Work, 1. 4. 2010

«Ich musste leben!»

Bern-Bethlehem, Balthasarstrasse 11-27. Ein riesiger Wohnblock: zehnstöckig, mehr als  hundert Wohnungen, Baujahr 1970. Jetzt sollen die Wohnungen erneuert und die Fassade isoliert werden. Darum wird der Block zur Zeit eingerüstet: mit senkrecht gestellten Stahlrohrrahmen, mit diagonalen gekuppelten Streben, mit Brettern und Geländern als Gerüstetagen – alles verschraubt mit der Hauswand. Und alle paar Schritte wächst auf dem Bauplatz ein haushoher Metallmast für die Materialtransporte in die Höhe.

Ein Gerüst ist ein Bau am Bau, von einem Bauführer geplant, und ausgeführt von Gerüstbauern, die Tonnen und Tonnen Material abladen, über die Baustelle tragen, in die Höhe bringen und montieren. «Das Wichtigste ist», sagt Lazim Bakija, «dass das Gerüst stabil gebaut wird. Sonst können Windböen es zum Einsturz bringen.» Er arbeite gerne draussen, sagt er, die frische Luft, das Licht, die Sonne. Aber er merkt auch, dass für ihn als 51jährigen die Arbeit härter wird.

Legal, illegal, legal

Gerüstbau ist gefährlich, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sind zentral. Aber besonders gefährlich wird es jeweils, wenn wegen des Termindrucks der Stress zunimmt. Nicht dass gleich das Gerüst zu kippen oder jemand abzustürzen braucht: Aber jedes Stahlrohr, das beim Hochziehen oder Herunterlassen aus der Seilschlaufe rutscht, jede gusseiserne Kupplung, die aus Versehen vom Gerüst fällt, kann lebensgefährlich sein. «Klar tragen wir Helme. Aber wenn ein ganzer Rahmen von zwanzig, dreissig Kilo herunterkommt…»

Trotz solcher Gefahren hat Bakija wie selten einer darum gekämpft, diesen Beruf ausüben zu dürfen. «Legal habe ich in den letzten zwanzig Jahren knapp 150 Monate als Gerüstbauer gearbeitet», sagt er.

Legal? Ende 1996 wird der Gerüstbau-Saisonnier Bakija nach sechs Jahren heimgeschickt, weil im Ausländergesetz das diskriminierende «Drei-Kreise-Modell» in Kraft tritt und er das Pech hat, dass Mazedonien, sein Herkunftsland, zum dritten Kreis gehört. Dort aber hat er keine Chance, Geld zu verdienen. Darum kommt er 1998 illegal in die Schweiz zurück und schlägt sich mit temporärer Schwarzarbeit durch: «Was sollte ich machen? Ich musste leben.»

Während er in der Schweiz um jeden Rappen kämpft, um seine Familie zu unterstützen, wird diese im Jahr 2000 in den Kriegswirren entlang der albanisch-mazedonischen Grenze auseinandergerissen. Seine Frau hält ihn telefonisch auf dem Laufenden. Er wird Aktivist der Sans-papier-Bewegung und kämpft um seine Legalisierung. 2002 erhält er einen B-Ausweis, 2003 reist seine Familie in die Schweiz ein. Als er erstmals unbefristet mit seiner Familie zusammenziehen kann, ist seine älteste Tochter Uzerka 23, sein jüngste Sohn Hajris knapp 14.

Keine Baracke, kein WC, keine Arbeitskleider

Wie damals als Sans-papier kämpft Bakija heute als Gewerkschafter für seine Rechte. «Unsere Arbeit», sagt er, «ist zu schlecht bezahlt.» Er verdient zurzeit netto rund 3800 Franken im Monat. «Vergleiche ich diesen Lohn mit jenem der Kollegen vom Bau, dann ist er nicht gerecht.» Tatsächlich weisen die entsprechenden Lohnklassen eine Differenz von rund 400 Franken zuungunsten des Gerüstbaus aus.

Aber es sei nicht nur das, sagt Bakija: Zum Beispiel habe er noch nie erlebt, dass Gerüstbauern eine Baracke oder eine mobile Toilette zur Verfügung gestellt worden sei. Oder: Werde es im Winter wirklich kalt, dann machten die Kollegen vom Bau früher Feierabend, weil das Betonieren nicht mehr möglich sei: «Aber im Gerüstbau wird weitergearbeitet.» Oder: Überkleider, eine warme Jacke, Gummistiefel oder Sicherheitsschuhe kaufe er immer auf eigene Rechnung. «Ich respektiere zwar die geltenden Abmachungen. Aber gerecht sind sie nicht»

Beklagen allerdings will er sich nicht: «Ich war noch nie krank, hatte keinen schwereren Unfall, habe keine Rückenprobleme – ich bin zufrieden.» Auch finanziell kommt er über die Runden, denn unterdessen arbeiten seine beiden Söhne ebenfalls als Gerüstbauer im gleichen Betrieb.

Darum betont er: «Ich rede nicht für mich. Ich rede für die knapp 2000 Gerüstbauer, die es in der Schweiz gibt.» Und er rede, weil er wisse, dass viele Angst hätten zu reden. In seinem Beruf heisse es schnell: «Wenn es dir nicht passt, kannst du ja gehen, es gibt genug andere.» Darum fordert Bakija auch für seine Kollegen: «Wir Gerüstbauer haben eine schwere Arbeit, häufig Stress und ein grosses Risiko. Wir haben den gleichen Lohn verdient wie die Kollegen vom Bau.»

 

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Von Gurgurnica nach Flamatt

Lazim Bakija stammt aus Mazedonien und gehört dort der albanischsprachigen muslimischen Minderheit an. Geboren ist er 1959 im Bergdorf Gurgurnica. Nach vier Schuljahren zieht er mit 13 Jahren in die Nähe der Stadt Tetovo. Zuerst Arbeit in der Landwirtschaft, dann verschiedene Jobs: als Kellner in Kroatien und in Slowenien; als Tiefbauhandlanger in Belgrad. Ende der siebziger Jahre dient er 15 Monate lang als Soldat in der mazedonischen Armee.

Zwischen 1980 und 1990 lebt er zumeist illegal in Norddeutschland: Arbeit in der Landwirtschaft, in einer Baumschule, als Maler im Schiffsbau. Mit dem Lohn unterstützt er seine Frau, die drei Töchter und die beiden Söhne, die in jenen Jahren in Mazedonien zur Welt kommen.

1990 kommt er in die Schweiz: bis 1996 als Saisonnier, zwischen 1998 und 2001 als Papierloser, seit 2002 als Jahresaufenthalter. Bakija arbeitet bei der Schwarzenbach Gerüstbau AG. Sein Lohn beträgt brutto 4700 Franken. Er ist seit 1990 GBI/Unia-Mitglied. Heute lebt er mit seiner Familie in Flamatt (FR), seit 2009 in einem eigenen Haus. Sein «Hobby» sei es, die Sans-Papiers der Schweiz zu unterstützen. «Ich bin selber einer gewesen, darum helfe ich ihnen.»

Lazim Bakija und ich haben sich hier nicht zum ersten Mal für eine journalistische Zusammenarbeit getroffen. Neun Jahre zuvor schrieb ich über den «Sans-Papier Lazim Bakija» eine kurze Reportage, später erzählte ich in «Die Härtefall-Lotterie» seine Geschichte weiter.