«Arbeiten gegen alle Vernunft»

«Auf dem Kran möchte ich immer der Beste sein», sagt er, «obschon ich ja weiss, dass ich das nie sein kann, zum Glück.» Aber ein Perfektionist ist er. Einer, der will, dass seine Maschine genau das macht, was er will. Seit einigen Jahren trägt er bei der Arbeit eine Brille. Zwar leiten ihn die Kollegen auf der Baustelle per Funk, wenn er – wie zurzeit in Oerlikon – achtzig Meter über Grund an den Hebeln sitzt. Aber er will trotzdem sehen, was unten passiert, wenn er da oben am Ausleger die «Laufkatze» mit dem Hubseil hin und her schickt.

Präzision und Vorsicht würden heute noch immer wichtiger, weil man immer schneller arbeiten müsse und die Arbeit dadurch gefährlicher werde, sagt Briner. «Gerade grosse Bauherrschaften rechnen knallhart. Würden die Baufirmen beim Zeitaufwand etwa das schlechte Wetter einberechnen, wären ihre Offerten zu teuer.» Komme es wegen des Wetters trotzdem zu Arbeitsunterbrüchen, so führten die zu nicht budgetierten Zusatzkosten. «Es wäre nötig, dass der Staat zum Schutz der Arbeiter dem Termindruck auf den Baustellen Grenzen setzen würde.»

Holzfeuer in der Kran-Kabine

Schlechtes Wetter gibt es auch, wenn man es nicht budgetiert: im Sommer Hitze, Platzregen oder Sturmwinde, im Winter Schnee und Frost. Vor allem letztere können längere Arbeitsunterbrüche erzwingen. Aber schwierig wird es lange vorher: Mit dem nasskalten Wetter und den feuchten Arbeitskleidern steigt die Gefahr, sich zu erkälten. Fällt Schnee, wird es mühsam und gefährlich: Der Schnee muss weg, bevor Schalungen gebaut oder Spriessen gestellt werden. Und Plastikplanen, mit dem man Böden abdeckt, bevor man sie mit Material überstellt, würden unter Schnee, sagt Briner, «nicht nur spiegel-, sondern arschglatt». Er habe schon mehr als einmal Kollegen ausgleiten, stürzen und sich dabei verletzen sehen.

Warme Kleider und Handschuhe behindern die Beweglichkeit und den präzisen Griff. «Hat es Mitte der siebziger Jahre getröpfelt, hast du die Eisenleger den ganzen Tag nicht mehr auf der Baustelle gesehen. Heute siehst du sie sogar in Schnee und Frost Eisen binden.» Man sollte, sagt er, im neuen Landesmantelvertrag festschreiben, dass bei Temperaturen unter minus 5 Grad automatisch jede Bauarbeit eingestellt werde.

Als Kranführer sei er privilegiert: Zwar habe er im Hochsommer auch schon bei 55 Grad in der Kabine gearbeitet. Aber im Winter seien heute alle Kabinen temperiert – dank der Suva. «Sie hat Heizungen vorgeschrieben, nachdem Kranführer beim Holzschleppen abgestürzt sind, weil sie die Kälte im Blechkasten mit einem offenen Feuer bekämpfen wollten.»

Allerdings sitzen Kranführer immer seltener in der Kabine. Briner schätzt, dass drei Viertel von ihnen heute mit der Fernsteuerung in der Hand auf der unten Baustelle arbeiten. Dadurch seien sie nicht nur langsamer, ferngesteuert Kran zu fahren sei wegen der schlechteren Übersicht auch bedeutend gefährlicher.

Weiterarbeiten gegen alle Vernunft

Der Entscheid, bei schlechtem Wetter die Arbeit zu unterbrechen, ist Sache des Poliers. Von dessen Berufserfahrung und Zivilcourage gegenüber Bauleitung und Bauherrschaft hängt viel ab. In der Regel konsultiert er aber vor seinem Entscheid auch die Arbeiter: «Es gibt immer welche, die unbedingt weiterarbeiten wollen, auch wenn es gegen die Vernunft ist.»

Dafür gebe es zwei Gründe:

Konkurrenzangst. Gerade ausländische Kollegen befürchten, von anderen, die weitermachen, verdrängt zu werden und den Job zu riskieren, wenn sie sich für den Arbeitsunterbruch aussprechen. «Das ist zwar vor allem eine psychologische Angst», sagt Briner. «Aber mit der Personenfreizügigkeit ist sie realer geworden: Es ist heute tatsächlich einfacher, billige und willige Arbeiter auf die Baustellen zu bringen.»

Lohnabzüge. Wird die Arbeit unterbrochen, ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Löhne während zweier Tage weiter zu zahlen. Ab dem dritten Tag übernimmt die Lohnzahlung eine spezielle Schlechtwetter-Versicherung – allerdings nur zu 80 Prozent: «Wäre hier eine kleinere oder keine Lohneinbusse zu befürchten, würden vermutlich mehr Arbeiter zugunsten der eigenen Gesundheit entscheiden», sagt Briner.

Kommt dazu, dass die Arbeitgeber bei Arbeitsunterbrüchen die Versicherung in den allermeisten Fällen umgehen. Statt zwei Tage lang die Löhne zu zahlen, schreiben sie die Überstundenkonten der Bauarbeiter wenn nötig bis weit in den Minusbereich hinunter, das kommt billiger. Und, so Briner: «So kann man uns bei gutem Wetter um so länger einsetzen.»

 

Der Naturfreund

Alex Briner (* 1953) wächst die ersten Jahre in Büttikon (AG) auf. Sein Vater läuft davon, als er Kindergärteler ist. Er kommt in das Schulheim St. Johann in Klingnau (AG). Dort wird er mit zehn von einem 12jährigen mit Schrot angeschossen. Er überlebt nach einer schweren Operation, hat aber noch heute Schrotkugeln im Körper. Ab zwölf absolviert er die letzten Schuljahre in Büttikon.

Eine Lehre als Schreiner bricht er ab, weil man ihn schikaniert. Er wird Handlanger in einer Sägerei. Dort unterstützt man ihn bei seinem Berufwunsch, Kranführer zu werden. Am ersten Tag der Anlehre verletzt sich der Kranführer noch vor dem Znüni beim Ausnageln. Briner wird vom Polier in den Kran geschickt und lernt seinen Beruf «on the job». Im Militär lernt er, Trax und Bagger zu fahren. Später macht er die Kranprüfung. Seit 1977 arbeitet er für die Hatt-Haller AG (später Zschokke, heute Implenia). Er verdient im Monat 6700 Franken brutto.

Alex Briner ist Präsident der Unia-Baugruppe Region Zürich. Er lebt in Affoltern am Albis, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er amtet als Hüttenwart und Wirt im Lokal des Natur- und Vogelschutzvereins Bezirk Affoltern.