Work, 6. 11. 2009

«Sprachen lernt man spielend»

Kürzlich haben drei Work-Redaktoren zur Weiterbildung einen Italienischkurs besucht. Die Expertin, die die Abschlussprüfungen abgenommen hat, war mit ihren Leistungen zufrieden. Im Gespräch verblüffte sie die Zeitungsleute, als sie sagte: Klar kenne sie das Work. Als Unia-Mitglied werde ihr die Zeitung ja zugeschickt. Wie bitte? Wie wird man als Italienischlehrerin Unia-Mitglied?

Nach Uni-Abschluss Ungelernte

«Ganz einfach», sagt Manuela Di Marino Demenga. Italienischexpertin sei sie, weil sie Sprachwissenschafterin sei. Und Unia-Mitglied sei sie, weil sie direkt nach dem Uni-Abschluss in die Schweiz gekommen sei. Doch der Reihe nach: 2004 hat sie in Italien an der Universität von L’Aquila ihr Deutschstudium mit einer linguistischen Arbeit über «Il sistema delle vocali nei ricettari di Peter Wagner e Johann Petri» abgeschlossen. Die verglich die Wörter in zwei deutschsprachigen Kochbüchern der beiden Autoren aus dem späten 15. Jahrhundert. (Zum Beispiel schrieb Wagner Wagner «schlahen» für «schlagen», Petri schrieb «schlachen»).

Die Emigration in das Land ihrer Mutter hat einen Bruch in ihrer Berufsbiografie bedeutet: Sie wird arbeitslos. Das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum stuft die Akademikerin als Ungelernte ein. Später wird zwar vermerkt, dass sie in Italien Deutsch und Englisch studiert habe. Allerdings wird es dem Arbeitgeber überlassen, ob er den Abschluss anerkennen will oder nicht: Für eine allgemeingültige Anerkennung empfiehlt man ihr wahlweise ein Weiterstudium an der Pädagogischen Hochschule oder den Erwerb der Matura an einem schweizerischen Gymnasium. Sie wird Verkäuferin, arbeitet im Berner Wankdorf-Center in einem italienischen Geschäft und tritt der Unia bei. Das Geschäft läuft nicht. Sie wird entlassen.

Gespür und Flexibilität

Gleichzeitig hat Manuela Di Marino Demenga auch als Sprachlehrerin Arbeit gesucht. «Nur die Migros-Klubschule gab mir eine Chance.» Heute unterrichtet sie vor allem in Thun und Spiez (BE). Ihr Stundenplan verlangt einige Flexibilität: Die Lektionen sind vor allem in Randzeiten am Vormittag und in den Abend hinein angesetzt. Freitags und samstags nimmt sie Prüfungen ab oder besucht selber Weiterbildungen. Ab und zu trifft sie ehemalige Kursteilnehmende zu einem Schwatz beim Kaffee – natürlich auf italienisch.

Unterricht mit Erwachsenen müsse eine Zusammenarbeit sein, sagt sie: «Wenn’s klappt, ist meine Arbeit sehr kreativ. Ich habe Spielraum und kann auf die Interessen der Klasse eingehen.» Angenehm sei, dass es bei Erwachsenen kaum Motivationsprobleme gebe. «Eigentlich nur dann, wenn die Leute zur Kursteilnahme gezwungen werden, etwa von ihrem Arbeitsgeber.»

Nach ihrer Erfahrung lernt man Sprachen sehr unterschiedlich: die einen vor allem übers Gehör, andere lesend, also über die Augen, dritte durch das Aufschreiben. «Ich muss allen gerecht werden und im Klassenzimmer möglichst schnell merken, ob das, was ich bringe, ankommt. Funktioniert’s nicht, muss ich auf andere Vorgehenswesen ausweichen.»

Den nötigen Wortschatz – etwa die Namen von Kleidern, Früchten und anderen Lebensmitteln – übt sie mit der Klasse in den Läden der Stadt. Zum Training von Dialogen arbeitet sie mit Kellnern von italienischen Restaurants zusammen, die die Klasse konsequent auf italienisch bedienen. Zur Erklärung von grammatikalischen Problemen arbeitet die gern mit grafischen Schemata oder mit Symbolen, die den Lernenden zuhause als Gedankenstützen dienen können. Um das schriftlich und mündlich Erarbeitete zu festigen, seien im Unterricht zudem Spiele hilfreich: «Beim Spielen lernt man, ohne dass man merkt, dass man lernt.» Für sie als Sprachlehrerin seien diese Spielsituationen eine Lernkontrolle: Was klappt? Wo hapert es noch?

Die Qual der Wahl

Unterdessen sind mehr als fünf Jahre vergangen seit dem Abschluss der Studien in L’Aquila. Ab und zu träumt sie davon, wieder als Sprachwissenschafterin zu arbeiten, weiterzuforschen und das Doktorat zu machen. Ein Thema, das sie faszinieren würde: eine soziolinguistische Untersuchung der Sprache ihrer Mutter, einer Andermatterin, die heute eine eigenwillige Mischung aus «Urschner Dütsch», Standarditalienisch und dem Dialekt der Region Abruzzo spricht.

Aber vielleicht geht es für sie anders weiter. Nach Jahren der materiellen Unsicherheit könnte sie sich heute eigene Kinder vorstellen. Und eigentlich arbeitet sie sowieso in ihrem Traumjob. Sie habe sich immer gewünscht, eine gute Lehrerin zu werden: «Ob ich’s geworden bin, müssen die andern sagen.»

 

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Rückkehr aus den Abruzzen

Geboren ist Manuela Di Marino Demenga 1975 in der Schweiz als Tochter eines italienischen Vaters und einer schweizerischen Mutter. 1977 ist die Familie in die Heimat des Vaters zurückgekehrt. Aufgewachsen ist sie deshalb in Torricella Peligna (Region Abruzzo). Nach den Schulen im Dorf Besuch des Liceo classico in Lanciano. Anschliessend Deutsch- und Englischstudium an der Universität von L’Aquila. 2004 schliesst sie ihr Studium mit der Lizentiatsarbeit ab.

Sie zieht in die Schweiz, um in Thun mit ihrem Freund zusammenzuleben (seit 2006 sind sie verheiratet). Zuerst arbeitslos, dann Verkäuferin im Wankdorf-Center in Bern. In dieser Zeit Unia-Beitritt.

Heute arbeitet sie als Sprachlehrerin für die Migros-Klubschulen in Thun und Spiez (BE). Ihr Einkommen wechselt von Monat zu Monat, je nach Anzahl und Art der Lektionen (Standard-, Diplom- oder Firmenkurse). «Ohne das fixe Einkommen meines Mannes wäre es allerdings schwierig.» Sie wohnt in Heimberg bei Thun. Als Hobbies nennt sie tanzen (Standard und Latin) und lesen (Fachliteratur und Romane).