Journal B, 9. 3. 2015

Die Einzigartigkeit der Reitschule

In Bern hat es eine soziologische Studie auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft. Sie heisst: «Berner Reitschule. Ein soziologischer Blick». Verfasst haben sie Mirja Bänninger, Rodrigo Krönkvist und Ueli Mäder. Letzterer ist Ordinarius für Soziologie an der Universität Basel und ein kritischer und unbequemer Kopf.

Die zweite Neuigkeit: Stadtpräsident Alexander Tschäppät übernimmt von Sicherheitsdirektor Reto Nause das Reitschul-Dossier und will im Dialog und mit vielen kleinen Schritten die konstruktiven Kräfte in der Reitschule fördern und stärken.

Die BZ kommentiert mit der einmittenden Forderung: «Die Massnahmen, die Tschäppät angekündigt hat, gehören rasch auf den Tisch.» Und der «Bund» mit der Feststellung, mit Nauses «Rückzug» sei zumindest klar, «wer nun für die Lösung der Probleme rund um die Reitschule die politische Hauptverantwortung trägt».

Eine empfindliche Lücke in der Studie

Beide Zeitungen haben die Studie ausführlich referiert. Allerdings vergassen sie, jenen Satz zu zitieren, der in einer solchen wissenschaftlichen Arbeit vor allen anderen heraussticht: «Die Berner Reitschule ist eine einzigartige Kultur- und Begegnungsstätte.» (88) Tatsächlich: Seit mehr als 27 Jahren dient sie den Bedürfnissen der jeweiligen Jugendlichen so gut, dass sie unterdessen fünf Schliessungsinitiativen überstanden hat (zuletzt 2010 mit 68,4 Prozent Nein).

Geschafft hat sie das, weil sie mehr und anderes ist, als die Mäder-Studie jetzt hervorstreicht. Diese würdigt die Reitschule vor allem als «ein ‘Auffangbecken der Stadt’, das unentgeltlich viel Drogen-, Sozial-, und Jugendarbeit leistet». (51) Während der Begriff «Auffangbecken» in der Studie elfmal auftaucht, schafft es jener der Sozialisation ein einziges Mal in eine Fussnote. Das ist eine schiefe Gewichtung. Klar war die Reitschule schon 1981/82 als AJZ und seit 1987 immer – auch – ein «Auffangbecken» für sozial Abgestützte und Marginalisierte. Aber vor allem war sie jederzeit eine staatlich nicht kontrollierte Sozialisierungsagentur für all jene, die sich die Freiheit nahmen, ihre Eierschalen nicht sofort mit dem Sturzhelm der Angepasstheit vertauschen zu wollen.

Das ist das Einzigartige an der Reitschule: Junge Menschen können hier das Nein zur bestehenden Gesellschaft denken lernen, bevor sie sich, um hier leben zu können, zu einem wie auch immer gearteten Ja mit Vorbehalten entschliessen. Sozialisierungsagentur heisst: Seit mehr als einem Vierteljahrhundert haben junge Leute in der Reitschule für sich viel lernen können. Deshalb ist es richtig und wichtig, dass sie sich weiterhin gegen den Anspruch wehrt, das Areal zur kommerziellen Partymeile für kurzfristig ausflippende Angepasste zu machen. Wer hier verkehrt, soll weiterhin die Freiheit haben, sich für oder gegen die glänzende Familienkarosserie, für oder gegen die Stromlinienform der Stadt Bern, für oder gegen das Zahnrädchen zu entscheiden, als das er oder sie eben in die grosse Produktions- und Konsumationsmaschine eingebaut werden soll.

Die Schwäche der Basisdemokratie

An der Berichterstattung in Bund und BZ überrascht hat mich, dass sie beide die Seiten 55/56 des Mäder-Berichts links liegengelassen haben. Dort ist die Rede von der «Gruppe 031», die für das Forscherteam «ein Mysterium» geblieben ist, weil niemand «genauere Angaben» habe machen können. 

Immerhin deuten anonymisierte Statements an, was in Bern seit langem viele wissen: Die Gruppe 031 ist eine «gewaltbereite Sprayergang» am Rand des Reitschul-Soziotops. Der Bericht resümiert: «Anscheinend ritualisiert, bindet 031 Zugehörige durch Gesetzesüberschreitungen an sich. Wer aussteigen will, werde bedroht, berichtet eine betroffene Person.» Insgesamt hat das Soziologenteam die gleiche Erfahrung gemacht, die in Bern viele kennen: Fragt man Reitschul-Insider nach dieser 031-Gruppe, kriegt man den Eindruck, als wüssten die Befragten mehr, als sie sagten; als wichen sie aus, weil sie keine Lust hätten, nächstens zusammengeschlagen zu werden oder, wie es im Mäder-Bericht formuliert wird, «einen dummen Velounfall» zu haben. 

Als einer, der den Kontakt zur Sozialisierungsagentur Reitschule seit Jahren verloren hat, stelle ich fest, dass es heute offenbar Probleme mit Drohungen und Einschüchterungen gibt. Als ein Mitglied der Pressegruppe der Berner Jugendbewegung 1981/1982 und als WoZ-Kollektivmitglied zwischen 1982 und 2001 kann ich sie mir nur so erklären: Die grösste Schwäche der Basisdemokratie ist, dass sich in ihren Entscheidungsstrukturen immer wieder informelle, demokratisch nicht legitimierte Hierarchien einnisten, die Entscheide zu beeinflussen und Prozesse zu steuern beginnen. Nichts ist anstrengender als Basisdemokratie, weil sie nur funktioniert, wenn diese Hierarchien laufend offengelegt und kritisiert werden. 

Ist es möglich, dass sich in Teilen der Reitschulstrukturen in den letzten Jahren informelle Hierarchien zu Gewaltstrukturen verfestigt haben, die mit Drohungen und Einschüchterungen einen Schweigezwang durchsetzen – eine quasi-mafiöse Omertà?

Aber auch: Seit Jahren diagnostiziert die Polizei strafrechtlich relevante «linksextreme» Gewalt im Umfeld der Reitschule und unternimmt nichts. Soll mir tatsächlich glauben gemacht werden, sie kenne die Identität der Täterschaft nach dieser Zeit immer noch nicht? Falls sie sie aber kennt: Warum unternimmt sie nichts? Am Ende, weil diese Leute faktisch als Agents provocateurs das Geschäft von Berns Reitschulfeinden betreiben?

Reden? Klar! Aber keine Wunder erwarten

Für die kommenden Gespräche zwischen der Stadt und der Reitschule sehe ich deshalb zwei hauptsächliche Herausforderungen:

• Die informellen Hierarchien, die die Reitschule mitsteuern, können Tschäppäts Versuch, im Sinn Mäders «am runden Tisch» weiterzukommen, zum Scheitern bringen: Denn es könnte sein, dass die IKuR zwischen demonstrierter Gesprächsbereitschaft und hausinterner Omertà handlungsunfähig ist. 

• Das Gespräch soll, so Tschäppät, die «konstruktiven Kräfte» fördern und stärken. Konstruktiv? Für die Reitschule konstruktiv ist alles, was mehr und bessere, staatlich nicht kontrollierte, kulturpolitische Prozesse ermöglicht. Dass eine solche Konstruktivität vielen in der Stadt als destruktiv erscheint, ist Tschäppäts Problem als gewählter Politiker, nicht jenes der Reitschule.

Die einzigartige Sozialisierungsagentur für die clevere Jugend auf der Schützenmatte wird politisch immer wieder neu verhandelt und verteidigt werden müssen.