Am Deutsch lag es nicht

«Warum weggehen?», denkt die junge Maschinentechnikerin Jadranka Marjanovic 1991 in der nordbosnischen Stadt Derventa: «Hierher wird der Krieg nicht kommen». Sie ist Mutter eines Buben, berufstätig, und alles ist gut. Zwar beobachtet sie, dass andere weggehen. Auch ihr Mann, ein Koch, arbeitet bereits seit einem Jahr in die Schweiz. Sie aber sagt: «Hier kann nichts passieren.» Dann passiert doch etwas: In der Wohnung der Romafamilie im Nachbarblock liegen eines Tages vier tote Männer. Ermordet. An diesem Tag entschliesst auch sie sich zu gehen. Am 12. April 1992 reist sie mit ihrem Sohn in einem Bus via Ungarn und Österreich Richtung Schweiz. Zwei Tage später ist der Krieg nach Derventa gekommen.

Neuanfang. Am 15. April kommt sie in Bern an. Ihr Mann findet für seine Familie eine Wohnung. Und sie, kaum ein Monat später, eine Stelle als Aushilfe in einer chemischen Reinigung in Gümligen (BE). Deutsch kann sie noch nicht. Am ersten Arbeitstag steigt sie in Bern in einen falschen Zug. Der Kondukteur bedeutet ihr: aussteigen und umkehren. Zwei Stunden zu spät trifft sie in Gümligen ein. In sicherer Erwartung ihrer sofortigen Entlassung weint sie. Aber der Chef lächelt nur und zeigt ihr ihre Arbeit: «Ich hatte einfach Glück. Der Chef und seine Frau waren gut zu mir wie meine Eltern.»

Im Betrieb arbeitet sie mit dem Sohn des Chefs zusammen, der gleich alt wie sie. Eben planen Vater und Sohn die Übergabe. Der Vater lässt die Räume streichen, kauft neue Maschinen. Alles soll perfekt sein. Dann, einige Monate später, fährt der Sohn, ein begeisterter Taucher, in die Ferien nach Jemen. Von einem Tauchgang kehrt er nicht mehr zurück.

Der Chef verkauft den Betrieb an eine Mitarbeiterin, Marjanovic bleibt. «Die neue Chefin war einiges älter als ich, hatte viel Erfahrung und wollte nur mein Bestes.» Aber sie erzählt Dinge, die sie verunsichern. Zum Beispiel: Du musst lernen, frech zu sein. Oder: Auch wenn du verheiratet bist, sollst du nicht nur für die Familie, sondern auch für dich selber schauen. 800 Franken Entschädigung für Überstunden will sie ihr auf ihr persönliches Konto überweisen. Aber Jadranka Marjanovic hat nur das Familienkonto. «Eigentlich wollte sie mir sagen, wie es sein sollte. Aber ich habe sie nicht verstanden.» Sie kündigt. «Ich war dumm», sagt sie heute.

Mobbing im Bahnhof. Am gleichen Tag findet sie in der chemischen Reinigung im Berner Bahnhof eine neue Arbeit. Die geht hier Tag und Nacht nicht aus.

Als sie 2002 vernimmt, dass der Betrieb in Gümligen geschlossen worden sei, sagt sie das ihrem Chef. Der fährt hin, mietet die Räume und eröffnet eine neue Filiale. Marjanovic wird Filialleiterin, begeistert, nach Gümligen zurückkehren zu können. Eine Lohnerhöhung zu verlangen, fällt ihr nicht ein. Von nun an arbeitet sie täglich bis zu zwölf Stunden in «ihrem» Geschäft: «Dabei hätte ich sagen können: Ich mache hier meinen Job und fertig.»

Dann kommt der Chef und sagt, er brauche jetzt eine Schweizerin als Filialleiterin. Die Frau, die er anstellt, hat keine Ahnung von chemischer Reinigung, dafür verdient sie im Monat 1500 Franken mehr als sie. In dieser Zeit nimmt Marjanovic Kontakt auf mit der Gewerkschaft Unia.

Später, sie arbeitet jetzt wieder im Berner Bahnhof, wirft ihr ein eben neu eingestellter Geschäftsführer vor, Geld unterschlagen zu haben. Der Vorwurf ist haltlos, aber ihr reicht’s. Sie kündigt ins Leere: «Mein Mann hat mir deswegen Vorwürfe gemacht, aber ich konnte nicht mehr.» Das war im September 2005.

Umschulung. Sie geht zur Arbeitslosenkasse, erwähnt ihren ursprünglichen Beruf. Maschinentechnikerin, und wird zur Umschulung geschickt. Sie lernt, einen Computer zu bedienen und mit dem CAD-Programm am Bildschirm technische Zeichnungen und dreidimensionale Volumenmodelle zu gestalten.

Ein Ausbilder unterstützt ihren Wiedereinstieg in die Maschinenbranche. Er sagt, das Problem sei nicht, dass sie eine Frau und über vierzig sei, und auch nicht ihr noch nicht perfektes Deutsch – das Problem sei, dass ihr Name auf «-ic» ende. Schliesslich bietet ihr die Druckmaschinenfabrik Wifag ein zweimonatiges Praktikum an. Danach erhält sie einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Das war Ende Juni 2006.

Heute sitzt Jadranka Marjanovic als Konstrukteurin am CAD-Computer, zuständig für «Normen und Handelsteile». Sie will Weiterbildungen besuchen. Denn eine jugoslawische Maschinentechnikerin kann mehr. Sie wird es beweisen.

 

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Von Kombinat zur Wifag

Jadranka Marjanovic (* 1962) wächst in Derventa (Bosnien) auf. Nach der Grundschule macht sie eine vierjährige Ausbildung zur Maschinentechnikerin. Auch im damaligen Jugoslawien ein Männerberuf: Ihren Ausbildungsgang schliessen 1982 neben dreissig Männern nur zwei Frauen ab. Sie heiratet, wird Mutter eines Sohns und nimmt nach einem Jahr ihre Arbeit im staatlichen Metallkombinat Unis wieder auf, wo zum Beispiel Büromöbel-Bestandteile für Westfirmen (Olivetti, Ikea) hergestellt werden.

Heute arbeitet sie bei der Druckmaschinenfabrik Wifag in Bern. Die Berufsbezeichnung «Maschinentechnikerin» ist in der Schweiz als «Maschinenkonstrukteurin» anerkannt. Seit 2004 ist sie Mitglied der Gewerkschaft Unia. Heute engagiert sie sich in der Frauengruppe sowie als Vorstandsmitglied und Delegierte der Sektion Bern. Sie findet es wichtig, dass mehr Frauen in der Gewerkschaft mitmachen und in den Leitungspositionen besser vertreten sind.

Sie lebt in Bern, ist verheiratet und Mutter dreier Söhne. Als Hobbies nennt sie den wöchentlichen Hallenbadbesuch mit ihrem jüngsten Sohn, ihr Tagebuch und das Lesen.