Neben dem Mainstream schrillt der Naiton

Wenn man bedenkt, was man alles liest, wenn man nichts als zwischen Hamsterrad und Zentrifuge seine Arbeit tut. Bloss: Wie soll man das alles einordnen, damit man nicht zum Verschwörungstheoretiker wird?

Spitalackerstrasse, 13. Juni 2016.

2016? Nein, beklagen kann ich mich nicht. Zwar bin ich unterdessen ein ausrangierter Printschurni, der sich als Schreib-Hasardeur Richtung Pensionierung trickst. Aber Besseres hab ich nicht verdient: Einen Schurni, der bei jedem Text, den er nicht schreiben will, sagt: Schreib ihn doch selber!, muss selber schauen, wo er bleibt. Auch wenn seine Haltung andererseits für jeden Schurni eigentlich die einzig anständige wäre – soviel rechthaberischen «Naiton» (Baseldeutsch für Nein-Ton) kann die leidgeprüfte Printbranche zuletzt brauchen.

Denn bei den Qualitätszeitungen arbeitet man unterdessen unter derartigem Druck, dass die Titel der Beiträge durch die ununterdrückbare Feriensehnsucht der schludernden Schurnis diktiert werden.

An meinem Schreibtisch, 19. April 2016.

Schöngedrechselte innenpolitische Prosa findet man am ehesten noch, wenn klandestine PrintidealistInnen hinter dem breiten Rücken der Ordnungskräfte eine Sachbeschädigung begehen.

Busstation Bitziusstrasse, 16. Februar 2016.

Natürlich ist die Lage nicht nur in Berns Nordosten ernst. Denn in säkularer Sicht gilt zweifellos weltweit das, womit sich die internationale touristische Kundschaft des Klee-Zentrums an meiner Busstation verewigt hat:

Busstation Bitziusstrasse, 28. September 2016.

«Alle Teufel sind Menschen.» Fragt sich bloss: Wer im Einzelfall mehr das eine oder das andere ist. Ist Clinton oder Trump mehr Teufel, zum Beispiel? Gerade deshalb brauche ich die Qualitätsmedien, die ihren moralischen Mainsteam-Finger in die Höhe halten und mich kompetent aufklären: «Wer in der Welt glaubt noch an Demokratie, wenn die Demokratie in Amerika wankt?» («Bund», 12.12.2016) Hätte ich diesen Halt nicht, würde ich glatt die Studie der Universität Princeton für wahr halten, die besagt, dass «wenige Superreiche die Politik in den USA steuern, während der durchschnittliche Amerikaner nur wenig Macht hat. Dies sind die klassischen Merkmale einer Oligarchie.» (Daniele Ganser: Illegale Kriege [Orell Füssli] 2016, S. 32). Ein Glück, dass in jenem Land, in dem, wie ich vom «Bund» jetzt weiss, die Demokratie nicht wankt, ein Friedensnobelpreisträger mit militärischen Drohnen dafür sorgt, dass neben den unvermeidlichen Kollateralschäden täglich Teufel in Grund und Boden gebombt werden, ohne dass ihnen seine Demokratie auch noch mühsam den Prozess machen muss.

Spittelerstrasse, 16. Dezember 2016.

Ich gestehe: Manchmal lasse ich mich auf dem Arbeitsweg in meinen geostrategischen Spekulationen hinreissen und vermeine gar vor der eigenen Haustür Spuren der Scheiss-Oligarchie zu erkennen. Warum hetzt man, frage ich mich dann zum Beispiel, Klein- und Kleinstbürger und -bürgerinnen hinter jede Hausecke und unter jede Stachelhecke, um Krümel für Krümel den Kot ihrer Hunde zusammenzuklauben, während die Bürgersgofen bei der Initiation in ihren Klassenhabitus die Scheisse ihrer Ritualgegenstände mitten auf der Strasse deponieren dürfen?

Wegen solcher Verunsicherungen besuche ich im Büro immer zuerst schnell die Website eines Qualitätsmediums, das mir – so oder so – jeweils schnell klar macht, dass schon eine solche Frage zu stellen reine Verschwörungstheorie wäre. Danach beginne ich jeweils schuldbewusst meine kleiner werdenden Brötchen zu backen.

Dieser Text war mein Beitrag zur Journal B-Jahresendserie MEIN BEWEGTES 2016.