Journal B, 24. 12. 2016

Wo Steine sprechen und Riesen hausen

 

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Heute Heiligabend wird im Berner Puppentheater an der Gerechtigkeitsgasse 31 um 14.30 Uhr «D’Wienachtsgeschicht»gegeben. Ein Longseller der Puppenbühne Demenga Wirth. Ein Stück, das seit 1993 immer wieder auf dem Programm steht und ein Stammpublikum hat, das jedes Jahr kommt, weil ohne dieses Stück einfach etwas fehlt an Weihnachten. Die heutige Aufführung ist speziell: Weil Monika Demenga und Hans Wirth die Leitung des Berner Puppentheaters auf 1. Januar 2017 an das Theater Arthea (Karin Wirthner und Frank Demenga) weitergeben, spielen sie heute zum letzten Mal im eigenen Haus. Eine Ära geht zu Ende.

Das Werk von einem halben Jahrhundert

Bevor man ins Kellergewölbe des Puppentheaters tritt, öffnet sich rechterhand die Tür in einen kleinen Nebenraum, in dem man bequem sitzt. «Angefangen hat es 1968», sagt Monika Demenga. «Ich war an der Schauspielschule, dort fehlte mir das Bildnerische. Im Vorkurs der Kunstgewerbeschule fehlte mir danach das Theater. Auf der Suche nach einer Synthese erwies sich für mich das Puppentheater als ideal.»

In Bochum erlernt sie die Grundlagen für den Figurenbau, kehrt nach Bern zurück und macht ihre erste Inszenierung, ein Weihnachtsstück der Schriftstellerin Silja Walter. Von nun an ist sie mit ihrer Wanderbühne unterwegs, zuerst mit ihrem damaligen Freund, später mit wechselnden Partnern, seit 1977 zusammen mit Hans Wirth. Man macht Tourneen durch die Schweiz und spielt an Festivals in Ungarn, Deutschland (Ost und West) und in Frankreich. 24 Jahre nach Demengas Start können die beiden 1992 das Berner Puppentheater übernehmen, das sie nun seit noch einmal 24 Jahren betreiben.

Neben jährlich neuen Produktionen – von B. Travens «Macario» (1969) bis «Di muetigi Schirin» nach Motiven von Theodor Storm (2011) – sind in dieser Zeit auch eine ganze Reihe von Fernsehversionen, Verfilmungen und DVD-Produktionen einzelner Stücke entstanden.

Lebendige Gesichter ohne Mimik

Es gibt Spieltechniken, bei denen man Demenga und Wirth im Halbdunkel bei der Arbeit mit den beleuchteten Figuren sieht, und es gibt solche, bei denen auf der Bühne nur die Figuren zu sehen sind. Für diese Techniken sind ganz verschiedene Puppen nötig: Tischfiguren, javanische Schattenspielfiguren, Gliederpuppen und Stabpuppen; lebensgrosse Figuren, Handpuppen, Fingerpuppen und Marotten (Figuren an einem Stab); Mimikfiguren mit aufklappenden Mündern (Muppet-Figuren) oder Figuren, die im Gewand einen eingenähten Handschuh haben und so mit einer lebendigen Hand agieren können. Demenga baut alle Figuren selber: «Hans und ich erfinden immer das neu, was wir für das nächste Stück brauchen.»

Sprechen die beiden von der Wirkung ihrer Figuren, brauchen sie das Wort «Magie». Wirth: «Figuren haben ja keine Mimik. Es gibt das Licht, die Schlagschatten und die Möglichkeit, die beiden Gesichtshälften mit unterschiedlichen Ausdrücken zu gestalten. Fröhlich und traurig zum Beispiel. Aber darüber hinaus ist es so: Wir bieten eine Projektionsfläche, damit die Zuschauer sich das Stück in ihren Köpfen selber ergänzen.» Es komme vor, dass ein Kind am Ende eines Stücks frage, wie man das macht, dass eine Puppe Tränen vergiesst. «Zwar gab es keine Tränen, aber das Kind hat sie gesehen.» Wenn es gelinge, die Emotionen zu wecken, dann gebe es solche Effekte auch in der Phantasie von erwachsenen Zuschauerinnen und Zuschauern.

