Frutigländer, 4. 10. 2016

Das richtige aus sieben Millionen Fotos

 

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Im neuen Adelbodenbuch 2, das die Chronik vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart fortschreibt, gibt es von Beat Inniger den Beitrag «Über ein Jahrhundert Gesundheitsversorgung zuhinderst im Tal». Dieser Text schlägt einen Bogen von der Zeit vor 1886, als man in Notfällen den Doktor in Frutigen noch zu Fuss holen musste, bis zum aktuellen Trend in der Gesundheitsversorgung, die Dienstleistungen «in den publikumsreichen Zentren des Unterlandes» anzubieten – ein Trend, der auch Adelboden mit «empfindlichen Angebots- und Qualitätseinbussen» bedrohe, wie Inniger warnt.

Die Redaktionsgruppe stand vor der Frage: Wie können wir diesen Beitrag am besten illustrieren? Ein verunfallter Skifahrer auf dem Transport ins Tal? Geschmacklos. Eine Porträtreihe von verdienten Ärzten? Billig, verdiente Personen könnte man in diesem Buch fast bei jedem Beitrag reihenweise abbilden.

Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Schliesslich fand unser Bildredaktor Peter Klopfenstein auf einem herausgerissenen Zeitungsblatt eine Fotografie, die den legendären Adelbodner Dorfarzt Joseph von Deschwanden bei der Arbeit zeigt, im Vordergrund liegt ein Bub, an dem er mit dem Spirometer einen Lungenfunktionstest durchführt. Ein treffendes Bild, auch weil geschädigte Lungen bis weit in die 1970er Jahre im Entschligtal beidseits des Marchbachs ein grosses und leidvolles Problem gewesen sind: Der Schieferabbau in den Spissen hat den Arbeitern bald einmal das Atmen erschwert und längerfristig das Leben verkürzt. Allerdings gab es mit dem Bild ein Problem: Im Zeitungsdruck war es wegen der groben Rasterung von so schlechter Qualität, dass wir es so nicht brauchen konnten.

Aber wo ist die Originalfoto? Auf dem Zeitungsblatt fand Klopfenstein eine Quellenangabe: «sie+er» vom 30. Juli 1964. Die Zeitschrift «sie+er» war die Vorgängerin der «Schweizer Illustrierten», wie diese produziert von der Ringier AG in Zofingen. Und diese Ringier AG hat, das ging vor einigen Jahren durch die Medien, ihr riesiges Archiv von alten Fotos dem Staatsarchiv Aargau geschenkt.

Am 4. Juli 2016 schickte ich eine E-Mail an dieses Ringier Bildarchiv im Staatsarchiv Aargau mit der Frage, ob es von der «sie+er»-Foto, die ich dem Mail beifügte, wohl noch das Original gebe. Der Zuständige Lukas Frey bestätigte die Anfrage sofort und machte sich auf die Suche.

Eine schwierige Aufgabe! Zwar arbeitet man in Aarau seit der Übergabe des Archivs 2009 an einem systematischen Gesamtkatalog. Aber die insgesamt 21 unterschiedlich geordneten Teilbestände aus den Jahren 1930 bis 2000 im Gesamtumfang von rund 7 Millionen Abzügen, Negativen, Dias und Glasplatten einheitlich zu ordnen und zu erfassen, das ist ein Projekt von voraussichtlich mehreren Jahrzehnten.

Frey suchte also die Nadel im Heuhaufen – und er fand sie innert zwei Tagen! Zwar führten die Suchbegriffe «Adelboden» und «von Deschwanden» nicht weiter. Aber im Teilbestand der Fotoagentur Arnold Theodor Pfister (ATP) stiess er auf eine umfangreiche Sammlung mit dem Titel «Arzt/Medizin». Und siehe da: Darin lag unter vielen anderen ein braunes Couvert mit den Bildern, die der Fotograf Siegfried Kuhn 1964 für den «sie+er»-Bericht gemacht hatte.

