Work, 3. 7. 2009

«Niemand soll meinen, es gebe nur einen einzigen Weg.»

Man stelle sich das am Firmensitz eines anderen Betriebs mit tausend Angestellten vor: Ein Geschäftsleitungsmitglied bittet zum Gespräch ausgerechnet in das Büro jenes Mannes, der ihn in einer Kampfwahl ausgestochen hat. Genau das tut André Daguet. «Renzo Ambrosetti ist weg», sagt er, «gehen wir in sein Büro, dort können wir in Ruhe reden.»

Daguet erzählt mit lebhaften Gesten, manchmal die Hände auf seiner Wohlbeleibtheit gefaltet, manchmal die Haare beidhändig nach hinten streichend: engagiert, vital, jugendlich. Nur die Narbenspitze im Ausschnitt seines schwarzen Hemdes sagt etwas anderes: Kein Jugendlicher hat eine Bypass-Operation hinter sich. Am 1. Juni ist Daguet 62 geworden. Damit hat er das Rentenalter erreicht, das für die Unia gilt.

Eine Niederlage im Dienst der Sache

Mitte der neunziger Jahre leiten die Präsidentin des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands (Smuv), Christiane Brunner, und Vasco Pedrina, Präsident der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) einen Annäherungsprozess zwischen den beiden Gewerkschaften ein. Im Herbst 1996 wird André Daguet als Quereinsteiger in die Smuv-Geschäftsleitung gewählt. Damit wird er eine zentrale Figur in diesem Prozess.

Die Zeit ist reif: Der Smuv braucht die GBI, um neues Leben in seine erstarrte Bürokratie zu bringen; die GBI braucht den Smuv, um ihre teils wegbrechende (Textil), teils träge (Chemie), teils krisenanfällige (Bau) und im Tertiärbereich schwierig zu organisierende Basis zu verbreitern. «Es hat einen historischen Zwang gegeben für das Zusammengehen – und gute gewerkschaftspolitische Gründe», sagt Daguet. Dass es zwischen GBI und Smuv zu einer «Liebesheirat» gekommen sei, hält er für ein Ammenmärchen.

Am Smuv-Kongress 2000 ist er der Kandidat der Geschäftsleitungsmehrheit für die Nachfolge von Präsidentin Brunner und steht für den Zusammenschluss mit der GBI. Sein Gegenkandidat ist Renzo Ambrosetti, von dem sich nicht wenige Kollegen aus dem Smuv-Apparat erhoffen, er werde die Fusionspläne stoppen, der die Pfründen und den behäbigen Courant normal bedroht. Der Kongress wählt mit knappem Vorsprung Ambrosetti.

Im Rückblick ist bezeichnet Daguet diese Wahlniederlage Glücksfall für die Entstehung der Gewerkschaft Unia: «Renzo ist ein äusserst erfahrener Gewerkschaftspragmatiker. Er hat gewusst, dass es im Smuv Veränderungen brauchte. Darum hat er bei der Annahme seiner Wahl bloss gesagt, dass für ihn eine Fusion mit der GBI ‹vorderhand› nicht in Frage komme. Und deshalb hat er mich zu seinem Vizepräsidenten gemacht und ist in den Verhandlungsprozess mit der GBI-Spitze eingestiegen.» Mit diesem Schachzug hätten die Fusionsgegner im Smuv-Apparat nun jenen Mann bekämpfen müssen, den sie selber gewählt haben. Ambrosetti ist es gelungen, den bremsenden Smuv-Flügel in die Entwicklung einzubinden. «Wäre ich Präsident geworden», sagt Daguet, «hätte mich dieser Flügel durch Obstruktion möglicherweise blockiert. Heute kann man sagen: Die Gewerkschadt Smuv hat 2004 die Fusion mit der GBI zur Unia nicht gegen Renzo geschafft, sondern dank ihm.»

