WOZ, 8. 4. 2010

Jenseits der Genieprosa

Nein, leben kann der Verleger Matthias Burki von seiner Arbeit bis heute nicht. 1998 hat er, noch als Ethnologiestudent, den Verlag Der gesunde Menschenversand in Bern mitgegründet. Heute führt er ihn allein in Luzern, arbeitet als Journalist und Texter, und ab und zu kann er von den Verkaufseinnahmen etwas für seine Lebenshaltungskosten abzweigen. Dass er die edition spoken script lanciert hat, ist umso mehr eine bemerkenswerte verlegerische und unternehmerische Tat.

Plötzlich ist ein Verlag da

Burki staunt selber, wie naiv man 1998 das erste Projekt angepackt hat: «Das Buch der Langeweile», eine Anthologie aus dem «literarischen Untergrund», mit Beiträgen «aus der deutschen Social Beat-Szene, Vorläufern der späteren Slam-Szene», wie er sagt. Erst während der Produktion habe man überhaupt bemerkt, dass man einen Verlagsnamen und eine ISBN-Nummer für das Buch brauche.

Die ursprüngliche Idee, verlegerische und eigene künstlerische Tätigkeit zusammenzubringen, sei dann schnell gescheitert: «Bald nahm uns der Verlag voll in Anspruch.» Denn die ersten Rückmeldungen waren ermutigend. Im Jahr darauf bringt der Verlag die Comicanthologie «1999» heraus, lanciert die Literaturzeitschrift «das heft das seinen langen namen ändern wollte» und beginnt, mit deutschen und schweizerischen AutorInnen Poetry-Slam-Tourneen zu veranstalten.

Dann entsteht die Idee, die vorgetragenen Texte aufzuzeichnen und als CDs anzubieten. So erscheint zuerst «Die sprechende Droge» von Till Müller-Klug mit einem Booklet, das den transkribierten Text vollständig dokumentiert.

In den folgenden Jahren veranstaltet Der gesunde Menschenversand immer wieder Poetry Slams – unter anderem 2002 die sechste Auflage der deutschsprachigen «Poetry-Slam-Meisterschaft» in der Dampfzentrale Bern. Dazu pflegt der Verlag seine Literaturzeitschrift und bringt laufend Tonträger heraus mit dem Anspruch, die Spoken-Word-CD zu einer eigenen Kunstform zu entwickeln.

Hat sich der Verlag in den ersten Jahren intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie man die Bühnenliteratur auf CD präsentieren kann, so wird Burki 2008 vom Schriftsteller Guy Krneta mit der Frage konfrontiert, wie man «spoken word» als «spoken script» – also mündliche Literatur in Buchform – präsentieren könnte. Von der Idee der Edition und davon, dass sie sinnvoll umzusetzen sei, war Burki schnell überzeugt. Dann kam die Knochenarbeit: zum Beispiel die Organisation von Lektorat und Korrektorat, auch für Mundarttexte, oder die Geldsuche für die ersten Bände.

Die besondere Qualität von Spoken Script

Im Lauf der Vorgespräche hat sich ein – vorderhand ehrenamtlich wirkendes – dreiköpfiges Herausgebergremium gebildet, das das Programm der Reihe festlegt und bei jedem Band für einen einordnenden Begleittext besorgt ist.

Was bringt «spoken script»? Mitherausgeber und Literaturwissenschaftler Daniel Rothenbühler: «Ich betrachte Spoken Word nicht als ein Randphänomen der Literatur, das erst im letzten Jahrzehnt ins literarische Leben Eingang gefunden hätte», sagt er. Spoken word knüpfe bei den Ursprüngen der Literatur an, bei der Mündlichkeit der Rhapsoden in der griechischen oder der Skopen in der germanischen Kultur. Im letzten Jahrhundert sei dann die Lesekultur geprägt geblieben von der bildungsbürgerlichen Tradition des 19. Jahrhunderts, gerade auch bei den ritualisierten öffentlichen Lesungen. «Seit den 1990er Jahren wird diese Lesekultur nun auf erfreuliche Weise aufgewirbelt, aufgemischt und bereichert durch neue Auftrittsweisen von jüngeren Literatinnen und Literaten, die sich von der Popkultur haben inspirieren lassen.»

