Work, 19. 2. 2010

«Das ist ein gesuchter Job»

Der Hochnebelschleier bildet eine gerade Linie, die sich vom Wetterhorn nordwärts zieht: Östlich der Linie ist der Himmel noch blau, hier, auf der Kleinen Scheidegg (BE), ist er überzogen, und im Westen tragen die Gipfel bereits Wolkenhüte.

Erfahren mit jedem Wetter

Fritz Brawand sitzt im kleinen Büro der Pistenfahrzeuggarage am Bildschirm vor der Wetterprognose: Angesagt ist zunehmender Schneefall ab dem späteren Nachmittag. Gleichzeitig soll die Temperatur in der Nacht bis auf minus 17 Grad sinken.

Jetzt, im Vormittag, muss Brawand die Fahrer der insgesamt acht Pistenfahrzeuge aufbieten. Aber auf wann? Gibt es keinen oder wenig Schnee, wäre halb vier nachmittags richtig. Bei gutem Wetter beginnt die Arbeit an den Pisten, sobald die Lifte abgestellt und die letzten Gäste auf ihren Skiern oder Snowboards talwärts verschwunden sind: «Wenn die präparierte Piste über Nacht ruhen und gefrieren kann, haben die Wintersportgäste am nächsten Morgen das beste Resultat», sagt Brawand. Gibt es aber in der Nacht stärkere Schneefälle, wäre das Aufgebot für morgen früh zwischen drei und vier Uhr richtig, damit die Pisten um neun Uhr überhaupt erkennbar sind, wenn die ersten Gäste aus Grindelwald oder Wengen wieder heraufkommen.

Brawand bittet den angereisten Besuch aus dem Unterland um Geduld, telefoniert mit einem Meteorologen, diskutiert, überlegt. Schliesslich bietet er die Chauffeure für den Abenddienst auf. Ausschlaggebend ist seine Erfahrung: «Minus 17 Grad ist einfach zu kalt für grössere Schneefälle.»

Die Natur hat keine Bürozeiten

«Der Winterdienst ist ein spezieller Beruf. Wir arbeiten hier mit der Natur und mit dem Wetter», sagt Brawand. Bereitschaft zu grosser Flexibilität sei jeweils bereits bei den Anstellungsgesprächen ein Thema. Darum seien die Chauffeure der acht hochmodernen Pisten Bullys wohl «eher Fans als Gewerkschafter», lächelt er.

Er selber fährt am morgen früh von Grindelwald, wo er wohnt, mit dem Schneetöff hinauf zur Kleinen Scheidegg: Er führt das Personal, schreibt die Einsatzpläne und flickt in der Garage mit einem Mechaniker zusammen defekte Pistenfahrzeuge – im Moment steht da eines mit noch unklaren Hydraulikproblemen. Daneben hat er Wetter und Prognosen im Auge und schaut, «was es sonst noch braucht im Skigebiet». Falls er sich nicht selber zum Pistendienst eingeteilt hat, macht er Feierabend, wenn draussen in der Abenddämmerung die Pistenpräparation problemlos angelaufen ist.

Auch sein Sommerdienst ist übrigens vielfältig: Revision der Pistenfahrzeuge, Mitarbeit an Sesselbahn- und Beschneiungsprojekten, Ausbesserung von Skipisten.

Das Team der 12 Fahrer (plus ein Mechaniker und zwei Aushilfen für Engpässe) setzt er so ein, dass Fünftagewochen mit zwei Freien Tagen hintereinander die Regel und die freien Wochenenden gerecht verteilt sind. Die Fahrer sind für die Skisaison angestellt, allfällige Überzeiten werden ihnen danach ausbezahlt. Im Sommerhalbjahr arbeiten diese Männer als Chauffeure, Landwirte oder auf dem Bau.

«Der Wintersport», sagt Brawand, «ist für die Kurorte hier ein wichtiger Arbeitgeber und leistet einen wichtigen Beitrag, dass die Leute in den Bergtälern ein Auskommen haben und bleiben können.» Fahrer für die Pistenfahrzeuge zu finden habe er noch nie Mühe gehabt: «Das ist ein gesuchter Job.» Der Lohn sei so, dass eine Familie davon leben könne.

Arbeiten, bis man fertig ist

Fast zwanzig Jahre lang war Fritz Brawand als Pistenfahrzeugfahrer selber Saisonnier. Seit einigen Jahren ist er nun der Chef hier: «Ein Chef muss das, was er befiehlt, auch selber machen können, damit er weiss, wovon er spricht. Das ist mein Konzept.»

Arbeiten gelernt hat er auf dem Bauernhof seiner Eltern in Grindelwald: «Das ist ein Potential, das ich mitnehmen konnte.» Dass man nicht ganz selbstverständlich arbeitet, bis die Arbeit fertig ist, sondern auf die Uhr schaut und nach acht Stunden aufhört, ist ihm fremd. Aber nicht nur das trennt ihn von den Gewerkschaften. Er hat gelernt, dass man dann arbeiten muss, wenn es überhaupt Arbeit gibt. Als zwingende Grenze für die Arbeitsdauer anerkennt er neben dem Arbeitsgesetz vor allem die Arbeitssicherheit. «Dass keiner von der Arbeit übermüdet sein darf, dafür bin ich hier oben – auch vor mir selbst – verantwortlich.»

Was er nicht versteht: «Die Gewerkschaften schauen darauf, dass ja nicht zu viel gearbeitet wird. Dafür werden dann umso mehr Leute aus dem Ausland in die Schweiz geholt und am Ende klagt man im Radio über die vielen Arbeitslosen.» Seine Empfehlung: «Die Gewerkschaften müssten schauen, dass die Leute hier, wenn sie wollen, wieder mehr arbeiten können.»

Nachtrag: In der folgenden Nacht hat es auf der Kleinen Scheidegg tatsächlich nur wenig geschneit.

 

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Der Bergführer

Aufgewachsen ist Fritz Brawand (* 1964) in Grindelwald (BE). Ab 1980 machte er dort eine Lehre als Landmaschinenmechaniker.

Zwischen 1984 und 2003 ist er als Saisonnier Pistenfahrzeugfahrer bei den Jungfraubahnen. In den Sommermonaten arbeitet er einige Jahre auf seinem Beruf, seit 1987 als Bergführer und Seilbahnmonteur. Zwischen 1997 und 2003 betreibt er ein eigenes Seilbahn-Montagegeschäft. 2003 wird er von den Jungfraubahnen fest angestellt. Er wird stellvertretender Leiter Wintersport, Garagenchef und Leiter Pistenpräparation auf der Kleinen Scheidegg. Brawand betont, dass er für Betrieb und Gäste «mit Freude und Stolz» arbeite.

Er lebt in Grindelwald und hat eine Freundin. Seine Hobbies: Skifahren, Bergsteigen in der Jungfrauregion; die Arbeit als Vorstand der Mönchsjochhütte und zu Hause seiner Werkstatt, «wan i fir mi geng epis z’diftellen han».

Der Schluss des Lauftexts entspricht der Version, die ich abgeliefert habe. Brawands gewerkschaftskritische Äusserungen wurden von der Redaktion weggestrichen.