Work, 28. 8. 2009

«Jenny, wehr dich!»

Am liebsten baut sie Sandsteinmauern. Zum Beispiel jene, die mitten in Meilen (ZH) das Trottoir von einem privaten Parkplatz abgrenzt. «Daran habe ich mitgebaut», sagt Jenny Brüngger und zeigt auf zwei übereinanderliegende Steine, die sie gesetzt hat. «Schade, dass wir unterschiedliches Material hatten.» Die Kritik einer Spezialistin. Der Unterschied zwischen den beiden Steinen ist kaum zu sehen. Beide sind gleichmässig grau, aber, zeigt sie, «unterschiedlich porös».

Wie jeden Tag ist sie heute Morgen mit der Autofähre von Wädenswil (ZH), wo sie wohnt, über den Zürichsee gekommen. Arbeitsbeginn ist um sieben Uhr. Ihr heutiger Auftrag: Gartenpflege auf einem privaten Anwesen, Rasen mähen und jäten. Aber nicht nur: Weil sie festgestellt hat, dass mehrere Rundhölzer in einer Palisadenmauer morsch waren, hat sie neue Rundhölzer und Beton organisiert, die alten Hölzer aus dem Fundament gespitzt und die neuen einbetoniert.

«Gartenbau ist eben beides» sagt sie, «Unterhalt und Bau». Zum Unterhalt gehört zum Beispiel die wichtigste Arbeit während der kalten Jahreszeit: der Winterschnitt von Bäumen und Sträuchern. Der «Bau» hat ab Frühling Hochkonjunktur: Neu- und Umgestaltungen von Gärten; Anpflanzungen mit Bäumen, Sträuchern und Stauden; Bau von Natursteinmauern, Terrassen, Treppen, Plattenwegen oder Plätzen. «Das Schöne an meinem Beruf ist», sagt sie, «dass er derart abwechslungsreich ist».

«Bis zfride mit däm, was d häsch»

Vor ungefähr zwei Jahren hat Jenny Brüngger ihrem Vater einmal ausführlich von ihren langen Arbeitstagen und vom geringen Lohn erzählt. Davon, dass wenn sie mit Kollegen vom Bauhauptgewerbe über die Löhne rede, zu hören bekomme, für einen solchen Lohn würden sie keinen Finger krumm machen. Davon, dass sie letzthin von einem Gartenbauer gehört habe, der für 2400 Franken netto inklusive Überstunden arbeite. Davon, dass der Stundenlohn ihrer Kolleginnen und Kollegen im Schnitt kaum 24 oder 25 Franken brutto betrage. Davon, dass man mit den Patrons in den Betrieben über die Löhne nicht reden könne, dass es jeweils bloss heisse: «Darüber rede ich nicht mir dir. Bis zfride mit däm, was d häsch.»

Ihr Vater hat ihr damals geraten: «Jenny, unternimm etwas. Wehr Dich!» Darum hat sie mit ihren beiden Gartenbaukollegen am Arbeitsplatz geredet. Die drei haben beschlossen, zur Unia zu gehen. Denn alle drei sind sie der gleichen Meinung: «Die Arbeitsbedingungen in unserer Branche sind einfach nicht fair. Uns erstaunt, dass sich niemand wehrt, dass sich alle mit dieser Situation einfach zufriedengeben.»

Nach Vorgesprächen mit dem Zürcher Unia-Sekretär Bernardino Sanchez haben sich Jenny Brüngger und ihre beiden Kollegen nun letzthin mit André Kaufmann getroffen, der als Co-Leiter des Sektors Bau bei der Unia zuständig ist für den Gartenbau.

Sechstage-Wochen à 11 Stunden

Nach diesem Gespräch wissen die drei, dass sie steinigen Boden bearbeiten wollen. Denn: Die Organisation der Gartenbau-Patrons, Jardin Suisse, hat nach jahrelangem vertragslosem Zustand auf 2009 einen schlechten und nicht allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) in Kraft gesetzt. Die Unia hat darum gekämpft, zu den Vertragsverhandlungen zugelassen zu werden, wurde Jardin Suisse konfrontierte sie  mit inakzeptablen Vorbedingungen.

Ausgehandelt worden ist dieser GAV schliesslich nur mit der berufsständischen Organisation «Grüne Berufe Schweiz». Diese hat den Arbeitgebern den Gefallen getan zu unterschreiben, dass gelernte Gärtner rund 2000 Franken weniger verdienen sollen als vergleichbar Ausgebildete auf dem Bau; dass der Minimallohn bei Aushilfen für eine 43-Stunden-Woche 3000 Franken brutto betragen soll und dass die Patrons bei Bedarf Sechstage-Wochen à 11 Stunden anordnen dürfen (Work 20/08). Dagegen ist nichts zu machen: Solange sich die Patrons nicht beim Bundesrat um die Allgemeinverbindlichkeitserklärung des GAV‘s bemühen, können sie verhandeln, mit wem sie wollen.

André Kaufmann sieht deshalb nur eine Chance: «Nur wenn es gelingt, eine Bewegung der Betroffenen aufzubauen und Druck von unten zu machen, könnte wir die Patrons zu echten Verhandlungen zwingen.» Nach ihrer Sitzung mit Kaufmann sieht Jenny Brüngger, wie es weitergeht: «Wir planen eine Kampagne zu den schlechten Arbeitsbedingungen in unserer Branche. Sicher ein Thema werden die Löhne sein.»

Zuschauen, wie’s wächst

Auf die Frage, was sie als ihr Hobby bezeichnen würde, entgegnet sie, ihr Hobby sei ihr Beruf: «Meine Eltern haben einen Hof.» Dort gebe es immer etwas zu tun, Platten legen, Rasen mähen, anpflanzen: «Wenn ich mich dann jeweils nach der Arbeit hinsetze und sehe, was ich gemacht habe – das ist einfach irre lässig.»

 

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Kopf- statt Handarbeit

Aufgewachsen ist Jenny Brüngger (* 1983) in Maur (ZH). Nach der Sekundarschule Sprachaufenthalte in England und im Welschland. Danach kaufmännische Lehre bei einer Speditionsfirma am Flughafen Kloten. Weil ihr weder Arbeit noch Betrieb behagen, schliesst sie nach zwei Jahren mit einer einfachen Bürolehre ab. Unterdessen ist ihr klar, dass sie mit den Händen arbeiten will. Sie geht für dreieinhalb Monate auf eine Baustelle in Uster: betonieren, spriessen, schalen. Danach weiss sie, dass sie auch harte körperliche Arbeit aushält und entscheidet sich für die Zweitausbildung zur Landschafts- und Gartenbauerin, die nur zwei Jahre dauert, weil ihr die Bürolehre angerechnet wird.

Heute arbeitet sie in einem Betrieb in Meilen (ZH). In diesen Tagen beginnt sie in Wetzikon (ZH) die Weiterbildung zur Gärtner-Polierin und Grünpflegespezialistin: Kurzfristig will sie lernen, Erfahrungen sammeln und Geld verdienen. Und irgendwann will sie sich selbständig machen. Brüngger ist Unia-Mitglied.