III angstseptimen

 

[214/215: Illustration; 216: leer; 217]

I

 

wohlfahrtsstaat

 

«IM SÜDOSTEN LONDONS

WURDE DAS SKELETT

EINES MANNES GEFUNDEN

DER VOR FÜNF JAHREN STARB

UND IN SEINER WOHNUNG

ERST JETZT ENTDECKT WORDEN IST.»

(dpa, 24.7.1986)

 

überwachungsstaat

(27.7.1986; 6.10.1986; 25.2.1987)

 

II

 

REYKJAVIK: GIPFELTREFFEN REAGAN – GORBATSCHOW:

 

montag nachmittag: wer arbeit hat, den hat sie jetzt

auf jeder parkbank wartet faltig ein gesicht

schachfigur, die sich ins neue plattenkarree setzt

durch brüchiges kastanienlaub stiebt goldgelicht

kartenfächer: eine lippe, die den finger netzt

ein hingeworfnes wort lischt spurlos als gedicht

zeit geht stiller: dämmernah scheint leben unverletzt

 

OHNE ERGEBNIS ZU ENDE GEGANGEN (13.10.1986)

(13.10.1986; 25.2.1987)

 

[218]

III

 

22.10.1986: BUNDESRAT FURGLER KÜNDIGT DEMISSION AN

 

plastikparks schiessen über alle horizonte

lichtwärts schlittern läufige glatteisseelen

grazil entlang von ruheundordnungsound

im walkman altehrwürdige zukunft

ist ein henkersbeil im neonliocht:

ihr eintreffen ist das endgültige ende

der plastikparks blitzt lichtjährig davon

 

KOLLER (AI) AUSSICHTSREICHSTER NACHFOLGER!

(24.10.1986; 25.3.1987)

 

IV

 

springt der suizident von der kirchenfeldbrücke…

 

(«TSCHERNOBÂLE») «UND DIE POLITIKER,

DIE UNS DIE ANGST AUSREDEN WOLLEN?

SIE HABEN ANGST: VOR DER ANGST.

DENN ANGST VERÄNDERT DAS BEWUSSTSEIN DER BÜRGER.

VERÄNDERTES BEWUSSTEIN ABER

STÜRZT POLITIKER.»

(«SONNTAGSBLICK», 9.11.1986)

 

…direkt auf die aarstrasse: sägemehl streuen (aquaplaning!)

(9.11.1986; 25.2.1987)

 

[219]

V

 

«SOLANGE ICH MEINE OHNMACHT ALS BÜRGER DARSTELLEN KANN,

 

bei uns findest DU immer ein offenes

ohr! sprich DICH aus! such den

dialog! DU musst gesprächsbereit

bleiben! lass DICH nicht verhärten!

mit uns kannst DU jederzeit reden! kon

frontation nützt niemandem! (kunst

ist befriedet) sag doch was, DU!

 

BIN ICH NICHT OHNMÄCHTIG.» (FREDI M. MURER, BZ 15.11.1986)

(9.11.1986; 25.2.1987)

 

VI

 

«SEI KEIN PENNER, DU ARSCHLOCH! IN DEINEM LAND…

 

die angst ist immer da. geh vorwärts.

die angst ist da. geh immer vorwärts.

die angst ist. geh da immer vorwärts.

die angst! geh immer da vorwärts.

angst! geh immer da vorwärts da.

ich geh vorwärts immer da da –

die angst ist immer da. geh vorwärts.

 

… RUFT DIE REVOLUTION!» (KORTATU)

(24.10.1986; 15.11.1986; 25.2.1987)

 

[220]

VII

«ZERSCHLAGUNG DES KAPITALISMUS WELTWEIT»

 

hektisch gehen die verschworenen

klandestin in engem kreise

auf der suche nach den fronten

in der hochburg hier des feindes

orten jeden sie als spitzel

der im kreis zu gehn nicht fähig

oder willens für den sieg

 

«METROPOLENWAHNSINN»

(6.10.1986, 25.2.1987)

 

VIII

 

was aber, genossen, genossinnen. bleibt…

 

«WIR LAUFEN DURCH DIE LAUTLOSEN ST

ÄDTE UND DIE ZAUBERPLAKATE BERÜHR

EN UNS NICHT MEHR. WAS NÜTZEN DIE G

ROSSEN ZERBRECHLICHEN BEGEISTERUN

GEN; DIE VERTROCKNETEN FREUDENSPR

ÜNGE?» (AUS: ANDRÉ BRETON/PHILIPPE

SOUPAULT: «DIE MAGISCHEN FELDER»)

 

…jenseits der verblendungszusammenhänge?

(15.11.1986; 25.2.1987)

 

[221]

IX

POSTKARTE: «ETNA; COLATA LAVICA», SIRACUSA C. P., 27.10.1986:

 

was noch an träumen lebt, wird INDUSTRIELL verstampft

mit eisernem gewicht zu grauem staub zerkleinert

pulverisiert, erhitzt und medial verdampft:

es wird der grobe traum zur illusion verfeinert.

mit aufgerissnem hirn stehn  einsam

traumhüllen augehöhlt – nichts               und versteint

entkernt und leer und frei:          bewegt sich weiter:

                                          es hat sich ausgeweint.

