Work, 21. 5. 2010

Jeder Stich ein Schmerz

Ein Studio im Soussol: schwarzweiss geplättelter Fussboden, an der Decke ein riesiger Kronleuchter, an der Wand ein Büchergestell mit Fachliteratur, daneben Ablagen für die Arbeitsinstrumente. Auf Tablaren und Simsen ausgestopfte Tiere, grelle Devotionalien aus Mexiko, sitzende Buddhas aus Indien, an der Wand ein Hochzeitskimono aus Japan, daneben alte Stiche von tätowierten Indianern.

Beherrscht wird der Raum jedoch vom durchdringenden Sirren der elektrischen Tätowiermaschine. «Ich hab’s gleich», sagt Nathalie Verdon. Sie beugt sich konzentriert über einen Oberschenkel: Schnurgerade ist die schwarze Tintenlinie, die sie unter die Haut ihres Kunden sticht. Ab und zu verzieht jener sein Gesicht. Tätowieren tut weh.

Von der Idee zur Wundpflege

Während der Pause erzählt sie: «In der Punkrock-Szene, in der ich in den achtziger Jahren verkehrt habe, gehörten neben originellen Klamotten auch Tatoos dazu.» Sie ist fasziniert und lässt sich in Amsterdam ein erstes Tattoo stechen. Später findet sie einen erfahrenen Tätowierer, der sie in das Kunsthandwerk einführt.

1992 durchsticht sie zum ersten Mal selber menschliche Haut: «Ein schwieriger Moment. Ein grosser psychischer Druck. Jeder Stich wird ja als Schmerz gespürt und jede Linie, die ich mache, bleibt für den Rest des Lebens auf der Haut.»

Gewöhnlich sei es so, dass der Kunde oder die Kundin eine Idee bringe und sie diese auf Papier zeichne. Über die Zeichnung werde solange diskutiert, bis alles stimme. Dazu gehört auch, dass sie überzeugt ist, die Person werde zu ihrem Entscheid stehen können: «Kann sie das nicht, hat sie später ein Problem. Darum habe ich auch schon Aufträge abgelehnt.» Bevor sie schliesslich sticht, zeichnet sie die Konturen der Zeichnung auf der Haut vor. Kleine Tattoos sind in einer Sitzung fertig und werden je nach Sujet honoriert. Grosse kosten nach Aufwand und wachsen in jeweils zwei- bis dreistündigen Sitzungen.

Durch den Farbeintrag entstehen Hautverletzungen, die Schürfungen entsprechen. Leichte Verschorfungen sind deshalb die Regel. «Wichtig ist, die neu tätowierte Haut mit Hautcrème zu pflegen und wenn nötig abzudecken, damit es nicht zu Entzündungen kommt, die zu Vernarbungen und zu Unregelmässigkeiten im Farbauftrag führen.»

Der Markt macht die Meisterin

In den letzten zwanzig Jahren hat sich der schweizerische Markt der Tätowierer und Tätowiererinnen vervielfacht. Trotzdem ist die Berufsbezeichnung weiterhin nicht geschützt. Eine reglementierte Ausbildung gibt es nicht. Wer es sich zutraut, kann tätowieren. Verdon erzählt von «Chnorzibrüdern», deren Tattoos ihr «bis ins Herz hinein weh» täten und die es besser bleiben liessen.

Allerdings werde in der Schweiz im grossen Ganzen hygienisch sauber gearbeitet. «Und aus ästhetischen Gründen zu sagen, der darf tätowieren und jener nicht, ist schwierig. Noch beim schrecklichsten Tattoo gibt es Leute, die es schön finden.» Deshalb hält Nathalie Verdon nichts von einer Qualitätskontrolle durch Standespolitik. Dem «Verband schweizerischer Berufstätowierer», der seit 1994 existiert, ist sie nicht beigetreten. Sie versteht sich als Kunsthandwerkerin, nicht als Berufspolitikerin. Ihr Überzeugung: Den guten und erfahrenen Berufsleuten garantiert die Mund-zu-Mund-Propaganda Kundschaft genug. Wenn sie die informellen Strukturen ihre Branche verteidigt, erinnert sie an die Punkrockerin, die sie einst war: «Ich habe mich vor zwanzig Jahren für den unkonventionellen Weg entschieden – ich habe kein Interesse, dass mein Beruf staatlich reglementiert wird.»

Jedoch hält sie sich an die «Richtlinie für ‘Gute Arbeitspraxis’», die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) für den Beruf herausgegeben hat, Und in einem Bereich würde sie sich vom Staat sogar mehr Unterstützung wünschen: Wegen Bestimmungen des Wettbewerbsgesetzes darf das BAG keine Empfehlungen zur Unbedenklichkeit von Tätowierfarben abgeben. Umso wichtiger ist in diesem Bereich der Erfahrungsaustausch unter den Profis.

«Fertig für heute», sagt Nathalie Verdon. Der Kunde erhebt sich von der Liege und atmet tief durch. Die Haut seines rechten Beins ist vom Fussrist bis hinauf an den Slipansatz ein Gesamtkunstwerk mit ostasiatischen Ornamenten. Bevor er sich anzieht, desinfiziert Verdon die heute bearbeitete Haut, bestreicht sie mit einer Pflegesalbe und fixiert darüber mit Klebeband eine schützende Folie. Für den Kunden war das die achtzehnte Sitzung. In drei Wochen soll’s weitergehen.

 

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Tattoo-Pionierin

Nathalie Verdon (41) ist in Niederwangen bei Bern aufgewachsen. Sie war schon früh kunstinteressiert, macht aber zuerst in einem Reisebüro die KV-Ausbildung, um auf der sicheren Seite zu sein. Nach dem Lehrabschluss gibt sie den Beruf auf. Sie sucht ein unkonventionelleres Leben, jobbt als Verkäuferin und findet Anschluss an die Punkrock-Szene.

Mit zwanzig lässt sie sich in Amsterdam das erste Tattoo auf die eigene Haut stechen. Das Kunsthandwerk des Tätowierens fasziniert sie. Sie sucht einen Lehrmeister und findet ihn in Marino Bianchera in Zürich. Ein knappes Jahr verbringt sie in dessen Studio, zeichnet, fragt, beobachtet – dann wird dort der Raum zu eng: So sei sie ins kalte Wasser geworfen worden, sagt sie. 1992 sticht sie ihr erstes Tattoos. Seither, schätzt sie, hat sie tausende gemacht.

In den ersten Jahren hat sie zwischenhinein gejobbt, um sich das Tätowieren leisten zu können. Heute betreibt sie das Tattoo-Studio «Iguana tatau» in Bern und ist voll ausgelastet. Als Hobbys nennt sie zuerst die Arbeit in ihrem Garten. Daneben tut sie das am liebsten, was auch der beruflichen Weiterbildung dient: malen, reisen und lesen.