Am Abend herrscht tote Hose

Die Einkaufsmeile unter dem Zürcher Hauptbahnhof wirbt mit dem Slogan: «Das Grossmünster können Sie nicht kaufen, alles andere gibt’s im ShopVille – Rail City Zürich. Täglich bis 21 h.» Um genau zu sein: An 364 Tagen im Jahr – ausser Weihnachten – täglich von 09.00 bis 21.00 Uhr. Für das Verkaufspersonal mit anständigem Arbeitgeber heisst das 2-Schicht-Betrieb – für alle anderen Arbeitstage bis zu 12 Stunden fast ohne Pausen, zum Teil ohne Zuschläge fürs Wochenende und die Abendstunden. Hier spielen viele Arbeitgeber Wildwest; der Unia-Gewerkschafter Andi Scheu spricht von der «Bananenrepublik Kanton Zürich», die diese Verhältnisse zulässt.

Prisca Burkhard hat Glück. Ihr Arbeitgeber, das Frauenmodegeschäft Krause Senn, hat zwei Schichten eingeführt und bezahlt 50 Prozent Zuschlag am Sonntag und abends ab 20 Uhr, an hohen Feiertagen 100 Prozent Zuschlag, soweit die Zeit nicht kompensiert werden kann. Für Krause Senn zahlen sich die fairen Arbeitsbedingungen aus: Hier arbeiten vor allem langjährige Angestellte.

Blickkontakt für alle Fälle

Als Prisca Burkhard 1997 hier zu arbeiten begann, machten die Geschäfte am Samstagabend um 6 Uhr zu, am Sonntag war geschlossen. Bereits im Dezember 1997 wurde der Sonntagsverkauf von 11 bis 19 Uhr eingeführt, «probeweise», wie man zuerst gesagt habe. Dann wurde die Verkaufszeit am Samstag bis 19 Uhr verlängert, dann bleiben die Geschäfte während der Woche abends bis 20 Uhr offen und nun – seit der offiziellen Eröffnung des gesamterneuerten Shopville am 19. November 2003 – von 9 bis 21 Uhr, selbstverständlich wieder «probeweise».

Nicht alle Geschäftsinhaber waren begeistert. Deshalb setzte die Shopville-Vereinigung Druck auf: Hier werde bis 21 Uhr oder gar nicht verkauft. Nach Burkhards Beobachtungen würden viele «gern früher zumachen». Sie selber habe sich am Samstagabend, wenn das Geschäft gewöhnlich speziell schlecht laufe, auch schon umgesehen: Mindestens ein halbes Dutzend Geschäfte seien jeweils bereits geschlossen gewesen.

Am meisten Freude macht Prisca Burkhard die Beratung: «Wenn die Kundin zufrieden ist, ist man selber auch zufrieden. Das stellt auf.» Als stellvertretende Geschäftsführerin erledigt sie zwischendurch Reklamationen und listet die geleisteten Arbeitsstunden der Kolleginnen für die Lohnabrechnung auf. Man bügelt Ware um, man macht die Kasse, man füllt die Tablare und Ständer mit neuen Kostümen, Pullovern, Blusen, Jacken, Hosen, Blazern, Jeans, Jupes oder Tops. Und wirft die Kundschaft beim Auswählen die Stücke durcheinander, müssen sie neu zusammengelegt und gestapelt werden.

Gerade in Zeiten wie jetzt, wo wenig läuft, sei die geschickte Beratung wichtig, sagt Burkhard. Aber wie man denn bei dieser flanierenden Kundschaft wisse, dass eine Beratung überhaupt erwünscht sei? «Wichtig ist», sagt sie, «dass man die Kundin begrüsst, wenn sie eintritt, dass man Blickkontakt aufnimmt, damit sie weiss, dass man sie registriert hat.» Und wenn sie später einen Artikel in der Hand nehme, könne man sie darauf ansprechen und so das Gespräch suchen. Die Augen offen haben muss man freilich noch aus einem anderen Grund. «Hier wird skrupellos und viel geklaut.»

Der erste gewerkschaftliche Kampf

In die Unia eingetreten ist Prisca Burkhard auf Anregung einer älteren Kollegin vor gut anderthalb Jahren. Letztes Jahr dann kam der Kampf gegen die Verlängerung der Ladenöffnungszeit bis 21 Uhr. Mit einer Petition habe man sich gewehrt und einen Gesamtarbeitsvertrag für das gesamte Shopville-Personal gefordert. Schliesslich habe man der Shopville-Vereinigung rund 6500 Unterschriften übergeben. Zwar seien die Vertreter der Vereinigung danach einmal mit dem Unia-Sekretär Scheu zusammengesessen: «Mehr ist nicht passiert.» Unter den Unia-Kolleginnen habe man auch über Streik diskutiert, aber viele hätten Angst gehabt davor, und «zu zehnt streiken bringt nichts». Ob sie von einem Geschäft gehört habe, das von sich aus auf eine Forderung der Petition eingegangen sei? «Nein. Das Ganze ist im Sand verlaufen.»

Burkhard hat als junge Gewerkschafterin zum ersten Mal bei einer Auseinandersetzung mitgekämpft. Ein Frust, dass nicht mehr erreicht wurde? «Schon. Aber wenn alle mitmachen, dann ist mehr möglich.» Unterdessen diskutiert die Shopville-Vereinigung darüber, ob die Öffnungszeit der Geschäfte bis 23 Uhr verlängert werden soll.

 

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100 Prozent, 3500 Franken

Die Schulzeit hat die heute 27-jährige Prisca Burkhard in Wilen bei Wollerau, in Lachen und in Freienbach absolviert. Ihre zweijährige Lehre als Damenmodeverkäuferin machte die Schwyzerin im Hauptgeschäft von Krause Senn am Stauffacher in Zürich. Nach Abschluss der Lehre wechselte sie in die Krause Senn-Filiale im Shopville des Zürcher Hauptbahnhofs. Hier arbeitet sie seit sechseinhalb Jahren.

In dieser Zeit hat sie sich weitergebildet mit dem Lehrmeisterkurs und als Branchenspezialistin im Textilbereich, wo sie neben vertiefter Branchenkunde auch in Rechnungswesen und Führungslehre geschult wurde. Heute arbeitet sie zu 100 Prozent als stellvertretende Geschäftsführerin und Modeberaterin. Zum Grundlohn von knapp 3500 Franken erhält sie Funktions- und Dienstalterszulagen. Lohnerhöhungen seien wegen des flauen Geschäftsgangs im letzten Jahr nicht drin elegen.

Zurzeit wohnt sie mit ihrem Freund in Zürich-Altstetten. Gemeinsam planen sie die Heirat und die eigene Familie. Bereits haben sie in Pfäffikon (SZ) eine Wohnung gekauft, die in einem Jahr bezugsbereit sein soll. Vorderhand geniesst sie das Leben, wie es ist: den regelmässigen Ausgang mit ihren Kolleginnen, im Sommer das Schwimmen im See – und ab und zu einen Besuch bei den Eltern in Wilen.