Work, 3. 7. 2009

«Wir zahlen ihre Krise nicht!»

Durch die Glasfronten des Sheddachs fällt gleichmässig das Vormittagslicht. In der Halle der ehemaligen Kühlschrankfabrik stehen auf Pulten und Podesten Bildschirme in verschiedenen Grössen, am Boden zwei Reihen Matratzen, an den Wänden grossformatige Farbfotografien: ratlose Paare und verlorene Singles. Die Kunsthalle Luzern zeigt zurzeit eine Ausstellung über die Liebe als «Gegenentwurf zur kapitalistischen, demokratischen Tauschgesellschaft».

«Ich arbeite hier völlig flexibilisiert», lächelt Urban Hodel, Zimmermann und verantwortlich für die technische Planung und die Umsetzung der Ausstellungen. Die Arbeit fällt sehr unregelmässig an. «Dafür habe ich Zeit für meine Tochter und für die Berufsmittelschule, die ich zweimal pro Woche besuche.»

Von der Mutlosigkeit der Linken

«Mein bisheriger Weg war geprägt von meinen politischen Interessen», sagt er. Die Wirtschaftsmittelschule schmeisst er als 16jähriger, als man ihn dort verständnislos anschaut, wenn er über Karl Marx oder die Armut im eigenen Land reden will: «Ich stiess dort nicht einmal auf Widerspruch, sondern einfach auf gar nichts.»

Mit 18, als er die Lehre als Zimmermann beginnt, tritt er der Unia bei, weil er die Gewerkschaft nach dem Abflauen der Antiglobalisierungsbewegung für die verbliebene «gesellschaftlich relevante Kraft links der SP» hält. Zusammen mit anderen gründet er die Unia Jugend Luzern und befasst sich seither mit Lehrlings- und Mindestlöhnen, mit den Rechten der Arbeitnehmenden, aber auch mit Fragen nach dem wirtschaftlichen System oder mit den bedrohten Grundrechten, «etwa mit den Wegweisungsartikeln oder der Videoüberwachung».

Urban Hodel hat klare politische Einschätzungen. «Die Linke», sagt er, «ist von der Krise in einem Moment überrumpelt worden, da sie selber in der Krise steckte.» Die Grünen seien wirtschaftspolitisch «sehr schwach» und die SP verhalte sich so, dass sie nur verlieren könne: Statt in die Opposition zu gehen, vertraue sie weiterhin der Wirtschaft, weil sie hoffe, diese bringe die Wachstumszahlen zur Sicherung des Sozialstaats. Die enge Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie müsse aus gewerkschaftlicher Sicht überprüft werden. Immer noch zu sagen, Wachstum gleich Wohlstand, sei absurd: «Trotz des wirtschaftlichen Wachstums hat der Neoliberalismus der letzten zwei Jahrzehnte der breiten Masse nichts gebracht.»

Im Gegensatz zur parlamentarischen Linken sieht er die Unia «grundsätzlich gut aufgestellt». Allerdings sei der Spagat «zwischen reiner Institution und sozialer Bewegung» nicht unproblematisch: «Ich vermute, es werden innerhalb der Unia grössere Richtungskämpfe auf uns zukommen. Die Krise verschärft unsere Widersprüche.»

Arbeit gerecht verteilen statt Neoliberalismus

Neoliberalismus, fährt er fort, das seien nicht nur «einige böse Banker», sondern «ein System, das Unternehmungen zu gewinnmaximierenden Instrumenten für Aktionäre und Investoren macht. Diese Leute interessieren sich weder für Arbeitnehmer noch Arbeitsplätze, sondern für den Profit.» Vielleicvht sei es ja utopisch, dieses System in Frage zustellen. «Abrt wer die Interessen der Arbeitnehmenden wahrnehmen will, muss genau das tun.»

Heute finde Veränderung statt, so oder so. Da sei es nicht bedeutungslos, woher der Wind blase: «Deshalb muss man jetzt blasen und die Widersprüche aufzeigen. Und deshalb muss man jetzt nicht nur die Arbeitsplätze verteidigen, sondern in die Offensive gehen.»

Kurzfristig plädiert Hodel für Arbeitszeitverkürzungen: «Warum verteilt man denn die Arbeit, die es gibt, nicht auf alle? Das wäre doch logisch!» – Ja, aber ineffizienter. – «Klar. Aber wir müssen die Forderung trotzdem stellen. Es ist doch keine politische Strategie, bloss die Argumente der Neoliberalen abzuschwächen.» Längerfristig, so Hodel, müsse das Ziel sein, «dass die Arbeitnehmenden in ihren Betrieben selber entscheiden». Niemals sei der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit eklatanter geworden als jetzt, da die Lohnabhängigen den Kapitalismus retten und seinen Profiteuren auch noch Trinkgeld zahlen sollten: «Das müssen wir verhindern. Wir zahlen ihre Krise nicht!»

Eine Box für jeden Master

Später erzählt er von seiner Arbeit hier in der Kunsthalle: In der letzten Ausstellung habe er für einen Künstler eine freistehende Holzwand von zehn auf drei Meter gebaut, die jener danach mit Tapeten und Malereien zu einer Skulptur gestaltet habe. Und als nächstes werde er ein grosses «Möbel aus Tannenholz» ausführen: Die Kunsthochschule Luzern will hier alle diesjährigen Master-Abschlussarbeiten ausstellen, da braucht’s für jede Arbeit eine Box.

Kurz vor elf begleitet Hodel hinaus, schliesst ab und schwingt sich aufs Velo: Höchste Zeit, zuhause Mittagessen zu kochen.

 

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Luzerner Kulturaktivist

Die Schule hat Urban Hodel (* 1985) in Luzern gemacht. Die Wirtschaftsmittelschule hat er abgebrochen. Dann diverse Jobs als Verkäufer, Maler, Gärtner, Rhein-Matrose. Mit 18 dreijährige Ausbildung zum Zimmermann in Malters (LU). Während der Lehre Arbeit als Programmgestalter in verschiedenen Luzerner Kulturzentren. Nach der Lehre Initiant und massgeblicher Realisator eines Buchs über das unterdessen geschlossene Kulturzentrum Boa («ein BOA Teil», Luzern [maniacpress] 2008). Als Brotjob: Freelancer auf seinem Beruf.

Seit 2008 arbeitet er im Stundenlohn als Techniker in der Kunsthalle Luzern. Daneben bereitet er die Berufsmatura vor. Nächstes Jahr übernimmt er zusammen mit einer Lehrerin den Werkunterricht für eine Gruppe schwieriger Jugendlicher. – Er ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Unia-Jugend Luzern, dazu Jugenddelegierter in der Unia-Delegiertenversammlung. Mit seiner Freundin lebt er in einem selbst ausgebauten Dachstock. An zwei Tagen unter der Woche betreut er die gemeinsame, sieben Monate alte Tochter.