«NUR KAPUTTE GEHIRNE RICHTEN SICH EIN…

                                    maschinen lächeln weiter.

es hat sich ausgeträumt:

grellweisses neonglück macht schatten zum gerücht

und bräunt die menschenhüllen zärtlich weich

die sanft maschinenwärts zerblättern schicht um schicht.

und randwärts mauert bilddampf

fällt  lautlos  fliehendes  als            giftigen bereich

umwuchert die maschinen   göttliches gericht

                                              welt als himmelreich.

…DIE ANDERN VERTRAUEN DEM WEG, HERZLICH MARIELLA»

(2.11.1986; 26.2.1987)

 

[222]

X

 

DRS 20.05: EIN FALL FÜR ZWEI – BLINDER HASS

 

du fragst mich, was ich jeweils treibe,

wenn ich nicht in die zeitung schreibe?

dann geh mit meinen nackentieren

mit meiner angst ich promenieren

im brüchigen oktoberlicht

und denke meiner sprache nicht,

sondern den wunden, die sie bricht.

 

21.15 RUNDSCHAU

(14.10.1986; 26.2.1987)

 

XI

 

AMOR FATI

 

indem

ich mich leugnend

vor mein schicksal stelle

– namen der verantwortlichen

fordernd statt metaphysik –

erfüllt es sich mir

hinterrücks

 

DUHASTKEINECHANCEABERNUTZESIE

(30.9.1986; 26.2.1987)

 

[223]

XII

 

ES GIBT EIN LEBEN VOR DEM TOD

 

im kopf die bessere welt

machte meine jugend grenzenlos

sie nahm mich im utopischen sturm

jenseits fiel ich ins bodenlose der illusion

nun schmerzt schon der rücken beim aufstehn

und der möglichen welt wachsen grenzen:

180 x 50 x 20 cm

 

AUF ZUM LETZTEN GEFECHT!

(7.10.1986; 26.2.1987)

 

XIII

 

«WIR KÖNNEN NICHT EWIG MIT DEM ERIGIERTEN…

 

siehst du? die hoffnung geduckt huscht

im dämmer entlang der drahtverhaue irr

flüchtet sie ihr glück vor kimme und korn: «INS FREIE!»

doch hier hat jedes geräusch (TOTSTELLREFLEX)

einen offiziellen finger am abzug: nackenerstarrte

befehlsempfänger lallen DRS 3 raupen

fahrzeuge umkreisen das naturschutzgebiet

 

…GLIED DER HOFFNUNG HERUMLAUFEN» (BERNWARD VESPER)

(25.10.1986; 26.2.1987)

 

[224]

XIV

 

«WEHRT EUCH, LEISTET WIDERSTAND»

 

wenn aber die dämmerung kommt

fliehen mich die Worte, die notwendigen lügen

flieht mich der schale schimmer

meiner besseren kopfwelt:

kommt dieses schwärzliche herbstgespenst

schreit meine angst nach warmen händen

und geruch von einem menschen

 

«MITMARSCHIEREN – SOLIDARISIEREN!»

(12.10.1986; 26.2.1987)

 

XV

 

ES IST NUR EINE DÜNNE WAND…

 

einem gedankenfaden folgte ich weg von der freunde ohr

bis weit sehr weit hinaus da ging er mir verloren

im unbestimmten ohne einer gewissheit grenze

in meiner angst und hastigen umkehr fand ich

meinen rückweg nimmer und verirrte mich dorthin

wo ich sie liegen sah in den stolperdrähten weit

vor den schutzwällen der babylonischen maschine

 

…ZWISCHEN IRRSINN UND VERSTAND

(10.1986; 26.2.1987)

 

[225]

XVI

«DU SOLLTEST SOGAR […] MEINEN BRIEFEN ES ANSEHN, WIE

 

ein dämmriger raum. schrank im hintergrund,

davor eine frau, graumelierte haare,

die blaugeäderten brüste kaum verhüllt,

furchtlos geil versuch ich, sie zu berühren.

ruhig sagt sie: «geh hinauf, ich komme nach» (schnitt)

ich steh im schlafzimmer meiner eltern, allein.

ich erwache schweissnass, heftiges herzklopfen.

 

MEINE SEELE TÄGLICH STILLER WIRD UND STILLER.» (HÖLDERLIN)

(16.11.1986; 26.2.1987)

 

XVII

 

…7.11.1986, 20.30: STAMMHEIM (KINO ABC),

 

flammenflucht: über die sonne gespannt

             ein messerdünnes eisfell

                 trägt zitternd zum

                    atemstillstand

                 in splitternde angst

          bräche ich rettungslos ein

würde es wärmer in mir: flammenflucht

 

8.11.1986, 20.30: KORTATU (MEERHAUS)…

(8./9.11.1986; 26.2.1987)

 

[226]

XVIII

 

goldlicht: HERBSTSESSION

 

nacht     traum     trauer     flucht

hals     schlag     atem     schweiss

nacken     klammer     schläfen     pfeil

rachen     tränen     messer     licht

rippen     eisen     nerven     herz

blicke     blitze     schwindel     riss

blut     dunst     dämmer     angst

 

HERBSTZEITLOSEN: menschen winterwärts voraus

(9.10.1986; 14.10.1986; 26.2.1987)