Work, 18. 12. 2009

Täglich tausend Bücher

Im Bookshop der Orell Füssli-Kette an der Zürcher Bahnhofstrasse läuft das Weihnachtsgeschäft. Hier stehen mehr als 40000 Bücher. Für englischsprachige Titel, rühmt sich der Shop, sei er die erste Adresse in Kontinentaleuropa. Hier arbeitet Elisabeth Fannin als Abteilungsleiterin eines neunköpfigen Teams. Ihr Auftrag ist verblüffend einfach: «Sicherstellen, dass wir gut verkaufen.»

Defensiv beraten oder offensiv verkaufen?

Im Laden gilt sie als Spezialistin auf dem Gebiet der Biographien: «Im Vergleich zu anderen betreue ich ein kleines Gebiet», sagt Fannin. Denn hauptsächlich hat sie anderes zu tun. Zum Beispiel, mit den Buchvertretern der Verlage verhandeln oder mit «Promotionen» im Schaufenster und im Ladenlokal auf einzelne Bücher speziell hinweisen.

Zu ihrem Pflichtenheft gehört auch die Weiterbildung. «Ich habe meine Mitarbeiterinnen darin geschult, aktiv auf die Kundschaft zuzugehen.» Eine Berufsauffassung, die bei den Kolleginnen «nicht überall gut angekommen» sei. Man verstehe sich eher als diskrete Beraterinnen, nicht als offensive Verkäuferinnen. Für den Umsatz des Ladens seien aber auch «Zusatzverkäufe» wichtig, zu denen man die Kundschaft animieren müsse. «Kauft jemand einen Roman von Somerset Maugham, kann ich die Person im Gespräch vielleicht auch für die neue Maugham-Biographie interessieren.»

Gearbeitet wird im Bookshop in drei Schichten, von 9 bis 18 Uhr, 10 bis 19 Uhr und von 11.30 bis 20.30 Uhr. Zwischen Dienstag und Samstag ist während der ersten Schicht jeweils die Lieferung der neuen oder nachbestellten Ware zu verarbeiten: täglich gut tausend Bücher. Davon lesen ihre fleissigsten Kolleginnen alle zwei, drei Tage eines. Sie selber, die abends oft für die Gewerkschaft aktiv ist oder Bekannte bekocht, bringt es auf zwei, drei Neuerscheinungen pro Monat.

Vielleicht zu sechzig Prozent, schätzt sie, bedient sie auf englisch, zu vierzig auf deutsch. Für sie kein Problem: Sie ist zweisprachig aufgewachsen. Der Name Fannin verweist auf die Vorfahren ihres südafrikanischen Vaters, die Mitte des 19. Jahrhunderts vor dem Hunger aus Irland geflohen sind. In Zürich fällt Elisabeth Fannin im Gespräch aber höchstens durch ihr lupenreines Churerdeutsch auf.

Die Löhne hängen an den Buchpreisen

Mindestens vorderhand ist dieses ihr letztes Weihnachtsgeschäft. Auf das neue Jahr steigt sie bei der Gewerkschaft Kommunikation ein. Trotz ihrer Jugend hat sie sich als Zentralvorstandsmitglied der Comedia einen Namen als Gewerkschafterin gemacht.

Eben hat sie im neuen «m» (11/2009), dem Comedia-Magazin, über die Nullrunde bei den diesjährigen Lohnverhandlungen im Buchhandel berichten müssen. Der Mindestlohn nach dreijähriger Lehre bleibt bei 3800 Franken. Ein Problem sei insbesondere die grosse deutsche Buchhandelskette Thalia: «Sie hat den Gesamtarbeitsvertrag nicht unterzeichnet und zahlt schlecht. Das belegt eine neue Lohnstudie der Comedia.»

Die Buchpreisbindung, über die zurzeit im Parlament erneut diskutiert wird, ist für Elisabeth Fannin ein Interessenkonflikt zwischen den Grossen und den Kleinen der Branche: «Die Grossen möchten eine möglichst grosse Bandbreite für Rabatte, die Kleinen eine möglichst kleine.» Denn: Im gesättigten Buchmarkt können die Grossen nur dann weiter wachsen, wenn Kleine verschwinden, und grosse Rabatte sind im Verdrängungskampf auf dem Buchmarkt ein probates Mittel. Fannin zieht den Vergleich mit der Musikbranche. Dort wurde die Preisbindung bereits in den achtziger Jahren aufgehoben. Im Rückblick sei dort das Ende der Preisbindung zum Start für die Selbstkannibalisierung geworden.

Immer mehr Teilzeitjobs

Auf die Zukunft ihres Berufs angesprochen, sagt sie: «Sicher wird es auch in zehn, zwanzig Jahren noch Buchhandlungen geben, aber wie die dann aussehen…?» Der Buchhandel sei ein Teil des Detailhandels. «Der Trend geht hier überall in Richtung weniger Personal auf grösserer Verkaufsfläche und mehr gewerkschaftlich schlecht organisierte Teilzeitjobs bei sinkenden Löhnen.» Die qualifizierten Leute im Buchhandel hätten früher oder später genug und versuchten, sich neu zu orientieren.

Für ihren Berufswechsel hingegen gebe es andere Gründe. Sie habe im Bookshop ja «einen tollen Job» gehabt. Andererseits habe sie sich immer gewünscht, einmal für eine Nichtregierungsorganisation arbeiten zu können. Sie freut sich auf die politischen Debatten und auf die neuen Leute, die sie kennenlernen wird: «Kontakte zu knüpfen, das liegt mir.» Vor allem aber: «Ich erwarte, dass ich extrem viel lernen kann.»

 

[Kasten]

Vor dem Berufswechsel

Elisabeth Fannin (* 1981) ist in Chur geboren und aufgewachsen. Mit sechzehn bricht sie die Lehre als Polygrafin nach einem halben Jahr ab, geht in die Buchhandlung des Liedermachers Walter Lietha und fragt, ob sie bei ihm Buchhändlerin werden könne. Sie kann: Sie arbeitet in der Buchhandlung Karlihof, betreut samstags das dazugehörende Buchantiquariat Narrenschiff und besucht zwei Tage pro Woche die  Buchhändlerschule in Zürich.

2001, nach der dreijährigen Lehre, in Chur Laiendarstellerin bei den «Freilichtspielen» und Barfrau im Kulturzentrum «Werkstatt». 2002/03: Buchhändlerin in Winterthur. Seit 2004 arbeitet sie – heute als Abteilungsleiterin – im «Bookshop» von Orell Füssli in Zürich. Monatslohn: gut 5100 Franken brutto.

Als Vertreterin des Sektors Buch ist sie Mitglied des Zentralvorstands der Gewerkschaft Comedia. Zwar wechselt sie auf 1. Januar 2010 als St. Galler Regionalsekretärin zur Gewerkschaft Kommunikation (Geko). Allerdings ist es beschlossene Sache, dass Comedia und Geko auf 1. Januar 2011 fusionieren werden. – Elisabeth Fannin lebt in Zürich und nennt als Hobbies Lesen, Tanzen und den Sport.