Erstveröffentlichung, 1. 4. 2017

Warum tue ich das? (II)

Hat was: Ab und zu einen Schritt zurückzutreten und darüber nachzudenken, was man eigentlich tut, kann nicht falsch sein. Vor exakt zwei Jahren habe ich an dieser Stelle unter dem Titel «Warum tue ich das? Ein Selbstgespräch» über mein beträchtliches Randzeitenengagement für diese Textwerkstatt nachgedacht. Es ist Zeit, mich in einigen Punkten zu fragen, ob ich noch meiner Meinung bin.

Um wie damals mit einem Blick auf die Statistikfunktion der Website zu beginnen: Unterdessen wird sie pro Monat von rund 2000 (damals 1000) verschiedenen PC’s deutlich mehr als dreitausendmal (damals knapp zweitausendmal) besucht, wobei zwischen 12'000 und 15'000 Seiten angeklickt werden (damals um die 5000). Weiterhin dauern gut fünfundachtzig Prozent der Besuche bloss höchstens 30 Sekunden. Höchstens knapp 15 Prozent der Besuchenden beginnen demnach zu lesen. Ich schliesse aus diesen Zahlen: Die Arbeit, die ich hier mache, wird von einem Nischenpublikum beachtet, das bisher langsam grösser geworden ist.

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In meinem persönlichen Umfeld weiss man, dass ich die Statistikfunktion der Website regelmässig konsultiere, und ich werde deswegen einerseits zu Recht ein bisschen bespöttelt. Andererseits aber zu Unrecht: Ich betreibe den Bau des Textlabyrinths als chronikalische Spiegelung eines (zumeist) journalistisch verschriftlichten Lebenswegs ja nicht als Hobby, sondern als Fortführung meiner journalistischen Arbeit mit anderen Mitteln. Dazu gehört es, regelmässig festzustellen, ob ein wie auch immer abstraktes öffentliches Gegenüber überhaupt noch existiert.

Insofern es sich bei diesen Texten um die trotzige Präsentation des Leistungsausweises eines ausrangierten Printschurnis handelt, muss ich mich fragen: Warum schneide ich meine Artikel nicht einfach aus den alten Zeitungen, klebe sie säuberlich auf A4-Blätter, fülle Bundesordner und mit diesen die Tablare meines Büchergestells, die ich dann im Sinn eines Pensionierungsvorbereitungsprogramms zur Stabilisierung des Selbstwertgefühls täglich einige Male abschreite? Der Grund ist der: Bei diesen Zweitveröffentlichungen handelt es sich um Zweitveröffentlichungen. Allerdings lege ich Wert auf eine Idee von Öffentlichkeit, die nicht mit Bezahlschranken oder hunderttausend «feinen Unterschieden» segregiert und hierarchisiert, sondern der Utopie einer basisdemokratischen Öffentlichkeit ihren scheinhaften Ort gibt. Einer so gedachten Öffentlichkeit stelle ich meine Texte weiterhin à prendre ou à laisser zur Verfügung.

«Der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen»? Erwischt!, blinkt das Frühwarnsystem für sozialtechnokratische Normalitätsrekonstruktionen: Identifiziert ist ein marginalisierter Idealist, der auf Null Abgeschriebenem einen ideellen Wert zu geben versucht, weil sein Selbstwertgefühl daran hängt. Jedoch, blinkt das System sofort Entwarnung, lasst ihn machen: Dieses Gebastel ist weder selbst- noch fremdgefährend und stabilisiert den Bastelnden psychisch.

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Allerdings könnte man die Formulierung, ich würde Texte «der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen», anders, nämlich kulturpolitisch verstehen. Zwar war die Charakterisierung meiner Webseite vor zwei Jahren als «entmilitarisierte Zone in der kapitalistischen Warenwelt» eine ziemlich kecke Behauptung. Immerhin hat sie sich insofern bewahrheitet, als man sich in diesem Textlabyrinth weiterhin umsehen und lesen muss, ohne dafür bezahlen zu dürfen. Wobei die Präsentation der Texte diese nicht nur einmalig kostenlos macht, sondern ihren Tauschwert langfristig auf Null abschreibt. Das mag für eine Krämerseele nicht wirklich geschäftstüchtig aussehen, kulturpolitisch legitimiert mich mein Vorgehen immerhin dazu, nicht vorgesehene Feststellungen zu treffen resp. dumme Fragen zu stellen: 

