Journal B, 20. 3. 2015

Schwarze Schweizer sind nicht vorgesehen

Mohamed Wa Baile (* 1974) ist Pendler: Als Dokumentalist ist er täglich zwischen Bern und der ETH in Zürich unterwegs. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und hat zwei Kinder. Er engagiert sich für die Stadt Bern in der Fachkommission für Integration. Er ist einer jener idealistisch gesinnten Schweizer, um die man froh ist.  

Sein Problem: Er ist farbig. Darum wird er immer wieder von der Polizei überprüft: im Bahnhof Zürich, im Intercity-Zug, im Bahnhof Bern, beladen mit Büchern vor der Zürcher Zentralbibliothek. Oder vor der Kita In Bern, wenn er die Kinder abholen will.

Wa Baile hat Islamwissenschaften studiert und Ausbildungen in Friedensarbeit und Mediation gemacht. Er hat die Sprache, um auf den Begriff zu bringen, was er immer wieder über sich ergehen lassen muss: «Es geht um polizeiliches racial profiling, um eine diskriminierende und erniedrigende Form von institutionellem Rassismus.»

Flucht vor der Korruption ans Kap der guten Hoffnung

Aufgewachsen ist Wa Baile in Kenia, in der Altstadt von Mombasa am indischen Ozean. Er ist Muslim vom Stamm der Suahili. Er sagt, das beste, was er in letzter Zeit über die Lage an der kenianischen Küste gehört habe, sei ein Beitrag des SRF-Journalisten Patrick Wülser («Ausnahmezustand im Küstenparadies», 24.1.2015): Wülser sagt, die kenianische Elite im Landesinnern sei für einen der weltweit korruptesten Staaten verantwortlich. Zu beobachten sei heute entlang «religiöser Bruchlinien» eine Radikalisierung, weil sich «Religion, Armut und Frustration zunehmend unheilvoll vermischen».

Wa Baile ist, wie er sagt, schon in den achtziger Jahren in einer Welt aufgewachsen, in der ohne Schmiergelder nichts funktioniert hat. Früh hat er demütigende Erfahrungen gemacht. Aber früh hat er von seinem Vater auch Gerechtigkeitssinn gelernt: Nie dürfe er auf dem Markt einen Apfel aus Südafrika kaufen, solange es dort Apartheid gebe.

Als Anfang der neunziger Jahre die Apartheid zusammenbrach, wurde Südafrika für den Jugendlichen zur Hoffnung. 1996 verliess er Kenia und ging nach Kapstadt. Dort lernte er, dass es auch nach der Apartheid in der sozialen Hierarchie zuoberst Weisse, darunter Farbige und zuunterst Schwarze gab. Von den Schwarzen, mit denen er zuerst zusammenlebte, lernte er, dass er nicht dazugehörte, weil er ein Farbiger sei.

Zwei Erfahrungen innert einer Woche haben ihn aus Südafrika vertrieben: Ein kenianischer Freund, geübter Boxer, wurde überfallen, versuchte sich mit den Fäusten zu wehren, wurde mit sechzehn Messerstichen verletzt und überlebte nur knapp. Einige Tage später wurde der Imam, den er in der Moschee kennengelernt hatte und der ihm zum Vater geworden war, in seinem Laden, den er betrieb, überfallen und erschossen. «In der Nacht zuvor hatte ich diesen Tod geträumt und war mit Tränen aufgewacht. Als der Mord am nächsten Tag tatsächlich passierte, konnte ich nicht mehr dort bleiben.» Das war 2000.

Ein Schweizer – und doch keiner

Weil ihm die Freundin seiner Schwester, die in Bern lebt, sagte, er solle nach Europa kommen, in England könne er sich eine neue Existenz aufbauen, flog Wa Baile in die Schweiz und versuchte, via Frankreich nach England weiterzureisen. Er wurde angehalten und in die Schweiz zurückgeschafft. Er stellte zuerst erfolglos einen Asylantrag, wurde aber 2005 durch Heirat Schweizer. Heute ist er Vater einer Tochter und eines Sohns. Er sagt: «Seit zehn Jahren habe ich einen Schweizer Pass, bin also Schweizer. Ich lebe aber hier in einem Land, in dem Sicherheitsbeamte häufig der Meinung sind, Schwarze könnten keine Schweizer sein, die Schweiz sei nur für weisse Menschen. Darum muss ich mich immer wieder ausweisen.»