So sei das Literaturverständnis in Bewegung geraten – bis hin zum bildungsbürgerlichen Habitus des Autors als intellektueller, als moralischer und politischer Instanz der Gesellschaft: «Dieser Autor in der Einzahl ist tot.» Statt jedoch zu verschwinden, pluralisiere sich heute die AutorInnenschaft: «Spoken script bedeutet auch die Anerkennung der Pluralität der heutigen Autoren und Autorinnen und der Pluralität der Rezeptions- und Wirkungsweisen ihrer Texte.»

Mitherausgeberin und Regisseurin Ursina Greuel sagt, für sie ermögliche die edition spoken script «eine Art Emanzipation des Textes vom Autor oder der Autorin»: «Wie oft habe ich den als Kompliment gemeinten Satz gehört: ‘Das kann halt nur der oder die in dieser unverwechselbaren Art lesen.’  Aber man tut dem Text unrecht, wenn man ihm eine eigenständige Existenz unabhängig vom mündlichen Vortrag abspricht.» Durch die Edition könne man die Texte nun im Aggregatszustand der Schriftlichkeit genauer betrachten, kritisch lesen und optisch wahrnehmen: «So offenbaren sie plötzlich ganz andere Seiten, als wir sie aus dem Mund der Lesenden im Ohr haben.»

Bibliothek einer performativen Literatur

Mitherausgeber Matthias Burki schliesslich betont, dass sich nicht jeder Slambeitrag eigne, gedruckt zu werden, weil  «viele Slamtexte explizit für die Interaktion mit dem Publikum oder auf eine Pointe hin geschrieben werden und, wenn schon, besser auf CD funktionieren.» Der Entscheid für eine spätere Publikation eines Spoken-Word-Textes hänge deshalb vor allem davon ab, ob die schriftliche Präsentation eine zusätzliche Dimension, auch in Form von grafischen und typografischen Elementen, ermögliche.

Innerhalb eines halben Jahres hat der Verlag Der gesunde Menschenversand nun die ersten vier Bände der Edition vorgelegt. Im Herbst 2009 die Bücher von Guy Krneta und Jens Nielsen, in diesen Tagen jene von Beat Sterchi und Pedro Lenz (siehe Kästen). Im kommenden Herbst wird der Lyrikband «langues de meehr» folgen. Verfasst hat ihn Heike Fiedler, die als «freischaffende Poetin in den Bereichen Text, Laut und Bild» in Genf arbeitet. Ein gleichermassen experimentelles Hör- und Lesevergnügen, das fast von Laut zu Laut durch verschiedene Sprachen mäandert und bei der schriftlichen Fixierung an graphische und typographische Grenzen geht.

Die klassisch-modernen Broschur-Bände der edition spoken script mögen vorderhand vereinzelte Dokumente einer neuartigen Sprachkreativität sein. Aber vielleicht sind sie gleichzeitig die ersten Bücher einer Bibliothek, die definitiv jenseits der Genieprosa eine Literatur erfindet, die aufs Neue für die Menschen, nicht für die Ewigkeit gedacht ist – und vielleicht gerade deshalb in diesem grellen Zeitalter des multimedialen Spektakels ein Publikum anzusprechen vermag.

 

[Kasten 1]

Nid nume Schtandardschprach

Der Schriftsteller Guy Krneta (* 1964) hat seine «Morgengeschichten» für die gleichnamige Rubrik von Radio DRS 1 verfasst. Entsprechend ist der Umfang der 82 Texte: Liest man sie laut, dauern sie je drei bis fünf Minuten. Ausgehend von alltäglichen Beobachtungen bieten sie Nachdenklichkeit im Parlandoton. Der Hintersinn ist manchmal paradox oder absurd, manchmal melancholisch-ironisch, trivial nie.

Krneta ist nicht nur Autor, sondern auch ein kulturpolitisch überaus kreativer Intellektueller: Das Schweizerische Literaturinstitut in Biel zum Beispiel war seine Idee; die edition spoken script hat er angeregt; und auch dass sich neben jeder der «Morgengeschichten» in Berner Umgangssprache eine Übersetzung in «Standardsprache» (von Uwe Dethier) findet, hat eine erfrischende sprachpolitische Pointe: Weg mit dem Dialekt-Komplex, es gibt keine perfektere Sprache als die eigene! (Wenn es Dialekt abbilden soll, wird sogar das Hochdeutsche zu einem ziemlich stark holpernden Hilfsvehikel.)