Andreas Rieger, Co-Präsident der Unia, hat bei den Fusionsverhandlungen zur GBI-Delegation gehört. Für ihn ist Daguet schon Ende der neunziger Jahre ein Säule gewesen, die für die Überwindung der alten Gräben gestanden sei: «Er war überzeugt, dass eine neue Gewerkschaft entstehen müsse als soziale Gegenkraft zum dominierenden bürgerlichen Block in unserem Land.» Diese Vision sei zentral gewesen – neben Ambrosetti an seiner Seite, der das Projekt «organisationspolitisch» umgesetzt habe. Nach dem Fusionskongress, fügt Rieger bei, habe André Daguet entscheidend zur «Identitätsbildung der Unia» beigetragen. Die Bilder, Aktionen und Botschaften, mit denen die Unia sofort in der Öffentlichkeit präsent gewesen sei, «war weit mehr als nur eine gelungene Geschichte in Corporate Identity, wie sie PR-Firmen produzieren.»

Kein Kampf der Kulturen

Hier die klassenkämpferischen trotzkistischen Kader der GBI, dort die konservativen Smuvler, die seit Jahrzehnten für den absoluten Arbeitsfrieden standen: Wie ging das zusammen?

«Ach», sagt Daguet, «das war in erster Linie ein Scheingefecht der Profikader von GBI und Smuv. Hier haben unsewre Kolleginnen und Kollegen an der Basis sehr rasch gesagt, was Sache ist, nämlich: Höret doch uuf mit däm Scheiss, euch gegenseitig schlechtzumachen. Schnell war klar: Unsere Vertrauensleute waren überwiegend sehr glücklich, dass sie sich endlich in einer grossen, interprofessionellen Gewerkschaft engagieren konnten.»

Daneben gebe es in der Unia selbstverständlich unterschiedliche Kulturen, das habe aber nicht nur mit GBI und Smuv zu tun: Die Kollegen und Kolleginnen aus den verschiedenen Sprachregionen und Branchen hätten unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie ein Arbeitskampf zu führen sei. Diese Vielfalt gehöre zu einer grossen Gewerkschaft, stelle aber hohe Ansprüche an die Leitungsgremien: «Entscheidend ist, dass niemand meint, es gebe für jedes Problem nur einen einzigen Weg zur Lösung. Das führt zu zentralistischen Führungsstrukturen. Und die Unia braucht im Gegenteil noch stärker brachennahe und dezentrale Lösungen, die auf dem Terrain entstehen und demokratisch legitimiert sind.»

Beda Moor, Mitglied der Sektorleitung Industrie der Unia, hat mit Daguet in verschiedenen Funktionen und viele Jahre lang zusammengearbeitet. Er sagt, Daguet diskutiere lieber als dass er befehle, er sei kollegial, aber direkt in der Kritik. Auch wegen seiner grossen politischen Erfahrung sei er ein erfolgreicher Verhandler. Daguets grösste Stärke, so Moor, sei sein klares konzeptionelles Denken, seine Texte hätten immer «von A bis Z eine klare Linie»: «Wenn er auch manchmal etwas chaotisch war in seiner Arbeitsweise, alles in allem: Ich habe schampar gern mit ihm zusammengearbeitet.»

Die vier ersten Unia-Jahre

«Heute gibt es in diesem Land zwei Fahnen, die man kennt: die Schweizerfahne und die Unia-Fahne», sagt Daguet. Die massiven Angriffe der Arbeitgeber auf die Glaubwürdigkeit der Unia, etwa in der Metallindustrie wegen des Streiks bei Swissmetal oder vom Baumeisterverband rund um den neuen Landesmantelvertrag, seien abgewehrt worden: «Dank unserer Stärke werden wir heute im allgemeinen von der Arbeitgeberseite respektiert und haben das Gewicht, das nötig ist, um gewerkschaftlichen Druck aufzubauen.» Manche Arbeitgeber beklagten zwar, dass die Unia nicht so kulant verhandle wie teils ihre Vorgängerinnen. «Aber da müssen wir sagen: zum Glück. Mit der Unia haben wir bewusst eine kämpferische Gewerkschaft gegründet, die wieder mobilisierungsfähig ist und Konflikte austragen kann.»