Das schwindende Vertrauen in die Magie

Monika Demenga ergänzt: «Die Magie wird gerade von der Tatsache erzeugt, dass hinter den Figuren nicht schauspielernde Menschen mit der Biografie von Herrn Müller oder Frau Meier stehen. Unsere Figuren sind Symbole, Allegorien für ein bestimmtes, eng begrenztes Charakterspektrum.» Auch deshalb müsse die Stimme der Figur, die meistens auf Tonträger vorproduziert wird, «hundertprozentig zum Gesichtsausdruck passen», was zum Beispiel bedinge, dass man den Text mit der Mundstellung der Figur zu sprechen versuche. Sonst entstehe der Effekt eines unverbundenen Nebeneinanders von Figur und Stimme.

Dass das Berner Puppentheater fast zuunterst in der Altstadt steht, ist nie ein Nachteil gewesen. Hans Wirth: «Die Leute kommen. Und neben dem regulären Spielplan gab es pro Jahr sicher noch um die fünfzig Kindervorstellungen.» Von Zürich bis Grindelwald reisten Schulklassen an. «Ab und zu bekamen wir von Ladenbesitzern ein Kompliment für die fröhlichen Kinderstimmen, die man dann jeweils in den Lauben hört.»

Zwar finde das Publikum den Weg, sagt Monika Demenga, ansonsten aber sei es schon so, dass man als Puppentheater im städtischen Kulturbetrieb nicht integriert sei. Allerdings seien sie beide eben eher «Einzelkämpfer», sagt Wirth: «Die aktuelle Tendenz zu Crossover und Co-Produktionen – das ist nicht unser Ding.» Gegenüber gewissen aktuellen Tendenzen im Puppentheater sind sie beide zudem skeptisch. Demenga: «Die Puppe als magisches Instrument wird immer mehr zur Quantité négligeable. Immer mehr schwindet das Vertrauen in die Wirkung der Figur.»

Es geht weiter. Aber anders.

Trotzdem hat sie seit 1968 nie ans Aufhören gedacht: «Mein Beruf ist der allerschönste: Ich kann Stücke schreiben, ich kann Figuren machen, und das Spielen ist etwas Wunderbares.» Abgesehen davon sei das Puppenspiel immer auch der Weg gewesen, etwas, das sie gerade beschäftigt habe, an das Publikum weitergeben zu können. «Wir haben nie ein Stück gemacht, das keine für uns wichtige Botschaft gehabt hätte.»

«Seelennahrung», wirft Hans Wirth ein, «war für uns immer ein wichtiges Stichwort. Dass wir gerade den Kindern etwas mitgeben können, das sie nährt. Heftiges, Lautes, Knalliges gibt es ja überall mehr genug, aber das Zurückgenommene, das Verhaltene, das Besinnliche, das fehlt heute vielen Kindern. Damit sind wir nicht unbedingt im Trend. Mag sein, wir sind sogar ein bisschen altmodisch.»

Für diese Seelennahrung haben Hans Wirth und Monika Demenga in der unteren Altstadt 24 Jahre lang zu zweit, manchmal mit einer Unterstützung zu dritt, die Arbeit von einem halben Dutzend Leuten gemacht. Neben der künstlerischen Arbeit war da immer auch das Administrative, die Subventionsgesuche und Rechenschaftsberichte, Werbung, Programme, Versicherungen, die Betreuung der Internet-Seite. Dazu der Bau der neuen Figuren, die Bühnenbilder, die technischen Installationen für die Stücke. «Das Spielen war jeweils das Sahnehäubchen», sagt Wirth. Und Demenga: «Es war sehr anstrengend, aber auch sehr schön.»

Und jetzt? Klar merke man, dass die Arbeit mehr erschöpfe und man mehr Erholungszeit brauche; dass die Entwicklung eines neuen Stücks länger dauere als seinerzeit.  Aber sicher werde man in der kommenden Zeit das Theater Arthea darin unterstützen, das Berner Puppentheater weiterzuführen. Zudem hat das neue Leitungsteam der Puppenbühne Demenga Wirth den Auftrag gegeben, ein Kinderbuch zum Puppenspiel umzuarbeiten. Monika Demenga: «Dramatisierung, Regie, Figuren, alles. Langweilig wird es uns nicht.»