Guy Krneta: Mittelland. Edition spoken script 1. Luzern (Der Gesunde Menschenversand) 2009.

 

[Kasten 2]

Etwas sehr Langes erzählen

Der Schauspieler und Autor Jens Nielsen (* 1966) tourt unter anderem als Textperformer durchs Land. Sechzehn der Texte, die er jeweils vorträgt, hat er zur Sammlung «Alles wird wie niemand will» zusammengefasst. Was beim Vortrag auf der Bühne die rhetorische Phrasierung leistet, hat Nielsen bei der Textpräsentation mit kurzzeiliger Rhythmisierung seiner poetischen Prosa nachgebildet.

Eine Frau erzählt zum Beispiel etwas derart Langes, dass sie die Zuhörenden reihenweise überlebt; ein Mann verlässt seine Frau, um über das Meer nach Westen zu fahren und dort den Fortschritt zu bringen; zurückgekehrt sagt er zu seiner Frau nichts als «Ach»; ein anderer Mann fällt eine Geschichte lang um und ist am Ende der Geschichte immer noch nicht hingefallen. In einfacher Sprache entfaltet Nielsen Situationen von tragikomischer Alltäglichkeit über einem Abgrund von Absurdität. Die NZZ hat ihm letzthin attestiert, immer suchte er «in seinen anarchistischen Kompositionen nach den Utopien des Alltags» (25.2.2010).

Jens Nielsen: Alles wird wie niemand will. Edition spoken script 2. Luzern (Der Gesunde Menschenversand) 2009.

 

[Kasten 3]

Böim verzeue ke Seich

1983 war Beat Sterchi (* 1949) mit seinem Roman «Blösch» der Shootingstar unter den deutschsprachigen Romanciers. Heute ist er der Doyen der Berner Spoken-Word-Szene und mit Krneta, Lenz und anderen Mitglied der Gruppe «Bern ist überall». Seine Textsammlung «Ging gang gäng» beweist, dass vermutlich er es war, der als erster berndeutsches Spoken Word gepflegt hat: Neben Neuem und Neusten versammelt er zum Beispiel seine Begriffsalphabete aus Gotthelf-Geschichten, die er zusammen mit dem Akkordeonisten Adi Blum teilweise bereits während des Gotthelfjahrs 1997 vorgetragen hat.

Seither hat er eine Art «minimal music» alltäglicher Redewendungen entwickelt: akausal variierende Reihungen dessen, was den Leuten zum Mund herauskommt, wenn sie reden. Sterchi spiegelt die sprachliche Fähigkeit des Menschen in einer Weise, die zu Bescheidenheit mahnt. Bei der Textpräsentation spitzt er den Realismus dieser Spiegelung noch zu, indem er die Sprache mit den Mitteln Konkreter Poesie zur Selbstdarstellung zwingt.

Beat Sterchi: Ging gang gäng. Edition spoken script 3. Luzern (Der Gesunde Menschenversand) 2010.

 

[Kasten 4]

Bissoguet, tue nid liire

Der WOZ-Kolumnist Pedro Lenz (* 1965) erweitert die edition spoken script um einen Roman. Was hat ein Roman mit «spoken» zu tun? Ganz einfach, am Anfang dieses Texts war das «Tintensaufen», das «Literarische Labor am Montag» im Musigbistrot Monbijou in Bern. Dafür hat Lenz seinen «Goalie» erfunden, der nach einem Jahr aus Witzwil nach «Schummertau» zurückkehrt, sein letztes Geld «vertublet», ins Restaurant «Maison» geht und zu schnorren beginnt.

Im Nachwort unter dem Titel «Die unerschöpfliche Erzähllust eines Lafericheibs» verortet Mitherausgeber Daniel Rothenbühler den Text in der Tradition von Alfred Döblins Figur Franz Biberkopf im Roman «Berlin Alexanderplatz» und in jener des Diktums von Walter Benjamin, am Anfang des Romans stehe «das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich über seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exempla­risch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist, und keinen Rat geben kann.» So ist es: Ein «Goalie» fabuliert unberaten auf langenthalerisch. Der Rest ist Lesen.

Pedro Lenz: Der Goalie bin ig. Edition spoken script 4. Luzern (Der Gesunde Menschenversand) 2010.