Work, 22. 1. 2010

«Pännele» ist harte Büez

Der alte, frisch renovierte SBB-Bahnhof Schönbühl: Das ist einer der schweizweit 26 Stützpunkte, von denen aus rund 250 TCS-Patrouilleure arbeiten. Zurzeit leisten sie bis zu zweieinhalbtausend Einsätze pro Tag.

Neben dem Bahnhof steht ein dunkelgelber Opel Omega Caravan mit waagrechten roten Streifen, der grossen Notrufnummer 140 und der kleinen Wagennummer 191. Das ist Heinz Fankhausers Dienstwagen, im hinteren Teil ausgebaut zu einer mobilen Automechanikerwerkstatt. Pro Arbeitstag legt er gegen 200 Kilometer zurück, um stehengebliebene Autos zu «depannieren».

Der Schaden und die Tränen

Das «Pännele», wie Fankhauser seine Arbeit bezeichnet, ist ein harter Job: Täglich und bei jedem Wetter ist er durchschnittlich 8,6 Stunden unterwegs, nicht selten während der Nacht, zwei- bis dreimal pro Monat an den Wochenenden; dazu kommen die Pikettdienste. «Unsere Aufgabe ist es», sagt er, «den Pannenfahrzeugen die Weiterfahrt zu ermöglichen». Ist der Schaden nicht schnell genug oder gar nicht mehr zu beheben, garantiert der TCS den Clubmitgliedern das Abschleppen in die nächste Garage und den Gestrandeten die Weiterreise mit einem Ersatzwagen oder mit dem Zug.

«Die Aufträge kommen aus der Zentrale per SMS auf den kleinen Bildschirm neben meinem Steuerrad», sagt Fankhauser. Dank dem GPS-Sender, den die Autos der Patrouilleure mitführen, weiss man in der Zentrale jederzeit, wer gerade wo ist. So können die Anfahrtswege zum nächsten Einsatzort kurz gehalten werden. Die Situation, die der Patrouilleur vor Ort antrifft, stellt immer ein technisches und ein psychologisches Problem zugleich: «Ich schätze, sie sind beide etwa gleich gross», sagt Fankhauser.

Es komme vor, erzählt er, dass er die Leute neben ihrem Auto in Tränen aufgelöst antreffe. «Ein grösserer Schaden am Auto bringt mehr Leute in grosse finanzielle Schwierigkeiten, als man denkt.» Darum sei es wichtig, freundlich und beruhigend auftreten. Nicht selten sei das Problem kleiner als befürchtet und ohne grosse Folgekosten zu beheben.

Allerdings ist auch das Umgekehrte ist möglich: Nach einem Gewitterregen rufen Jugendliche in bester Laune nach der TCS-Pannenhilfe: Sie haben sich ein Vergnügen daraus gemacht, mit ihrem Auto durch eine überschwemmte Strassenunterführung hin und her zu fahren bis nichts mehr gegangen ist. «Ich musste ihnen dann erklären, dass der Luftfilter des Motors Wasser angesogen habe, das im laufenden Motors zu einem sogenannten Wasserschlag geführt habe. Die Pleuelstrange war verbogen, die Kolben blockiert, der Motor kaputt. Da war ich der Überbringer einer schlechten Botschaft.»

Weil Autobatterien wegen die Kälte weniger leisten, aber durch die Heizung in diesen Tagen forciert werden, ist Fankhausers wichtigstes Arbeitsinstrument zurzeit der «Booster», eine tragbare Batterie mit Kabeln zum «Überbrücken», mit der die Autobatterie wieder aktiviert werden kann. Klar trifft er auch auf technisch komplizierte oder sogar undurchschaubare Defekte oder spektakuläre Schäden wie Achsenbrüche. Aber häufig ist anderes: Autos mit plattem Reifen, aber ohne Ersatzrad; kaputte Zündspulen; verriegelte Autos mit eingeschlossenem Zündschlüssel oder, immer öfter, Wagen mit nicht funktionierenden Wegfahrsperren. Dazu kommen nicht selten Dieselautos, die versehentlich mit Benzin vollgetankt worden sind. «Wer losfährt, ruiniert innert kürzester Zeit das Einspritzsystem. Uns zu alarmieren, kann da mehrere Tausend Franken sparen.»

Der Computer fährt mit

Um bei möglichst vielen technischen Problemen vor Ort reagieren zu können, führt Fankhauser im Auto einen PC mit. Dessen Software wird vierteljährlich um die technischen Daten aller wichtigen neuen Fahrzeugtypen ergänzt.

Zudem besucht er regelmässig interne Weiterbildungskurse. Hier werden die neusten Einwicklungen vorgestellt und unter Kollegen Erfahrungen, Tricks und Tipps ausgetauscht – nicht zuletzt zur Frage, wie man hilft, ohne zu schaden. «Bei den hochempfindlichen Installationen heutiger Autos genügt schon das unsachgemässe Strom-Überbrücken, um die Elektronik zu beschädigen.» Solche Missgeschicke müssen wenn immer möglich vermieden werden: «Wir treten als Fachleute auf, und unsere Kundschaft erwartet Hilfe, nicht, dass wir den Schaden noch grösser machen.» In 86 Prozent der Fälle bringen es die TCS-Patrouilleure denn auch soweit, dass das Pannenfahrzeug, ob provisorisch oder definitiv repariert, weiterfahren kann.

Kaum hat Heinz Fankhauser den Pressetermin erledigt, setzt er sich in seinen Opel mit der Nummer 191, holt das erste SMS auf seinen Bildschirm und fährt los. Es ist mehrere Grad unter Null, es gibt viel zu tun.

 

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Seit 20 Jahren auf Patrouille

Aufgewachsen ist Heinz Fankhauser (* 1963) in Neuenegg (BE), wo er nach der Schulzeit zwischen 1979 und 1983 eine Lehre als Automechaniker gemacht hat. Die folgenden sechs Jahre arbeitet er, ebenfalls in Neuenegg, auf seinem Beruf und absolviert in dieser Zeit als Weiterbildung nebenher die Handelsschule.

Dann macht ihn ein WK-Kollege auf den Beruf des TCS-Patrouilleurs aufmerksam. Fankhauser ist interessiert, meldet sich am Technischen Zentrum des Touring-Clubs Schweiz in Emmen (LU) zur Eignungsprüfung und wird angestellt. Seit 1990 ist er nun als Patrouilleur unterwegs, seit 1995 vom Stützpunkt Schönbühl bei Bern aus.

Heinz Fankhauser ist gewerkschaftlich nicht organisiert (eine Gruppe der TCS-Patrouilleure gibt es beim VPOD). Wegen der Pikett-, Nacht- und Wochenendzulagen, die zum Grundlohn kommen, schwankt sein Einkommen von Monat zu Monat. Er lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in Niederscherli (BE), ist Mitglied der Feuerwehr Köniz und nennt als Hobbies die Gartenarbeit, seine Kaninchenzucht und die Familie.