14 Tage ohne Pause

Zuhinterst im Tal im strahlenden Licht das ist der Wildstrubel. Die Dorfstrassen sind voller grellbunt gekleideter Sportsleute auf dem Weg zum Après-Ski. Die Nachmittagssonne wärmt. Vom nächsten Hausdach rutscht eine Eisplatte und zerbirst knapp neben einem Auto krachend auf dem Trottoir. In der Lenk steht die Kirche noch mitten im Dorf – und gleich daneben das Dreisternhotel «Kreuz» mit Sauna, Solarium, Hallenbad und 84 Zimmern. Es gehört dem SMUV und wird vom Ehepaar Ruth und Peter Ischi geführt. Hier ist die Südtirolerin Marlies Huber mit einem Halbjahresvertrag in der Tasche am 30. November 2002 angekommen. Seit dem 1. Dezember serviert sie im «Kreuz».

Spitzenzeiten bedeuten Knochenarbeit

Hierher gekommen ist sie, um Geld zu verdienen. Aber nicht nur. «Ich arbeite gerne mit Menschen», sagt sie, «ich komm gern ins Gespräch, ich geh gern auf Leute ein. Ich versuch hier, als Servicefachfrau meinem Namen Ehre zu machen.» Im Service des Hotels arbeitet sie mit einer Kollegin und einem Kollegen zusammen. Sie teilen sich in drei Schichten: in die Frühschicht ab 8 Uhr, die Nachmittagsschicht bis abends um zehn und die Spätschicht, die von 11 bis 14 Uhr und von 17 Uhr bis zum Feierabend dauert. Mittags und abends sind Kreuz-Stube, Säumer-Spezialitäten-Lokal und Buffet-Restaurant voll besetzt. Abends spielt zur Zeit eine Liveband, die Tische sind manchmal doppelt ausgebucht.

Bestellungen aufnehmen, Essen und Trinken servieren, abräumen – diese «Arbeit an der Front», wie der Chef de Service Günther Rinderer sagt, ist in solchen Tagen Knochenarbeit. Anstrengend sei, sagt Marlies Huber, dass die Schichten häufig ändern; hart sei vor allem, wenn man nach einer Spätschicht anderntags bereits um acht wieder anfangen müsse: «Aber gut, der Job ist halt mal so.»

In den Spitzenzeiten – über Weihnachten und Neujahr und jetzt wieder während der Sportferien – arbeitet sie während vierzehn Tagen ohne einen ganzen Ruhetag. Die Hochsaison setzt hier den Anspruch auf «mindestens einen ganzen Ruhetag» pro Woche ausser Kraft, den der Landes-Gesamtarbeitsvertrag des Gastgewerbes vorsieht, der seit Anfang Jahr allgemeinverbindlich ist. Im Januar gab es weniger Arbeit. Da hatte Marlies Huber Zeit, via Spiez, Mailand und Verona für einige Tage ins Südtirol zu fahren.

Angefreundet hat sie sich unterdessen mit der Barmaid des «Kreuzes», Nicole, die – ebenfalls von einer Agentur vermittelt – zum Geldverdienen aus Kanada hierher gekommen ist. Beide wohnen sie im selben Chalet. Ab und zu reichts für ein gemeinsames Frühstück oder einen Spaziergang. In diesem Monat allerdings muss Nicole täglich von vier Uhr nachmittags bis ein Uhr nachts arbeiten.

Vielleicht klappts mit der Kunst

Als Marlies Huber in der Lenk eintraf, hatte sie die Zeichenmappe bei sich. Zwar hat sie mit sechzehn die Ausbildung zur Werbegrafikerin abgebrochen, um Geld zu verdienen und sich den Wunsch eines eigenen Motorrads zu erfüllen. Aber das Zeichnen und Malen ist ihre Leidenschaft geblieben. Porträts sind ihre Spezialität. Sie setzt fotografierte Gesichter in grösserformatige Zeichnungen um, wenn möglich mit Kohle oder Bleistift: «Schwarzweiss gezeichnet wirken die Gesichter ausdrucksvoller als farbig», sagt sie. Im Südtirol ist sie in ihrer Umgebung als Porträtmalerin bekannt, hat Aufträge und kann die Arbeiten verkaufen – ein Nebenverdienst.

Zurzeit überlegt sie sich, im Bereich Grafik oder Kunst doch noch eine Ausbildung zu machen: «Ich hab mir jetzt von der Fachhochschule für Multimedia in Augsburg Unterlagen zuschicken lassen.» Vielleicht klappts so, dass sie eines Tages wird vom Malen leben können. In der Lenk allerdings hat sie die Zeichenmappe noch nicht geöffnet: «Ich komme hier nicht dazu. Auch Ski fahren war ich hier noch nie.»

Heimisch wird Marlies Huber in der Lenk nicht. Im Südtirol sei die Atmosphäre im Gastgewerbe einfach «ein bisschen familiärer». Wenn man hierher komme, werde einem zu verstehen gegeben, dass man zum Arbeiten da sei: «Ich fühl mich hier schon als Ausländerin.» Und lächelnd fügt sie bei: «Mein Vertrag läuft am 31. Mai aus. Dann geh ich. Vielleicht komm ich ja in zehn Jahren als Künstlerin wieder.»

 

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Das beste Angebot

Zusammen mit einem Bruder ist Marlies Huber, 21, in Weitental im Südtirol auf einem Bauernhof aufgewachsen. Mit 14 schloss sie die Hauptschule ab und trat in die Werbegrafik-Schule von Brixen ein. Diese Ausbildung brach sie nach zwei Jahren ab, lernte Verkäuferin, arbeitete auf dem Beruf und wurde Mitglied des Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbunds.

Dann geschieht etwas Schreckliches: Ein Funkensprung des Eisenschneiders, mit dem ihr Vater zu Hause arbeitet, führt zu einer Gasexplosion. Der Vater kommt ums Leben. Ausser ihm ist zu diesem Zeitpunkt nur seine Tochter zu Hause. Um darüber hinwegzukommen, geht Marlies Huber nach Sterzing am Brenner und arbeitet im Gastgewerbe als «Baristin».

Im Herbst 2002 sucht sie sich über eine Agentur Arbeit im Ausland. Das beste Angebot erhält sie vom Hotel «Kreuz» in der Lenk. Hier verdient sie, wie sie sagt, brutto mehr als den Mindestlohn von 3100 Franken im Monat, den der Gesamtarbeitsvertrag für «Arbeitnehmende ohne Berufslehre» vorsieht. Für ein eigenes Studio und das Essen werden ihr pauschal 800 Franken abgezogen. Ihre Mutter hat unterdessen den Hof verkauft und arbeitet heute als Büroangestellte in Bruneck, der Bruder studiert Ingenieur für Heizungs- und Klimatechnik in Karlsruhe.

Mein Titelvorschlag hatte «Hochsaison in der Lenk» gelautet.