Nehmen wir zum Beispiel einmal an, Kultur hätte tatsächlich mehr mit der Initiierung und Unterstützung (nicht Steuerung!) von Prozessen zu tun als mit Produkten und Produktionen hinter Kassenhäuschen. Nehmen wir an, das so genannte Kunstschaffen im heutigen Sinn sei nicht unbesehen die höchste Ausprägung von Kultur, sondern zum überwiegenden Teil von manchmal sehr langen Verwertungsketten ausgebeutete Ablenkungsmanöver davon, was eine gesellschaftspolitisch nötige Kultur heute eigentlich sein und leisten müsste.

Nehmen wir zudem an, wir lebten in einer Demokratie, die als kulturelle Errungenschaft selbst primär Prozess und nicht Produkt sei, und kulturelle Arbeit müsse deshalb vernünftigerweise darin bestehen, diesen demokratischen Prozess zu fördern. Nehmen wir also als Tatsache, es sei nicht der eigentliche – und gerade deshalb ideologisch verleugnete – Zweck von Kunst, in erster Linie jene nähren zu sollen, die sie herstellen. (Gewerkschaftliches Engagement zugunsten entfremdeter Arbeit in hohen Ehren, aber Kunst, die unter der Bedingung gerechter Entlöhnung entsteht, ist gekaufte Kunst.) Setzen wir dagegen als Forderung, Kunstschaffen als subjektive, kritische Spiegelung gesellschaftlicher Wirklichkeit müsse sich als Teil der Kultur in den Dienst der aktuellen gesellschaftlichen Prozesse stellen – unbesehen davon, ob es das materiell kann oder nicht. (Wer weiss, ob die beste Kunst nicht zu allen Zeiten jene gewesen ist, die keine Chance bekam zu entstehen.)

Dies alles angenommen: Müsste dann die erste Tat von Kunstschaffenden nicht die Schleissung der Kassenhäuschen sein, und die zweite die, dafür zu sorgen, dass ihre Kunst «der Öffentlichkeit zur Verfügung» steht? Müssten kulturelle Arbeiten nicht in jedem Fall ein Angebot à prendre ou à laisser sein, etwas, das nicht entsteht in der Hoffnung, dass es vom Markt im Minimum kostendeckend geschluckt werden möge, sondern etwas, das entsteht in der Überzeugung, dass es hier und jetzt getan werden muss – unbesehen davon, ob die basisdemokratisch gedachte Öffentlichkeit das Zur-Verfügung-Gestellte zur Kenntnis nimmt oder nicht? Müsste, so gesehen, nicht die Frage diskutabel sein, ob arbeitsteilig und professionell produzierte Kunst als systemaffirmative Kleingewerblerei kulturell möglicherweise ziemlich unergiebig ist? Ob solche Kunst allenfalls nicht der Höhepunkt der Kultur, sondern die kontinuierliche Verhinderung nötiger kultureller Prozesse sein könnte? Ob das selbstreferentiell inszenierte artistisch Noch-so-Richtige kulturpolitisch gesehen trotzdem das Falsche sei?

Mir ist durchaus klar, in welche Widersprüche solche Fragen auch mich führen. Aber sollte ich sie ignorieren, bloss weil sie auch mein eigenes Tun in Frage stellen? Zum Beispiel auch diese Website, die sich rühmt, ohne Kassenhäuschen auszukommen, und dabei – NSA-überwacht und für selten naiv befunden – nur von jenen eingesehen werden kann, die vorher an irgendeinem Kassenhäuschen für elektronische Hardware ihren Obolus entrichtet haben?

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Was mich in den letzten zwei Jahren in Bezug auf diese Textwerkstatt daneben immer wieder beschäftigt hat, ist das damals aufgestellte Postulat, sie solle zur «Selbstrekonstruktion als Text» dienen.

Was heisst das für mich zurzeit?

