«Aber Kadaver, aber Kadaver – wenn du dich rührst, bist ein Braver»

In Fällanden war im Mai Première, in Bassersdorf kam der Regen, nicht aber das Publikum. Und in Uster war er bankrott: der «Circus Parzival» mit seinem Programm «Merlin’s kleines Welttheater». Jetzt, kaum einen Monat später, präsentiert sich die gleiche Artistengruppe als «Circus Federlos» mit «gerupft wie gesprungen» am Theaterspektakel auf der Zürcher Landiwiese, in einem fremden Zelt, aber zum ersten Mal vor eigenem Publikum.

«Willkommen mein sehr verehrtes Publikum, ich begrüsse Sie zur heutigen Sondervorstellung des grandiosen Zirkus äh… (zum Raben) Wo simmer dänn da äigentlich?» Eben hat sich der berühmte alte Zauberer, Poet und Schwarzfahrer Merlin zum ersten Mal über den schwarzen Vorhang rechts vom Manegeneingang in das Sägemehl katapultiert und bereits setzt er, assistiert von seinem Raben, zu einer philosophischen Ausführung an: «Wir laden Sie ein zu einem utopischen Höhenflug, der, wie alle Höhenflüge, nur einen kurzen Sommer dauern wird. Steigen wir unverzagt ein in den ewig gleichen Kampf um Macht, Liebe, Glück und Verderben.»

In Bassersdorf, in Uster – das war richtiger Zirkus: ein gelb-grünes Zelt, einige Meter davor ein bunt bestrichener Bretterzaun als Abschrankung, schräg daneben mehrere kleine, grüne Wohnwagen, einer davon mit KASSA angeschrieben. Aus dem Zelt erste improvisierte Saxophonläufe, der Geruch von feuchtem Gras und Sägemehl, lärmende Kinder, im Eingang eine livrierte Circusarbeiterin, Billets zerreissend. Stuhlreihen im Innern, Gruppen von schwatzenden Leuten, rechts neben der Manege die Musiker: der Saxophonist wollmützig, tief über sein Instrument sich beugend, legt unerschöpfliche Girlanden über die tropfenden Leitern und Sprünge des Bassisten; der Schlagzeuger setzt diskrete Akzepte, winkt mit den Schlägern Bekannten zu, die eben ins Zelt treten, spielt weiter. Der junge Trompeter kommt, setzt sich hin, beginnt dem Saxophonisten mit virtuosen Phrasen zu antworten. Ein Kind zieht seine Eltern ungeduldig in die vorderste Reihe.

«Wenn Welten krachen, hört man uns lachen», singen jetzt ein paar komische Vögel mit riesigen Schnäbeln, in phantastischen Fracks, und dann beginnen sie zu lachen, schütteln sich, wälzen sich, während Merlin schon, seinen mit Fellstücken, Hühnerköpfen und einer Fledermaus verzierten Umhang wie ein Torero hinter sich werfend, die Geburt des noch fruchtwasserfeuchten Wassermännchens ankündigt, das die Zwergriesin, würdig die Manege umschreitend, sich eben anschickt zu gebären. Hinten, gleich neben dem Eingang, steht der Zirkusbesitzer. Während der Vorstellung macht er den Beleuchter, verfolgt mit dem Scheinwerfer den Wassermann und die Wasserfrau, die jetzt vorn durch die Manege fliegen, Räder schlagend. Als die beiden chinesischen Magier auftreten, schiebt er hinten den Rotfilter vor die Lampe, im Halbdunkel bläst eine Flöte schwebende, asiatische Melodien, der eine Magier sperrt seinen Kollegen in eine Holzkiste, enthauptet ihn, flickt ihn wieder zusammen, tief verbeugen sich die beiden. Applaudierend denke ich, das ist ja alles ein ganz fauler Trick, aber wie die das gemacht haben, möchte ich doch gerne wissen, und während hinten schon ein schreiender Beamter sich Einlass ins Zeit erheischt, um von Merlin Schulden einzutreiben, ansonsten er das Zelt pfänden und dem Betrieb hier ein sofortiges Ende setzen wolle, merke ich, dass es mir schon die ganze Zeit lacht. Der Beamte, der, vergeblich auf Merlin wartend, eine zweibeinige Leiter, die ihm zeitweise zum Zirkuspferd wird, beturnt, wird vom zynischen Dämon erschreckt und vertrieben, der Dämon von Merlin verfolgt, ans Hochseil gehetzt und im Kreis gewirbelt. In den Händen des Bühnenarbeiters, der die Leiter wegtragen soll, beginnt Merlins liegengebliebener Zauberstock in den Händen zu tanzen, Rotfilter und gedämpfte Musik, Merlin kommt, zaubert dem Arbeiter den Stock aus der Hand, zaubert den Arbeiter in Erstarrung, in Bewegung, in Erstarrung, zaubert und zaubert sich in Ekstase, tanzt, rast, singt, sinkt zusammen. Die Musik schweigt, Merlin erhebt sich, fast verlegen, wie abwesend, wendet sich ab, geht langsam davon, und wie er die Manege verlässt, wächst hinter ihm eine Blume im Sägemehr empor, hingezaubert.

