II ruf vom turm zu babel

 

[40]

aufstockung

 

armierungseisen wippen ins leere

hier arbeitet geld

der presslufthammer rattert

der zwanzigjährige bau

mörtel rieselt beton brockt

ist zu klein geworden

über gerüstbretter polternd in die tiefe

der bauherr rechnet

ziegelsteine splittern

mit grösserer rendite

ein arbeiter sprüht wasser

für die zukunft

über das berstende gemäuer

die auch meine zukunft ist

milchig regnet der staub ins gerüst

?

schweissbrenner werfen funkenbündel

der aufgestockte bau

der summende kran hebt sanft

wird mir

ein mauerteil ab voll eiserner stacheln

meinen kleinen anteil sonne nehmen

und lässt es hinuntersinken

in zukunft

auf den riesigen bauplatz

dies nur nebenbei

(25.7.1978)

 

[41]

babel I

 

da täglich demutsvoll die meisten noch begaffen

die blutgeschmückten opfer der vernunft

im demokratischen bewusstsein dass

der fortschritt endlos und endgültig

nicht mehr zu verhindern ist

 

da nun der fortschritt unser schicksal ist

und über leichen geht als schreckliches gerücht

und unser schicksal wieder menschen sind

die nur dem lieben gotte rechenschaft

abgeben: wünsch ich gott zum teufel

 

da fortschritt nun sich selbst zerstören muss

um endlos die profeten zu ernähren

die ohne fortschritt nur zerstörung profezein

wird jeder stein vermint am turm von babel

das bild des turmfeinds zu beschwören

 

da nun der feind des turms der unberufene erbauer ist

der die zerstörung braucht um fortschritt nachzuweisen

den bauauftrag als schicksal zu verewigen

erstrahlen blutgeschmückte opfer täglich als beweis

dass unser turm noch wächst und die vernunft

 

dass unser turm noch wächst und wächst

da uns die höhe schon den atem nimmt

und der erbauer schon in seiner sichern tiefe

ein nächstes mal die hunderttausend minen zündet

die unser halt noch sind wenn schon die flammen schlagen

(10.7.1978)

 

[42]

zunehmende zivilisierung

 

beton steht auf für die ewigkeit

isoliert die letzten meter im geviert

die mit löwenzahn und unberechenbarerem konspirieren

 

zäunt freiheit ein umwächst ordnung

gegen den unabsehbaren dschungel des lebendigen

schützt vor erhofften feinden

 

wuchert als geheiztes swimming-pool:

warmes wasser schützt vor kalten füssen

die höhere vernunft wächst auf der dachterasse

 

wer hat kein geld für betonmauern?

wer hat angst vor dem bruttosozialprodukt?

wer verweigert seinen jubelschrei quaderklotzigen schutzburgen?

wer hat kein alibi zur tatzeit des lebendigen?

 

der stelle sich vor die neuen betonmauern im quartier

hinter denen noch freiere freiheit schwelt

zur standrechtlichen anbetung derselben

(17.8.1978)

 

[43]

entartete kunst

 

an den vernissagen

der weissen leinwände

rülpsen gebildete

zwischen sekt und kaviar:

«verweigerung»

 

komponisten

meiden aus trotz und angst

die sprechenden töne

(sie meiden

nicht den konzertsaal)

 

als blumig gereimten bildungsterror

lallen und sabbern die dichter

gewinnbringende hilflosigkeit zu papier

 

o ihr schönen künste!

geistige onanie

des sinnlosen gelds

sekt und kaviar:

prost auf

die nächste vergasung

des fussvolks

(6.9.1978)

 

[44]

25.6.1978, sonntag abend

eine statistische durchsage

 

plutonium hat eine halbwertszeit von 24000 jahren

abends um halb acht sind basels strassen fast menschenleer

im river-plate-stadion in buenos aires warten 77000 menschen

in der 38. minute schiesst kempes das 1:0 für argentinien

zurzeit fallen jährlich und weltweit etwa 80000 kilogramm plutonium an

in 24000 jahren finden (zugegeben: höchstens) 6000 fussballweltmeisterschaften statt

 

eine milliarde menschen verfolgen das endspiel live an radio oder fernsehen

die holländer gleichen durch poortvliet in der 82. minute aus

abendsonne gleisst über den rhein (irgendwo eine fernsehkommentatorenstimme)

zum bau einer atombombe genügen 10 kilogramm plutonium

das 1:1 nach 90 minuten macht eine verlängerung von zwei mal 15 minuten notwendig

 

die strassen sind noch nass von einem gewitterregen

von 80000 kilogramm plutonium strahlen nach 24000 jahren von 40 tonnen

in der 105. minute schiesst kempes das 2:1 für argentinien

ich mache (wie gesagt) um halb acht abends einen spaziergang durch die stadt

die gegenwärtige plutoniumproduktion ermöglicht jährlich theoretisch den bau von 8000 atombomben

 

115. minute: bertoni auf vorarbeit von kempes: 3:1

wenn angst überheblich macht so bin ich überheblich

wie sicher sind die 40 tonnen plutonium in 24000 jahren gelagert?

argentinien ist fussballweltmeister. der blutige general videla überreicht den pokal

wie sicher sind die 20 tonnen plutonium in 48000 jahren gelagert?

mario kempes ist nicht verantwortlich zu machen für die diesjährige plutoniumproduktion

(26.6.1978)