrüche mit dünnem Fell

Ein «starker innerer Impuls» sei es gewesen, schreibt die deutsche Bildhauerin Sophie Zerchin, dem sie am 9. April 1936 gefolgt sei, hinaus ans Meer. Dort hat sie die Kleider ausgezogen und ist nachts der Leuchtspur eines Sterns gefolgt, immer weiter hinaus in den Schlick des Wattenmeers. Als die 19jährige Frau am anderen Morgen von Arbeitern gefunden wird, ist sie reif für die Anstalt. Die Diagnose ist klar: «Schizophrenie». Und was das ist, wissen die Fachleute damals genau: Ein vererbtes, chronisches Leiden körperlichen Ursprungs, das unabhängig von irgendwelchen vorangegangenen seelischen Erschütterungen, gleichsam schicksalshaft, plötzlich ausbricht. Solche Psychosen seien «endogen», sagen sie, was damals heisst: Da ist Hopfen und Malz verloren.

Die Palette der Therapien

In den folgenden 23 Jahren durchlebt Zerchin fünf psychotische Episoden, die jeweils zu Klinikeinweisungen führen. Sie lernt in dieser Zeit sehr unterschiedliche Kliniken und jedes Mal neue Varianten der psychiatrischen Heilkunst kennen. 1936 erlebt sie Dauerbäder und nasse Packungen, Kaltwassergüsse auf den Kopf, Betäubungsspritzen und – gemäss dem nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetz – ihre Sterilisation. 1938 wird sie mit dem Krampfgift Cardiazol behandelt. 1943 muss sie sich in der Frankfurter Universitätsklinik einer Insulin-«Kur» unterziehen. Obschon nach dieser «quälenden Prozedur» von Heilung keine Rede gewesen sei, hat sie damals grosses Glück gehabt: Der Klinikleiter Karl Kleist ist einer der wenigen Psychiatrieprofessoren gewesen, die sich in Deutschland gegen die nationalsozialistischen Patientenmorde gewendet haben. Bei der vierten Psychose wendet man im Landeskrankenhaus Gütersloh 1946 Elektroschocks an. Und 1959 ist es noch einmal anders: «Das hatte ich noch nicht erlebt: Dass wir nach einem kurzen Aufnahmegespräch sofort mit Psychopharmaka stillgelegt wurden und dann ständig unter der betäubenden Wirkung von Medikamenten blieben.»

So unterschiedlich die therapeutischen Zugriffe gewesen sind, mit denen man Sophie Zerchin zur Vernunft bringen wollte, so konstant war das Verhalten der Ärzte und Ärztinnen: Über all die Zeit wurde Zerchin behandelt als «Objekt der Verwahrung und der Beobachtung». Gespräche mit ihr waren nicht vorgesehen, weil die Fachleute allesamt davon ausgingen, dass das, was ein «schizophrener» Mensch zu sagen hat, weder zur Klärung der Krankheit noch zur Linderung ihrer Symptome etwas beitragen könnte.

Die ignorierten Erfahrungen

«Unsere Wirklichkeit sahen sie überhaupt nicht: unser Erleben in der Psychose, die Vorgeschichte, die dazu geführt hatte, und den Sinn, den es für uns hatte. Sie wussten nichts davon und sie wollten nichts davon wissen, denn dazu hätten sie verständnisbereite Gespräche mit uns führen müssen.» Zwar kann sich Zerchin ihre merkwürdigen Erfahrungen lange nicht erklären, die sie während ihrer Psychosen macht, trotzdem sind sie für sie zentral wichtig. Deshalb akzeptiert sie nie, dass die Wirklichkeit der Psychose nichts als sinnlos sein soll und als «Geisteskrankheit» abgetan wird.

Bei ihren Anstaltsaufenthalten lernt sie aber, dass sich für ihre Psychose-Erfahrungen niemand interessiert: «Darüber mit niemandem sprechen zu können, bedeutet totale innere Isolation», schreibt sie. Und lösen diese unverstandenen Erfahrungen gar Gefühle aus, sollen sie nichts als Ausdruck der Krankheit sein, dem mit neuerlichem therapeutischem Zugriff geantwortet werden muss: «Die Unterdrückung unserer Gefühle scheint mir neben dem Zwang, unsere Psychose-Erfahrungen als sinnlos von uns abzuspalten, das Schlimmste zu sein, was uns die Psychiatrie antut. […] Auch heute noch bekämpft die Psychiatrie die Emotionalität der Patienten mit einem ganzen Arsenal von gefühlsunterdrückenden Massnahmen: Betäubung, Dauerschlaf, gefühlsreduzierende Psychopharmaka. Und nach der Entlassung zwingt uns der Makel, der uns als ‘Geisteskranken’ anhaftet, uns so angepasst und unauffällig zu geben, wie es als normal gilt, also unsere wahren Gefühle weitgehend zu verleugnen.»