«Superspitzenbohnengut», sagt Res, als wir in der Pause vor das Zelt treten. Sommerabend, Uster. Drüben in der Textilfabrik blitzen in den langen Sälen eben die weissen Neonrohren auf, das Summen der Maschinen liegt in der Luft. Gabriella und Agathe kommen aus dem Zelt, plaudernd. Was uns denn derart angesprochen und berührt habe, fragen wir uns, und warum uns dieser Zirkus besser gefalle als der KNIE. Und die Musiker, jemand blättert im Programmheftchen, Omri heisst der Saxophonist, Herbert der Bassist, Dani der Trompeter und Pit der Schlagzeuger, wie die für jede Nummer die richtige Musik gefunden haben –. Vor dieser Vorstellung hat der Zirkusbesitzer seinen Artisten nach zweimonatiger Zusammenarbeit gekündigt, die Vorstellung am nächsten Abend würde die letzte des «Circus Parzival» sein. Aber das wissen wir heute Abend noch nicht. Während nun auch Gertrud auftaucht, die schon seit dem Nachmittag hier ist und fotografiert, sprechen wir darüber, wie wir diesen superspitzenbohnenguten Zirkus in der WoZ puschen könnten.

Dann ist der Zirkusbesitzer wieder der Beleuchter und verfolgt den Clown, der sich in den Zuschauerreihen herumtreibt, und während der, nun in der Manege, sein grosses Trompetensolo bläst, taucht Merlin, etwas verspätet, wieder auf und bittet das Publikum für seine lausige Laune um Entschuldigung: «Wir Seher, wenn wir sehen, wir haben’s auch nicht immer ganz einfach. – Wenn ich da an Ihre Zukunft denke, sehr verehrtes Publikum…, aber lassen wir das.» Für die Robbennummer, in der die Königsrobbe Philipp unter Anleitung des noblen Riesen Stinky Highstick und dessen Assistentin Missis Robbini seinen Todfeind, den Piranha, auf der Schnauze zu balancieren hat, lässt sich Merlin entschuldigen.

Eine gute Woche später in unserer Stube: das Abendessen hat geschmeckt, die Weingläser sind halbausgetrunken. Merlin ist nun wieder Silvano und der böse Dämon heisst wieder Gaby und ist der gute Geist unserer WG. Hansruedi, der Beamte, und Angela, Ueli und Marcel, die zusammen die Robbennummer machen, sind zu Besuch. Sie hätten auch weitergemacht, wenn sie auf einen Teil der tausend Franken Monatslohn hätten verzichten müssen. Aber der Zirkusbesitzer mochte nicht mehr. Nun sind sie allesamt wieder arbeitslos. Man redet darüber, wie es weitergehen könnte.

«Trotz fortwährender Enttäuschungen und Niederlagen gibt es immer wieder ein paar Narren, die blindmutig zu neuen Versuchen ansetzen, die Welt, das Leben in menschenwürdiger Weise zu meistern», sagt Merlin, als er den unsichtbaren Memed ansagt, und Ueli und Marcel sind nun wieder Fliege und Agaton in der Kühlschranknummer und danach Knill und Knoll im titanischen Kampf um nichts und wieder nichts. «Und so endet unser kleiner und höchst persönlicher Weltverbesserungsversuch in brutaler Schlachterei und nachtdunkler Geistesumwölkung», beginnt Merlin danach seinen letzten Exkurs und fährt fort: «Doch der Tag wird kommen, wo wir in Frieden…» Von dämonischen Wesen wird er umzingelt, die Musiker wiederholen endlos eine monotone Melodie, die Dämonen singen mit, die Musik schwillt an: Merlin ist zum Schweigen gebracht.

Der «Circus Parzival» ist tot. Der Beleuchter hat das Licht abgedreht, hat das Zelt eingepackt und ist nach Hause gegangen. Die Gruppe der Musiker und Artisten will weitermachen. Am Theaterspektakel in Zürich haben sie, nun unter dem Namen «Circus Federlos», für den 5. und 6. Juli um 22.30 Uhr im Mittleren Zelt das Engagement für zwei Nocturnes bekommen. Was danach kommt, wird man sehen.

Wie der Zirkus Federlos im Sommer 1987 in Bern empfangen worden ist, vgl.WoZ Nr. 27 / 1987. – Dieser Zirkus hat bis 1996 die Schweiz, Europa und dreimal auch Afrika bereist. Bis heute sind Ueli Bichsel und Marcel Joller Kunz als «Lufthunde» und eine Formation der «Federlosband» unterwegs. (fl., 9. 8. 2015)