Work, 15. 5. 2009

Der Durchbruch kam nach Mitternacht

Diese vier Frauen haben am 30. April und 1. Mai den Streik im SPAR-Tankstellenshop von Heimberg (BE) angeführt: die Verkäuferinnen Katrin Huber, Elsbeth Rufener, Stefanie Stanisz und die Schichtleiterin Madeleine Mischler.

Mit Work reden die vier einige Schritte vom Shop entfernt auf dem Kiesplatz an der Böschung zur Autobahnauffahrt Thun Nord. Sie wollen sich nicht vorwerfen lassen, das SPAR-Areal für Politisches zu missbrauchen. Zudem hat dieser Kiesplatz für sie eine spezielle Bedeutung: Hier stand das Streikzelt.

Doch der Reihe nach.

SPAR spart beim Personal

Am 16. August 2008 hat der Shop, zu dem sechs Tamoil-Zapfsäulen gehören, wieder einmal den Eigentümer gewechselt. Zum fünften Mal in zehn Jahren. Diesmal geht er von der Produits Alimentaires SA (PAM) an die SPAR-Gruppe Schweiz über. Sämtliche Angestellten erhalten eine Änderungskündigung und müssen sich neu bewerben. Von den 32 PAM-Angestellten erhalten noch 22 einen SPAR-Vertrag mit schlechterem Stundenlohnansatz. (Die vier späteren Streikführerinnen verdienen seither brutto zwischen 17.70 und 21.20 Franken pro Stunde).

Trotz dem Abbau beim Personal bleibt das Angebot des Shops das gleiche. «Das Resultat war sofort grosser Stress und massive Überstunden», sagt Elsbeth Rufener. Zwischen August und April werden hier 1182 Überstunden geleistet. Diese werden ohne den Überzeitzuschlag von 25 Prozent vergütet. Wegen des massiven Arbeitsdrucks kommt es vermehrt zu krankheitsbedingten Ausfällen: Es entsteht ein Teufelskreis. Katrin Huber: «Wir waren alle am Limit. Als es darum ging, mich zu wehren, habe ich mich gefragt: Was, wenn ich die Kündigung erhalte? Ich sagte mir: Das wäre mir immer noch lieber, als so weiterzuarbeiten.»

Elsbeth Rufener hat als erste gehandelt. Nach fruchtlosen Gesprächen mit ihren Vorgesetzten geht sie zur Unia in Thun. Schnell wird klar: Die Probleme betreffen nicht nur sie, sondern alle SPAR-Angestellten in Heimberg. Es geht um Überzeit und ihre Bezahlung, um den Minimallohn, um die unklare Arbeitszeitkontrolle, um die Verrechnung ärztlich bescheinigter Krankentage mit der Überzeit, um die Richtlinien des kantonalen Normalarbeitsvertrags für den Detailhandel.

Weitere Gespräche mit SPAR-Vertretern verlaufen immer wieder gleich. Madeleine Mischler: «Man hat uns gesagt: Wenn eine Verkäuferin Probleme habe, dann regle man den Einzelfall. Eine Gesamtlösung brauche es nicht.» Zunehmend frustriert unterzeichnen sämtliche Festangestellten eine Handlungsvollmacht für die Unia. (Eine Kollegin zieht ihre Unterschrift später unter privatem Druck zurück.)

Die entscheidende Woche

Eine neue Verhandlungsrunde findet am 24. April statt: Mit dem Personalchef und dem Geschäftsführer von SPAR verhandelt neben der Delegation des Shop-Personals nun auch Judith Venetz (Sektor Tertiär, Unia Berner Oberland). Wieder kommt man keinen Schritt weiter. Die Unia geht deshalb mit einer Medienmitteilung an die Öffentlichkeit. SPAR spricht im Gegenzug von einem Rückenschuss während der laufenden Verhandlungen.

Am 28. April lässt SPAR eine Verhandlungsrunde platzen, bietet aber tags darauf die Verkäuferinnen per Mail kurzfristig zu einem Gespräch ohne Gewerkschaft auf. Als trotzdem auch die Unia-Vertreter rechtzeitig zum Gespräch eintreffen, zieht die SPAR-Delegation unverrichteter Dinge ab. Jetzt reicht’s. Am Abend dieses Tages alarmiert ein Rundtelefon die Verkäuferinnen: Ab Morgen wird gestreikt!