Archiviert ist ein ganzer Film mit 30 Negativen, eines davon zeigt das gesuchte Sujet. Beim genaueren Hinschauen wird klar: Für den Abdruck hat man 1964 das Foto stark angeschnitten. Im Original zeigt es nicht nur Joseph von Deschwanden, sondern links von ihm zudem seinen Sohn Peter – auch er langjähriger Hausarzt in Adelboden – der seinem Vater bei der Untersuchung assistiert. Ein glücklicher Fund: Weil in Innigers Buchbeitrag Vater und Sohn als Ärzte gewürdigt werden, passt dieses Originalfoto noch besser zum Buchbeitrag als das angeschnittene von 1964. Diese Originalfoto findet sich nun auf Seite 219 des Adelbodenbuchs 2.

Fotoschätze auch fürs Frutigland

Und noch eine Überraschung hat Lukas Frey in seiner Mail vom 6. Juli aus Aarau gemeldet. Er habe bei der Recherche weiteres Material zur Region um Adelboden gefunden, ob mich das auch interessiere? Zwar haben wir das Buch kurz darauf, im August, abgeschlossen, aber Ende September fahre ich nach Aarau, um im «Frutigländer» Genaueres berichten zu können über die Fotoschätze des Ringier-Bildarchivs. Frey empfängt mich an einem Tisch, der mit Couvertstapeln und Negativhüllen aus Plastik belegt ist.

Zu folgenden Themen sehe ich an diesem Vormittag Sammlungen von Negativen und von Abzügen: undatierte Ortsaufnahmen von Adelboden und Frutigen; «Landwirtschaft im Kandertal» (Fotoreportage von einem Bauernbetrieb, 1942), Interniertenlager in Adelboden (vor 1945); Serien mit englischen, polnischen und allgemein «kriegsgeschädigten» Kindern in Adelboden (1946); Bilder zur Schiefertafelfabrik Frutigen und zum Schieferabbau in den Spissen (1946); ungarische Flüchtlingskinder im Hotel Schönegg in Adelboden (1957); Felssturz (1958) und Lawinenniedergang (1961) auf die Strasse zwischen Frutigen und Adelboden; Hunterabsturz beim Oeschinensee (1969), Bundespräsident Adolf Ogi in Kandersteg mit François Mitterand unterwegs (1993). Dazu ein riesiger Bestand von Sport-Fotos. Allein von der Adelbodner Abfahrtsweltmeisterin von 1958, Frieda Dänzer, finden sich an die neunzig Negative.

«Selbstverständlich sind das nicht alle Bilder, die sich im Archiv finden liessen», sagt Frey fast entschuldigend, «würde man länger suchen, fände man mit Sicherheit Weiteres.» Gegen Schluss meines Besuchs kommen wir nebenbei auf Robert Baden-Powell und das von ihm gegründete «International Scout Center» der Pfadfinder in Kandersteg zu sprechen. Ich erwähne, in Adelboden habe dessen Frau Olave in den 1930er Jahren mit dem «Our Chalet» einen analogen Treffpunkt für Pfadfinderinnen initiiert. Frey murmelt: «Moment mal, da war doch was…». Er huscht an einen PC und nach kaum einer Minute hat er das Foto einer älteren Frau in Uniform auf dem Bildschirm. Legende: «Lady Baden-Powell, 1952, Adelboden». Schade, denke ich, im Kapitel zur Parahotellerie des Adelbodenbuchs 2 ist das «Our Chalet» abgebildet – das Foto der Gründerin hätte eigentlich gut dazu gepasst.

Es wird nützlich sein, wenn man im Kander- und im Entschligtal im Hinterkopf behält: Findet sich zur Illustration von lokalhistorischen Beiträgen nichts Passendes, dann könnte eine Anfrage beim Ringier Bildarchiv in Aarau weiterhelfen.