Erst allmählich habe ich begriffen, dass die Zweitveröffentlichung auf dieser Website die Bedeutung der Texte stark verändert. Zwar lade ich sie grundsätzlich in der Printversion hoch, nehme mir bloss das Recht heraus, das Gedruckte mit der seinerzeit abgelieferten Worddatei zu vergleichen und wenn für mich nötig, redaktionelle Änderungen rückgängig zu machen. Trotzdem: Form und Inhalt der Erstveröffentlichungen werden sowenig wie möglich verändert – die redaktionellen Eingriffe vor der Zweitveröffentlichung sollen bloss der Verdeutlichung dessen dienen, was ich seinerzeit vermutlich habe sagen wollen.

Dass sich die Bedeutung der Texte trotzdem stark verändert, hat den Grund, dass der Kontext – also der «Rahmen» (siehe hier, S. 236 f.) – ein anderer geworden ist: Im Printprodukt war jeder Text Ergebnis redaktioneller Planung und spiegelte, was aus dieser Sicht zum entsprechenden Zeitpunkt als aktuell respektive wichtig erachtet wurde. Dieser Aspekt fällt hier weg. Das Kriterium, weshalb Texte hier erscheinen, ist ein anderes: Sie erscheinen, weil sie erstens vom Betreiber der Werkstatt verfasst worden und zweitens von diesem für wichtig genug befunden worden sind, darin eingelagert, also eben zweitveröffentlicht zu werden.

Die um «Objektivität» bemühte redaktionelle Planung von damals ist ersetzt worden durch rein subjektive Absichten eines Autorenichs. Für mich ist das heute die plausible Begründung, weshalb ich vor zwei Jahren ins Ungefähre behauptete, die Werkstatt führe über «Subjektivität und Selbstfiktionierung» zu einer «Literarizität», die sich noch dann ergeben würde, «wenn in der ganzen Textwerkstatt kein einziger mit literarischer Ambition verfasster Text eingelagert wäre».

Tatsächlich montiert das Autorenich aus nachweisbar journalistischen Texten eine vollständig subjektive Konstellation, die unterdessen aus über tausend Perspektiven auf dieses Autorenich zurückverweist. Das so entstandene Perspektivengeflimmer rekonstruiert einerseits das Ich ein Stück weit autobiografisch (dann und dann war «Ich» dort und dort resp. tat dies und das), andererseits besteht es aus lauter Blicken in die äussere Wirklichkeit und rekonstruiert das Ich deshalb nur implizit, als immer gemeinte, aber nie ins Bild gerückte Leerstelle. Weil andererseits jede Person, die die Textwerkstatt betritt, sich ein eigenes Bild macht vom Ich-Sager auf der Hauptseite, von dem behauptet wird, dass er an einem Schreibtisch sitze und vor sich hinschreibe, lädt sich dieses Ich fiktional immer mehr auf. Rede ich von der «Selbstrekonstruktion als Text» so rede ich auch von einer reizvollen Dialektik: Je eindeutiger sich das Autorenich als tatsächliches zu setzen versucht, desto fiktionaler wird es.

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Was mich seit einiger Zeit beschäftigt: Wie weit kann ich dieses Autorenich in den Blick nehmen, ohne die journalistische Professionalität zu verlieren, ohne schreibend in belletristischen Selbststilisierungsschwurbel zu verfallen? Anders: Wie sage ich «Ich» im Sinn von Robert Walser, der zweifellos mit Grund geschrieben hat: «Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich»?

Ich habe mich deshalb entschlossen, das Mögliche zu tun, um die Arbeit an jenem Projekt aufnehmen zu können, das mich zu einer Antwort auf diese Fragen verpflichten wird. Das Projekt heisst «Stückwerk», dem in dieser Textwerkstatt seit mehr als drei Jahren ein halbvergessenes Baufeld reserviert ist. Worum es geht, ist dort in einigen Sätzen skizziert. Dort steht auch: «Die Arbeit in diesem Baufeld werde ich aufnehmen, wenn ich mich durch die Umstände in die Lage versetzt sehen werde.»

Ich bin zuversichtlich, dass sich bis Mitte 2017 die Umstände ergeben, die mir erlauben werden, diese Arbeit aufzunehmen. Nächstens mehr.