30. April: Streikbeginn ist um 5.00 Uhr früh. Die Unia hat in der Nacht das Streikzelt aufgebaut und unterstützt die Verkäuferinnen weiterhin. Die Polizei schaut vorbei. Securitas-Angestellte versuchen, den Streik zu beenden. Kolleginnen aus einer anderen SPAR-Filiale werden als Streikbrecherinnen nach Heimberg geführt. Madeleine Mischler: «Wir standen in den Türen und haben ihnen gesagt: ‘Wir lassen euch nicht hinein!’ Sie haben gesagt, sie hätten den Auftrag von SPAR, hier zu öffnen. Sie sagten aber auch: Sie seien zwar nicht unserer Meinung, wollten aber nicht unseren Streik brechen. Schliesslich sind sie gegangen.»

1. Mai: Der Streik dauert an. Sämtliche Streikenden haben zu Hause per eingeschriebener Post eine Kündigungsandrohung im Briefkasten. Vor dem Mittag verstreicht ein weiteres Unia-Ultimatum. Kurz darauf dann endlich Bewegung: neue Verhandlungsrunde ab 16.00 Uhr in Zürich. Die vier Streikführerinnen hasten zusammen mit Udo Michel, dem Leiter der Unia Berner Oberland, und Unia-Frau Venetz auf den Zug. Später stösst zur Verstärkung Roman Burger von der Unia Zürich dazu.

Die Verhandlungen im Hotel «Radisson Blu» am Flughafen Zürich ziehen sich in den Abend hinein. Die SPAR-Vertreter jonglieren mit Zahlen, behaupten, man müsse sofort schliessen, wenn man auf die Forderungen eintrete. Burger rechnet nach und wird resolut: Er habe es nicht gern, wenn er mit falschen Zahlen für dumm verkauft werde. Stefanie Stanisz: «Da hat’s gekehrt. Ab da sind die SPAR-Vertreter ein Stück weit kooperativ geworden.»

Ein gutes Team

Der Durchbruch gelingt schliesslich nach Mitternacht. Später reisen die vier Streikführerinnen ins Berner Oberland zurück: «nudlefertig», aber erleichtert und ein bisschen stolz. Am Samstagmorgen stehen sie im Streikzelt vor ihren Kolleginnen und stellen die Verhandlungsergebnisse vor (siehe Kasten)). Die Zustimmung ist einstimmig. Der Streik wird abgebrochen. Seit dem 3. Mai läuft der Betrieb in Heimberg wieder normal.

Für Udo Michel ist klar: «Mit diesem Streik hat die Unia bewiesen, dass man auch in ländlichen Regionen und sogar im Detailhandel erfolgreich streiken kann – vorausgesetzt, Vertrauen und Zusammenarbeit stimmen und die Gewerkschaft ist wirklich vor Ort.» Und Elsbeth Rufener sagt: «Wir waren hier im Shop schon bisher ein gutes Team. Aber diese Erfahrung hat uns noch mehr zusammengeschweisst.»

 

[Kasten 1]

Das hat der Streik gebracht

 

• SPAR schafft zwei zusätzliche Vollstellen für den Tankstellenshop Heimberg.

• Die bisherigen Überstunden werden mit einem Zuschlag von 25 Prozent ausbezahlt; Schutzmassnahmen sollen künftig übermässige Überstunden verhindern.

• Der Mindestlohn wird auf 3900 Franken für Ungelernte resp. 4200 Franken für Gelernte festgelegt (für einzelne Angestellte bedeutet das eine Lohnerhöhung um 700 Franken).

In Bezug auf die Arbeitszeitkontrolle und die Verrechnung von Krankheitstagen wird nachverhandelt.

 

[Kasten 2]

Grosskonzern SPAR

 

Die Lebensmittelkette SPAR wurde 1932 in Holland gegründet und betreibt heute 13’600 Supermärkte in 33 Ländern. Gesamtumsatz: 43 Milliarden Franken pro Jahr.

 Die SPAR Gruppe Schweiz ist eine Holding aus Handels-, Management- und Immobilienunternehmen. In der Schweiz gibt es 155 SPAR- und EUROSPAR-Märkte, dazu kommen acht TopCC- (Cash & Carry-) Abholmärkte. Gruppenumsatz 2008: 957 Millionen Franken. SPAR beschäftigte 2008 1'700 Mitarbeitende (in Vollzeiotstellen umgerechnet). Laut Website lautet das Erfolgsgeheimnis der SPAR-Gruppe Schweiz: «Leidenschaft für Lebensmittel.»