Work, 20. 11. 2009

«Ich will Mechanikerin werden»

12. November, Trumpf Maschinen AG in einem Industriequartier ausserhalb von Baar (ZG): Im Rahmen des diesjährigen «Tochtertags» wollen hier 22 Mädchen mitzuverfolgen, wie aus einer gezeichneten Idee und einem Stück Metall bis zum Abend die gewünschte Gürtelschnalle entsteht.

Zwischen anderen Mädchen kniet Sandra Auf der Maur (13) auf dem Boden und kopiert von einer Vorlage die zwei chinesischen Schriftzeichen für «Mondschein». Dieser Schriftzug, in eine rechteckige Umrandung eingepasst und aus Aluminiumblech herausgeschnitten: So soll die Gürtelschnalle aussehen, die sie sich wünscht.

Sandra ist von Seewen (SZ) hierher gekommen, weil ihr Vater in diesem Betrieb arbeitet. Sie ist Siebtklässlerin und besucht die Sekundarschule. Damit niemand sagen könne, sie habe die Schule geschwänzt, hat sie vom Lehrer einen Auftrag bekommen. Sie soll der Klasse mit einen Vortrag über ihre heutigen Erfahrungen berichten. Die Geschichtsprüfung über die alte Eidgenossenschaft, die heute für die Klasse auf dem Programm steht, wird sie nachholen müssen.

Sie sei jemand, erzählt sie, die nicht den ganzen Tag in einem Büro vor dem Computer sitzen könnte. Vor einigen Jahren habe sie sich überlegt, Tierpflegerin zu werden. Aber zurzeit möchte sie am liebsten so arbeiten wie ihr Vater: eine Idee ausdenken, sie zeichnen und mit den eigenen Händen umsetzen können.

Vom Seminarraum in die Werkhalle

Unterdessen beobachten die Mädchen im Seminarraum die Beamerprojektion an der Wand. Zu sehen ist, was vorn am Tisch der Konstrukteurlehrling Dario Mattmann an seinem PC macht. Er setzt mit dem CAD-Programm einen der freihändigen Schnallenentwürfe in eine technische Zeichnung um: zuerst ein rechteckiges Blechstück; dann das Wort VILE und ein Stern; dann die feinen Träger, die die Buchstaben und den Stern an die Umrandung fixieren. Ab und zu fotografiert Sandra für ihren Vortrag die entstehende Zeichnung.

Kurz darauf in der grossen Werkhalle: Ein Arbeiter sitzt am PC und speist die Daten der Gürtelschnalle ein. Dann geht er zur Laserschneidmaschine «TruLaser 5030», einem zwölf Tonnen schweren, wohnwagengrossen Ungetüm. Ein Mädchen darf am Bedienpult den Startknopf drücken. Sandra ist fasziniert – nicht nur von dem, was sie hier sieht: «Einmal eine solche Maschine selber zusammenbauen oder flicken, das wäre cool.»

Jetzt umsteht die Gruppe einen zweiten Arbeiter, der an der 130-Tonnen-Abkantpresse «TruBend 5130» den Schnallen jene leichte, regelmässige Biegung verpasst, die für den Tragkomfort unerlässlich ist. Danach verfolgen die Mädchen hinter massiven Augenschutzmasken mit, wie ein dritter Arbeiter den Schnallen den Halteknopf und den Bügel aufschweisst.

Engagement trotz Krise

Mittagspause: An einem der Tische in der Kantine hat Sandra ihren Vater entdeckt und setzt sich zu ihm. Edith Gisler, PR-Beauftragte des Betriebs, erzählt: Die Trumpf-Gruppe mit dem Hauptsitz in Ditzingen bei Stuttgart und weltweit 59 Tochtergesellschaften beschäftigt insgesamt 7955 Personen. Die Krise ist, wie überall in der Metallbranche, ein Thema. Umsatzeinbruch im letzten Jahr: 22,5 Prozent; Auftragsrückgang: 34,9 Prozent; Gewinneinbruch von 229,4 auf 19,1 Millionen Euro. Hier in Baar, wo 224 Angestellte beschäftigt werden, sei man zuversichtlich, mit Kurzarbeit, aber ohne Entlassungen durch die Krise zu kommen, «auch wenn noch nicht absehbar ist, wann es wieder deutlich aufwärtsgeht.»

Die Trumpf Maschinen AG unterstütze den Tochtertag seit mehreren Jahren mit einem eigenen Angebot, sagt Gisler. Trotz Krise auch in diesem Jahr, weil man von der Sache überzeugt sei: «Es geht darum, Mädchen frühzeitig auf technische Berufe aufmerksam zu machen», sagt sie und fügt bei: «Vielleicht steigt ja die Zahl der weiblichen Lernenden in den nächsten Jahren sprunghaft an.» Nötig wär’s: Im Moment gibt es hier zwar 21 Stifte, in den technischen Berufen aber keine einzige Stiftin.

Jetzt, im frühen Nachmittag, steht Sandra mit ihren Kolleginnen um den grossen Arbeitstisch im Lernzentrum des Betriebs. Sie sind damit beschäftigt, die unterdessen auf Hochglanz polierten Schnallen an den Ledergürteln zu befestigen. Später wird Sandra mit den 21 Kolleginnen das Firmenareal mit einer «Trumpf»-Tasche verlassen, gefüllt mit einem Zettelhalter und einem Kerzenständer aus Blech, mit einer «Toblerone» und natürlich dem neuen Gürtel mit den beiden chinesischen Zeichen in der Schnalle.

Zuvor haben die Jugendlichen einen Fragebogen zum Tochtertag ausgefüllt. Die vierte Frage hat gelautet: «Kannst Du Dir vorstellen, in diesem Betrieb zu arbeiten?» Sandra Auf der Maur hat geschrieben: «Ja, ich will Mechanikerin werden.»

 

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9. Nationaler Tochtertag

Eine Erfolgsgeschichte

Was als Tochtertag angefangen hat, könnte unterdessen «Tochter- und Sohntag» heissen. Heute werden sowohl Mädchen wie Buben mit Berufen jenseits der traditionellen Rollenmuster konfrontiert. Während Mädchen traditionelle Männerberufe kennenlernen, lernen Buben in Alters- und Pflegeheimen oder Kindertagesstätten traditionelle Frauenberufe kennen.

Isabelle Santamaria, Projektleiterin des Nationalen Tochtertags, schätzt, dass von 2001 bis 2009 insgesamt «über eine halbe Million Mädchen und Buben» teilgenommen haben. Insgesamt engagieren sich über 700 industrielle Betriebe und 240 Heime und Tagestätten.

Statistiken darüber, ob sich die Berufswahl geschlechtsspezifisch zu verändern beginnt, gibt es noch nicht. «Aber», sagt Santamaria, «wir haben Rückmeldungen von jungen Frauen, die aufgrund der Erfahrung am Tochtertag einen untypischen Beruf erlernt haben.»

Der Tochtertag ist ein Projekt von 11 kantonalen Gleichstellungsbüros und wird vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) finanziell unterstützt.