reformiert, 25. 9. 2009

«Dieses Haus ist ein bisschen meine Freundin»

Ein Keramikatelier auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei Felsenau in Bern: Auf der Töpferscheibe steht eine elegante, hohe Blumenvase. Roger Schuhmachers neuste Arbeit. Er stülpt eine Plastikhülle darüber: «Die Vase muss weiter trocknen, bevor ich sie brennen kann.»

Schuhmacher ist 47-jährig, hat Narben im Gesicht und ist übergewichtig. Er geht am Stock. Hier, im «Haus Felsenau», ist er seit dem Mai 2005. «Das Gute an diesem Haus ist», sagt er, «dass es keinen grossen Unterschied gibt zum Leben in Freiheit». Bloss werde man ermahnt, wenn man gewisse Grenzen überschreite, damit man wieder lerne, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Und wenn es ihm schlecht gehe, erhalte ich Hilfe; wenn er Probleme habe, sei jemand da zum Reden: «Es ist hier, wie wenn ich mit einer Freundin zusammenleben würde. Dieses Haus ist ein bisschen meine Freundin.»

Im Aufenthaltsraum serviert er Kaffee, bevor er erzählt, wie er hierher gekommen ist.

Abstürze

Roger Schuhmacher war ein erfolgreicher junger Mann. gelernter Maurer, anschliessend als Betonschaler im Akkord auf Baustellen in der ganzen Schweiz unterwegs. Sehr guter Lohn. Verheiratet, zwei Söhne. 1985 geht die Ehe in Brüche, er zieht mit einer anderen Frau zusammen. 1987 geht der Rücken kaputt, seine Lendenwirbel werden operativ versteift, die Invalidenversicherung unterstützt eine berufliche Neuorientierung.1987 bis 1991 Lehre als Maschinenmechaniker. Neustart und Hoffnung auf beruflichen Aufstieg.

1992 wird er auf der Autobahn zwischen Solothurn und Oensingen von einer Geisterfahrerin gerammt: Schädelhirntrauma, Milzruptur, mehrfacher Beckenbruch, das zertrümmerte linke Hüftgelenk wird durch eine Prothese ersetzt. Er liegt zwei Monate Koma, sechs Monate Spital. Dann verlässt ihn seine Partnerin: Ihre Beziehung habe keine finanzielle Perspektive mehr.

Schuhmacher fällt in ein «sehr, sehr tiefes Loch». Gegen die chronischen Schmerzen und die unlösbaren Probleme beginnt er Heroin zu schnupfen. Später wechselt er auf Methadon; süchtigmachende Schlaftabletten und Kokain kommen dazu. Als er letzteres zu rauchen beginnt, hat ihn die Sucht endgültig im Griff. 2004 Drogenentzug in der Psychiatrischen Klinik Waldau. Später noch gelegentliche Rückfälle.

Neuanfang

Roger Schuhmacher ist freiwillig hier: « Zwang gibt es keinen. Wichtig ist deshalb, dass man sich selber Ziele setzt.» Er hat das getan. Zuerst hat er abzusichert, dass er in einer Krise nicht doch wieder Drogen kauft: Sein Konto, über das die Suva- und IV-Renten laufen, betreut eine Beiständin. Sein Sackgeldkonto verwaltet ein Sozialarbeiter des «Hauses Felsenau»: «Ich habe mit ihm einen Vertrag abgeschlossen: Er muss immer rückfragen, wofür ich Geld haben will. Und nach meinem Einkauf muss ich von mir eine Quittung verlangen.»

Arbeiten möchte Schuhmacher mehr als sein Körper kann. In die mechanische Abteilung der Blindenwerkstätten Bern ist er zwei Jahre lang gegangen, trotz der Schmerzen. «Dann bin ich zusammengebrochen und musste aufhören.» Jetzt arbeitet er in der Keramikwerkstatt des «Hauses Felsenau»: An der Töpferscheibe kann er sitzen.

Schuhmachers weitere Ziele: Im Moment ist er mit ärztlicher Unterstützung daran, ganz von den Tabletten loszukommen. Gelingt das, folgt der Mathadon-Entzug. Im Dezember steht die Operation des 1992 weniger stark verletzten rechten Hüftgelenks an. Er hofft, so die Schmerzen und den Stock loszuwerden. In etwa zwei Jahren, so der Plan, wird er das «Haus Felsenau» verlassen und wieder einen Neustart wagen. Dazu wird er eine Wohnung brauchen ­– und Arbeit: «Am liebsten als Maschinenmechaniker, halbtags. So lange kann ich stehen.»

 

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Der Sozialpreis

Die Bürgi-Willert-Stiftung verleiht dem «Haus Felsenau» in Bern den Sozialpreis 2009 (25000 Franken). In dieser Institution begleitet ein Team von Fachleuten seit 1980 Menschen nach Gefängnisaufenthalten und grossen physischen oder psychischen Krisen auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft.

Das 1980 gegründete «Haus Felsenau» wird unterstützt von der Reformierten Landeskirche und vielen Kirchgemeinden des Kantons Bern unterstützt. Betrieben wird es vom – traditionell kirchennahen – Bernischen Verein für Gefangenen- und Entlassenenfürsorge (BeVGe).