Episode um Episode erzählt er, die belegen, was er erlebt: Wie ihn an einem Wochenende eine polizeiliche Zweierpatrouille vor dem Bahnhof Bern daran hindert, in der Bahnhofapotheke Medikamente gegen seinen Heuschnupfen zu holen. Wie zwei Polizisten den Eisenbahnwagen betreten, in dem er sitzt, ihn anpeilen und ihn als einzigen des ganzen Wagens auffordern, das Billett zu zeigen. Wie er in Olten aus dem Zug geholt und auf den Polizeiposten gebracht wird, weil er sich weigert, Polizisten das GA zu zeigen. Wie er letzthin – am 5. März 2015 – unmittelbar nach dem Verlassen des Intercityzugs im Hauptbahnhof Zürich von drei Polizisten umringt und kontrolliert wird. Weil er auch hier ohne sich zu wehren weigert, seinen Namen zu nennen oder sich auszuweisen, hält man ihn wieder zurück und lässt ihn erst gehen, nachdem man in seinem Gepäck den AHV-Ausweis gefunden hat. «Wissen Sie, wie es sich anfühlt, ständig unter Generalverdacht gestellt zu werden?»

Unterdessen ist Mohamed Wa Baile bereit, für seinen zivilen Ungehorsam ins Gefängnis zu gehen: «Ich will sehen, wie weit dieses koloniale Denken in Vorurteilen gegenüber Mitbürgern geht. Dieses Denken prägt die Mentalität und bestimmt den institutionellen Rassismus der Polizei.»

Das Bemühen um Integration braucht zwei

«Was ich selber erlebe, ist das eine», sagt Wa Baile, «aber es gibt noch einen anderen Aspekt.» Seine Kinder hätten zwar den Schweizer Pass und seien hier in Bern geboren, aber sähen afroschweizerisch aus. «Solche Kinder gibt es unterdessen hier viele. Sie gelten als besonders herzig, solange sie klein sind. Je grösser sie werden, desto mehr geraten sie wegen ihrer Hauptfarbe unter Generalverdacht und werden ausgegrenzt. Auf der anderen Seite identifizieren sie sich voll mit der Schweiz, die ja ihre Heimat ist.»

Um zu zeigen, was diese Zerrissenheit für die Identität von Jugendlichen bedeutet, sucht er aus seinen Unterlagen den Artikel «Bruder, Kämpfer, Dschihadist» (Spiegel, 47/2014) hervor und zeigt auf eine angestrichene Passage. Dort heisst es: «Was allerdings auffällt bei den Kämpfern aus Deutschland, ist, dass viele, egal ob gebildet oder ungebildet, Kinder von Migranten sind. Langeweile, Narzissmus, Kriegslust – vielleicht, bestimmt spielt das alles eine Rolle, aber möglicherweise hat es auch mit einem Leben ohne Heimat zu tun, ohne das Gefühl, dazuzugehören in einem Land, in dem man geboren wurde und aufgewachsen ist, aber nie das Gefühl bekam: Hier gehöre ich hin.» – «Das ist eine zentrale Beobachtung», sagt Wa Baile: «Wenn dir immer wieder gezeigt wird: Du gehörst nicht hierher, dann reagierst Du irgendeinmal darauf.» Und: «Das Bemühen um Integration muss doch von beiden Seiten kommen!»

Das Theaterprojekt «Mohrenkopf im Weissenhof»

Was tut man mit all diesen Erfahrungen? – Mohamed Wa Baile schreibt. Im Rahmen der Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus wird sein Stück «Mohrenkopf im Weissenhof» aufgeführt. Es gehe ihm darum, sagt er, das Publikum «erleben» zu lassen, «was bei solchen Polizeikontrollen mit den schwarzen Menschen passiert»: «Ich möchte mehr zeigen als erklären und den Personen, die Opfer von racial profiling werden, ihre menschliche Würde zurückgeben.»

Dass das Stück während der Aktionswoche nur einmal zu sehen sein wird, hat einen Grund: Für Inszenierung und Ensemble standen insgesamt 1500 Franken zur Verfügung. Das Geld ist längst weg, und ohne eigenes wäre es nicht gegangen. Das Ensemble kann für ein bescheidenes Honorar engagiert werden, aber, sagt er, weitere Gratisarbeit der Truppe könne er nicht verantworten.

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PS. Und noch eine Geschichte, die Mohamed Wa Baile im Gespräch mit Journal B erzählt hat: «Letzthin sitze ich in Zürich in der Polybahn hinauf zur ETH, vis à vis ein Vater mit seinem kleinen Sohn. Der Bub schaut mich lange an, wendet sich dann an seinen Vater und sagt: ‘Papa, Mama hat sagt, es gibt einen schwarzen Mann, der Kinder klaut. Stimmt das?»

Die Aufführung von «Mohrenkopf im Weissenhof» hat im Rahmen der Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus am 27. März 2015 im Kellertheater ONO stattgefunden. Mohamed Wa Baile hat dabei seine eigenen Erfahrungen in Szene gesetzt und sich selber gespielt.