Das Grundmuster der Instinktaufbrüche

Nicht die «Schizophrenie» ist für Sophie Zerchin die schlimme Erfahrung, sondern, in den Anstalten «bis zum Kern seines Wesens entwertet worden» zu sein. Die fünf psychotischen Schübe hat sie dagegen nicht als schlimm erfahren, im Gegenteil: Sie kündigten sich jeweils an durch einen «Instinktaufbruch», durch ein «vertrauensvolles Lebensgefühl des Geleitetseins». Als Bildhauerin gelingt ihr in einer solchen Phase eine Arbeit, die ihr «im normalen Zustand schwer gefallen» wäre. Auch in den alltäglichen Dingen erlebt sie ein «Aufgehobensein im Ganzen»: «Es war, als stünde die Welt mit mir im Bündnis.» Im Rückblick scheinen ihr die Psychosen immer deutlicher «Entwicklungsprozesse», und die Rückkehr in die Normalität beschreibt sie als Zurücksinken in einen dumpferen Zustand: «Das normale Fell war uns wieder gewachsen.»

Während der fünften Psychose unterläuft Zerchin die therapeutischen Massnahmen: Sie spuckt die verordneten Tabletten ins Klo. So kann sie an sich beobachten, wie die starken Impulse des akuten Schubs allmählich zu einem nur noch leisen Instinkt abklingen. Sie entdeckt im Ablauf der Psychose ein «Grundmuster»: «Bei jedem [Patienten, fl.] ging offenbar ein seelischer Konflikt, eine Lebenskrise oder schwere Belastung voraus, die er vergeblich zu bewältigen versuchte, bis eine Grenze erreicht war, an der es nicht mehr weiter ging. Mit der Psychose bricht eine Kraft auf, die die Führung übernimmt. […] An die Stelle des Denkens aus eigenem Willen treten ‘eingegebene’, zuweilen auch ‘entzogene’ Gedanken; an die Stelle des Handelns aus eigenem Wollen treten innere Impulse oder auch gehörte ‘Stimmen’, die den Betroffenen und sein Tun nicht nur bewertend und kommentierend begleiten, sondern ihm auch sagen, was er zu tun hat.» Diese aufbrechende Kraft, die von aussen zu intervenieren scheint, und eine ebenso zwingende wie radikal veränderte Wirklichkeit erstehen lässt, durchschaut Zerchin als aufbrechendes Unterbewusstsein im eigenen Innern: «Mir wurde klar, dass eine Heilung nur durch ein Verständnis des aufgebrochenen Unterbewussten und seine Einbeziehung ins Bewusstsein möglich sein konnte.»

Seit 1959 ist Sophie Zerchin gesund. «Ich brauchte keinen Schub mehr, denn ich hatte die Botschaft des Unbewussten angenommen und in mein Leben integriert. Meine psychotischen Erfahrungen haben mein Leben sehr bereichert. Der Schock aber, wegen dieser Erfahrungen bekämpft, entwertet und zwangssterilisiert zu werden, war einschneidend und wirkt bis heute nach.» Wenn man Zerchins Bericht folgt, wird man zugeben müssen, dass sie ihren Weg nicht dank, sondern trotz der psychiatrischen Eingriffe gemacht hat. Als Engagierte in der deutschen Bewegung der Psychiatrie-Erfahrenen weiss sie, dass die Fragen, die sie an den Schluss ihres Textes gesetzt hat, seit 1936 viel zu wenig von ihrer Aktualität verloren haben: «Wann endlich werden die Psychiater bereit sein, den Patienten auf dem Weg zu einem solchen positiven Psychose-Verständnis einfühlsam und verstehend zu begleiten und dabei behutsam anzuleiten? Wann werden sie aufhören, uns zu entwerten und zu bekämpfen?»

Sophie Zerchin [= Dorothea Buck]: Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung. Ein Erlebnisbericht herausgegeben von Hans Krieger, München/ Leipzig (List Verlag), 1990.