Work, 15. 5. 2009

«I ha immer gschaffet, gschaffet»

In der Wohnstube hat Robert Ammann eine kleine Ausstellung vorbereitet: Fotos, Broschüren, das Dienstbüchlein, einen Hobel; daneben selbst konstruierte Holzpuzzles aus rundgesägten verschlungenen Einzelstücken. Darüber an der Wand eine Urkunde: Die Gewerkschaft dankt für 76jährige Mitgliedschaft. Unterdessen sind es exakt 80 Jahre: «Ich war im Frühjahr 1929 kaum drei Stunden Lehrbub, als in der ersten Znünipause ein älterer Arbeiter zu mir gekommen ist und gesagt hat, ich sei dann beim Bau- und Holzarbeiterverband eingeschrieben.»

Vom Chlapf bis zum Spargelessen

Schon als Lehrbub gehört Robert Ammann zum Arbeiterturnverein (Satus). Weil er klein, flink und kräftig ist, macht er jeweils zuoberst auf der Männerpyramide den Handstand. An jenem Samstag 1932, als in Aarau das nationale Satus-Turnfest beginnt, hat er am Mittag als Lehrbub nach Arbeitsschluss die Werkstatt zu putzen: Späne, Sägemehl und die ausgespuckten «Schigge» von 26 Schreinern.

Um halb drei ist er fertig. Er steigt auf sein altes Velo mit Vollgummirädern und Karbidlampe, radelt nach Aarau hinunter – wo er zuvor noch nie gewesen ist –, sucht seinen Verein und kommt pünktlich zum Handstand auf der Pyramide. Alles geht gut.

Am Montag ruft ihn der Schreinervorarbeiter, er müsse zum Direktor ins Büro. Der Direktor, ein Hüne und Mitglied des bürgerlichen Turnvereins, schnauzt ihn an, wo er am Samstag gewesen sei. – Ammann: «Mit meinem Verein am Turnfest im Aarau.» – Der Direktor: «Ich will Dir jetzt zeigen, was Du während der Lehre zu tun hast!» Drauf habe er ihm die flache Hand mit solcher Wucht ins Gesicht geschlagen, dass er neben dem Schreibtisch in eine Ecke geflogen sei. Um seine Lehre fertig machen zu können, musste Ammann von da an in der Villa des Direktors regelmässig Garten und Zentralheizung putzen. Aber beim Satus ist er geblieben: Noch mit 48 hat er den Handstand auf der Pyramide gemacht.

Sein langes Arbeitsleben fasst Ammann in einem Satz zusammen: «Loset, dir liebe Lüt, i ha gschaffet, gschaffet.» Und zur Bestätigung schlägt er mit den Fäusten auf den selbstgebauten Stubentisch.

Bei der Firma Injecta AG in Teufenthal (AG), wo er bis 1982 arbeitet, ist der Chef Brigadier im Militär. Als letzte Arbeit bestellt dieser sich von seinem Betriebsschreiner eine «Spezial-Offizierskiste». Ein Mechaniker der Firma macht die Metallbeschläge. Als die Kiste fertig ist, lädt der Chef den Schreiner und den Mechaniker zum Nachtessen ins beste Speiserestaurant weit und breit: «Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Spargeln gegessen. Vorher habe ich gar nicht gewusst, was das ist.» Als die Tafel aufgehoben wird, ist die letzte Regionalbahn heimzu längst weg: «Da hat mich der Generaldirektor mit seinem Auto von Teufenthal nach Hause gefahren.»

Abschied vom eigenen Haus

1948 baut Robert Ammann für seine Familie in Reinach (AG) ein Zweifamilienhaus: «Vom Keller bis unters Dach hinauf: Was Holz gewesen ist, habe ich selber gemacht.» Ein befreundeter Baumeister steht ihm für die erste und die zweite Hypothek ein. «Manchmal habe ich die Nächte durchgearbeitet, um die Schulden abzahlen zu können.» Als er der Bank 1956 den letzten Rest zurückbringt, empfiehlt ihm der Bankbeamte, diese kleine Schuld stehenzulassen und das Geld für seine Familie zu brauchen. «Aber i ha suubere Tisch wöue.»

Als er 2006 eine leere Henniez-Glasflasche in den Keller trägt, stürzt er. Die Scherben zerschneiden seine rechte Hand derart, dass die Ärzte im Aarauer Spital von Hand-Abnehmen sprechen. Ammann kämpft um seine Hand. Drei Operationen. Schmerzen. Heute geht’s wieder. Aber: «Man sieht zwar nicht mehr viel, aber in der Hand drin ist alles kaputt.»

Ohne seine starke Arbeitshand ist das Haus mit dem Umschwung zu viel. Dass er es innert zweier Wochen ausgerechnet an einen jungen Schreiner verkaufen kann, ist nur ein kleiner Trost: «Fünfundsechzig Jahre die gleiche Türfalle drücken und dann gehen müssen. Das ist nicht einfach.» Der Käufer habe ihn schon drei-, viermal eingeladen, sich anzuschauen, wie das Haus jetzt aussehe. Aber er schaffe es nicht hinzugehen, er könne einfach nicht.

Später holt Ammann eine leere Bierflasche und eine Zehnernote aus dem Schrank, schlägt das Tischtuch zurück, streicht die Note auf dem Tischblatt flach und stellt die Flasche mit der Öffnung nach unten mittendrauf: «Wer die Note hervorholt, ohne dass die Flasche kippt, kann sie behalten!» Der Journalist übt. Die Fotografin probiert’s. Ammann schmunzelt. Dann macht’s der 96jährige vor, wie’s geht: mit Köpfchen und ruhiger Hand, statt mit Schwung.

 

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53 Jahre Berufsmann

Geboren 1913, aufgewachsen mit sechs Brüdern und zwei Schwestern in Menziken (AG); der Vater ist Bauarbeiter, die Mutter die beste der Welt. Neben der Schule arbeitet er auf Bauernhöfen, abends rippt zuhause die ganze Familie Tabakblätter aus für die Zigarrenfabriken im Wynental. Ab 1929 vierjährige Lehre als Bau- und Möbelschreiner (Baugeschäft Gautschi, Menziken), wo er bis 1952 bleibt.

Seither Betriebsschreiner bei der Maschinenbaufirma Injecta AG, Teufenthal (AG). Hauptaufgabe: Demonstrationen von Holzbearbeitungsmaschinen an Ausstellungen im In- und Ausland. In den letzten Berufsjahren zusätzlich Stapellagerchef im neuen Hochlager der Firma. 1982, mit knapp 70, geht er in Pension.

Heirat 1938, zwei Töchter und ein Sohn. Seine im Alter chronisch kranke Frau verliert er 1991, eine der Töchter 2003, seine Freundin Ende letzten Jahres. Seit 2006 wohnt er in einer Alterswohnung in Menziken. Die örtliche Spitex hat er wissen lassen, eine Frau könnte er schon brauchen, aber nicht zum Kochen und Putzen. Das macht er selber.

Der Text ist am 4. Juni 2009 im «Wynentaler Blatt» nachgedruckt worden.