Freilich sieht Daguet in der Unia auch Baustellen: Zur Frauenförderung zum Beispiel gebe es zwar viele Papiere, aber wenig Fortschritte. «Vor dem Hintergrund der heutigen Arbeitswelt darf es nicht in einigen Jahren wieder heissen, Gewerkschaften seien halt ein reines Männerkonzept.» Dass sich Daguet für die Förderung der Frauen immer wieder eingesetzt hat, bestätigt Doris Jossen, die als persönliche Sekretärin zwischen 1997 und 2007 unter ihm gearbeitet hat: «Ein Superchef» sei er gewesen. Wenn’s darauf angekommen sei, stets zuverlässig und hilfsbereit; durchdacht, in allem was er tat. «Er hat einem das Vertrauen geschenkt, damit man arbeiten konnte – und er ist den Konflikten nie ausgewichen, hat aber stets alle angehört und sich mit guten Argumenten überzeugen lassen.»

Eine Faustregel besagt, dass wirtschaftliche Krisen auch Krisen für die Gewerkschaften seien. Dagegen stellt Daguet fest, dass sich die Mitgliederzahlen der Unia noch nie so erfreulich entwickelt haben wie in den ersten fünf Monaten 2009: «Je besser wir die Gewerkschaftsarbeit auf dem Terrain machen, desto eher gelingt es uns, stärker zu werden – Krise hin oder her.» Gute Gewerkschaftsarbeit sei aber «sicher nicht nur die Strategiearbeit am Schreibtisch».

Es brauche, sagt der Herzblut-Gewerkschafter, der nie ein Apparatschik geworden ist, «den Respekt und die Liebe gegenüber den Kolleginnen und Kollegen: In aller Regel wissen sie draussen in den Sektionen und Betrieben sehr genau, was nötig ist.»

 

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Der Quereinsteiger

Am 1. Juni ist André Daguet 62 Jahre alt geworden. Darum geht er als Gewerkschaftssekretär und Mitglied der ersten Geschäftsleitung der Unia in Pension.

WORK UND MOVENDO. Er ist ein gewerkschaftlicher Quereinsteiger: Ab 1968 hat er an der Universität Bern Soziologie und Politikwissenschaften studiert. 1970 gehörte er zu den Mitbegründern der Schweizer Sektion von Amnesty International, ab 1980 war er deren Zentralsekretär. Von 1986 bis 1996 Generalsekretär der SP Schweiz im «Dreamteam» mit dem Parteipräsidenten Peter Bodenmann. Seit Herbst 1996 Mitglied der Geschäftsleitung der Gewerkschaft Smuv, seit 2000 deren Vizepräsident, zwischen 2005 und 2008 in der Unia-Geschäftsleitung, zuständig für den Sektor Industrie sowie für Kommunikation & Kampagnen, zudem Präsident des Bildungsinstituts Movendo und Verwaltungsratspräsident der Gewerkschaftszeitung «work».

Dass Daguet als Delegierter dieses Verwaltungsrats vorderhand Ansprechpartner der «work»-Redaktion bleibt, freut Chefin Marie-Josée Kuhn: «André Daguet ist einer der Väter und Verteidiger unseres fast schon revolutionären Konzepts einer von Profis und nach journalistischen Kriterien gemachten Gewerkschaftszeitung, die nicht einfach Sprachrohr ihrer Herausgeberin ist. Im gewerkschaftlichen Umfeld eine einmalige Sache!»

Weiterhin aktiv bleibt Daguet als Nationalrat (SP/BE), wo er in der Geschäftsprüfungskommission und neuerdings zudem in der Rechtskommission mitarbeitet. Ob er 2011 zur Wiederwahl antreten wird, lässt er offen.

MEHR ZEIT. Am meisten freut er sich nun auf «mehr Zeitsouveränität». Er, der neben der anfallenden Arbeit bis zu dreissig Termine pro Woche absolviert hat, ist voller Ideen: wieder einmal ein Buch aus dem Büchergestell holen; ins Kino gehen; Ausstellungen besuchen; wieder, wie früher ab und zu ein Ölbild malen; Freunde und Freundinnen treffen, die er aus den Augen verloren hat. Daneben kann er sich das eine oder andere ehrenamtliche Mandat vorstellen – der Vorstand seiner SP-Sektion kann bereits auf ihn zählen.

Aber eigentlich will er’s nun ein bisschen ruhiger angehen: 1998 hat ihn ein Herzinfarkt gelehrt, dass er «nicht unverletzlich» ist.