Work, 16. 4. 2010

Der Aktivist träumt von Milchkühen

Le Carré d’Aval: ein 250jähriger Bauernhof südlich des Genfersees, hart an der Grenze zu Frankreich, hinter flachen Feldern der Mont Blanc im Mittagslicht. Pause im Windschatten einer hohen Umfassungsmauer. «Angefangen habe ich heute um sechs Uhr», sagt Reto Sonderegger. Zuerst hat er die rund hundert Tiere gefüttert, später einen Zaun repariert, schliesslich im hofeigenen, kleinen Rebberg gearbeitet: Die Stöcke beginnen bereits zu treiben, sie müssen dringend geschnitten werden.

Kampf gegen den Landraub

Sonderegger beginnt zu erzählen und kommt bald auf sein Leben in Chile und Paraguay zu sprechen. Ende Februar 2007 war er dorthin geflogen. In Asunciòn, der Hauptstadt Paraguays, traf er jene Frau wieder, die er im Herbst zuvor im argentinischen Buenos Aires kennen gelernt hatte: Javiera Rulli, Biologin, die als Tochter eines argentinischen Menschenrechtsaktivisten weiss, was es heisst, vertrieben zu werden: Sie ist in Schweden und Chile aufgewachsen und hat später in Madrid und Utrecht studiert. In Paraguay wollen die beiden ohne Auftrag, «als solidarische Menschen», den Kampf der Landlosen und Kleinbauern gegen Landraub, das «Land grabbing» unterstützen.

«Land grabbing» heisst, dass Grosskonzerne ganze Landstriche aufkaufen und darauf in Monokultur produzieren, was am Weltmarkt Geld bringt: in Paraguay vorab Gensoja als Futtermittel und zur Herstellung von Agrotreibstoff. Kleinbauern und indigene Gemeinschaften verlieren Boden und Existenz. Wer kein Geld verdient, hungert.

«Wir haben versucht, bekannt zu machen, was da passiert.» Ab und zu sind sie mit Kamerateams grosser europäischer Stationen unterwegs, wenn nötig als «Human Shields», als menschliche Schutzschilder in Konfliktgebieten. Daneben baut sich das junge Paar ein Häuschen. Die Frau wird schwanger. Dann kommt alles anders. Sonderegger will nicht darüber reden. Er spricht bloss von «gewissen Enttäuschungen» und dass es wohl ab und zu «ein bisschen riskant» gewesen sei, was sie gemacht hätten.

Uniterre für die Deutschschweiz

Im Sommer 2009 kommt das Paar mit dem neugeborenen Pedro in die Schweiz. Sonderegger nimmt eine vorläufige Stelle an und sucht nach einer Möglichkeit, mit Milchkühen arbeiten. In Genf lernt er Marc Jaquet kennen, der als Milchbauer eben den Streik anführt gegen Überproduktion und ruinöses Preisdumping auf dem Milchmarkt. Seit Anfang Januar ist Sonderegger landwirtschaftlicher Angestellter von Jaquet. Der Hof umfasst knapp 35 Hektaren Land und wird seit einem Jahr auf biologischen Landbau umgestellt.

Produziert wird Fleisch für den Direktverkauf, gemolken wird nicht: «Heute liegt der Produzentenpreis um die 65 Rappen pro Liter Milch, ein fairer Preis läge bei etwa einem Franken.» Weil er der Meinung ist, dass die Arbeit von Bauern fair bezahlt werden soll, lässt er sich auf Februar 2010 zu 25 Prozent anstellen als Sekretär der Bauerngewerkschaft Uniterre (früher: Union des Producteurs Suisses, UPS). Dass er Deutschschweizer ist, passt: «Uniterre ist im letzten Herbst während des Milchstreiks isoliert geblieben. Romands allein können auf nationaler Ebene nichts bewegen. Darum braucht die Uniterre jetzt deutschschweizerische Sektionen.» Wenn alles klappt, werden die ersten beiden in dieen Wochen in der Nordwestschweiz und in Zürich gegründet.

Es geht um die Ernährungssouveränität

1993 hat die UPS/Uniterre mitgeholfen, die internationale Kleinbauern- und Landarbeiterbewegung «Via campesina» zu gründen, die heute in 68 Ländern verankert ist. Ihr Ziel ist die Umsetzung des politischen Konzepts der Ernährungssouveränität: Volksgruppen und Staaten sollen ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selber bestimmen.

«Es geht um die Demokratisierung der menschlichen Ernährung», sagt Sonderegger. «Ernährungssouveränität ist keine reaktionär-protektionistische Idee, sondern eine Form der internationalen Solidarität unter Bauern der ganzen Welt.» Allerdings braucht diese Solidarität staatlichen Schutz, zum Beispiel gegen den Export subventionierter Überproduktion aus dem Norden in den Süden. Für die grosse Mehrheit der Kleinbauern droht mit dem schrankenlos globalisierten Nahrungsmittelmarkt das Ende. Dass sich in der Schweiz die SVP neuerdings die Ernährungssouveränität auf die Flagge schreibt, die Linke jedoch mehrheitlich skeptisch bleibt, verweise auf die politische Problematik: Industrielle und landwirtschaftliche Gewerkschaften hätten nur teilweise gleiche Interessen.

Mit seinem Chef Marc Jaquet hat Sonderegger auch schon darüber geredet, dass er später ein eigenes Projekt mit Milchkühen aufziehen könnte: «Milchproduktion ist möglich, wenn Produzenten und Konsumenten im Sinn der regionalen Vertragslandwirtschaft direkt faire Abmachungen treffen», sagt er. Dann schnallt er die Baumschere um, schwingt sich aufs Velo und saust davon: Die Reben warten.

 

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Autonomer Biobauer

Aufgewachsen ist Reto Sonderegger (* 1975) in einer Lehrerfamilie in Islikon (TG). Gymnasium in Frauenfeld, Studium der Geschichte und der politischen Philosophie in  Zürich. Autonomer Aktivist, unter anderem im Komitee für den politischen Flüchtling Patricio Ortiz, dessen Auslieferung nach Chile 1998 verhindert werden kann.

Abbruch des Studiums nach sieben Semestern und Mitarbeit beim Getränkekollektiv Intercomestibles in Zürich. Während der Anti-WTO-Proteste 1998 in Genf erste Kontakte mit fortschrittlichen Westschweizer Bauern. Nach einem längeren Chile-Aufenthalt beginnt er 2001, Bauer zu lernen. 2005 ist er diplomierter Landwirt mit Spezialrichtung Biolandbau. Anfang 2007: Abbruch des Studiums der «Internationalen Landwirtschaft» an der Hochschule Zollikofen (BE) und Abreise nach Paraguay.

Heute lebt Sonderegger zusammen mit seiner Partnerin Javiera Rulli und dem Sohn Pedro als Sekretär der Bauerngewerkschaft Uniterre und als landwirtschaftlicher Angestellter in Meinier (GE). Zusammengerechnet verdient er gut 4000 Franken netto im Monat.