Work, 30. 4. 2009

«Wir brauchen hier keinen Chef»

Brauerstrasse 121 in Zürich, ein fünfstöckiger Wohnblock, in dem Küchen und Bäder saniert werden: Im fünften Stock schleift Remo Meier an der alten Ölfarbe der Balkontür; in der Küche des dritten baut Gaetano Montemarano mit Vollgipsplatten eine Verkleidung für die Wasserleitungen; im WC des Hochparterres schneidet Stefan Neidhart mit dem Teppichmesser eine Bauplatte aus Gipskarton zu.

Meier ist fest angestellter Maler, der Gipser Montemarano arbeitet temporär, Vorarbeiter Neidhart ist Verwaltungsratsmitglied der Firma: Bei der Gipser- und Malergenossenschaft Zürich (GMGZ) arbeiten 25 Genossenschafter zusammen mit rund 25 Angestellten und – von Fall zu Fall – mit temporären Kollegen zusammen. «Einen, der den Chef spielt, brauchen wir hier nicht», sagt Neidhart, «wir diskutieren die Probleme, dann entscheiden wir, und dann wird’s so gemacht.»

Sozial und erfolgreich

Peter Mächler ist bei der GMGZ Geschäftsführer Malerei. Zusammen mit Manuel Rupff, dem Geschäftsführer Gipserei, leitet er das Tagesgeschäft. «In vielem sind wir eine normale Firma», sagt er. «Auch wir müssen uns auf dem freien Markt behaupten und versuchen, einen Gewinn zu erwirtschaften.»

Eine «ganz normale Firma» also? Nicht ganz:

• Fällt Gewinn an, geht er nicht an die Aktionäre wie in einer AG, sondern in die Reserven der Genossenschaft oder – vom Geschäftsleiter bis zum Lehrling – gerecht verteilt an alle Mitarbeitenden.

• Die Reserven dienen zum Beispiel dazu, schwache Jahre zu überbrücken, ohne Entlassungen aussprechen zu müssen. Überhaupt wird nicht gleich entlassen, wer die Arbeitsleistung (noch) nicht erbringt. Mächler: «Bei uns erhält jeder, der mitarbeitet, eine zweite Chance».

• Alle Löhne liegen über den Minimalansätzen des Gesamtarbeitsvertrages, sind im Vergleich zu anderen Firmen weniger stark gestuft, weisen aber Lohnkomponenten auf (Mitgliedschaft in der Genossenschaft, Dienstalter, Leistung/Verantwortung).

• Seit 1936 verfügt die GMGZ über eine eigene Pensionskasse. Die Firma kommt zu 60 Prozent für die Beiträge ihrer Mitarbeitenden auf.

• Seit 1952 gibt es zudem eine Fürsorgestiftung, die seit 2007 in die Firmenpensionskasse integriert ist. Weiterhin dient sie aber dazu, mit Zuschüssen Krisen und Schicksalsschläge einzelner Kollegen zu überbrücken.

Und trotz all dieser Zusatzkosten funktioniert die GMGZ? Allerdings. Im Februar ist sie hundertjährig geworden, und das Geschäft läuft gut, insbesondere der Bereich der Gipserei ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Wirtschaftskrise meldet sich erst an: Der Arbeitsvorrat und die Zahl der Offerten werden kleiner; der Preisdruck nimmt zu; Aufträge werden auf unbestimmte Zeit zurückgestellt.

Die Knackpunkte

Der interne Knackpunkt: Oberste Instanz der Produktivgenossenschaft ist die Generalversammlung der Genossenschafter, darunter steht der Verwaltungsrat, darunter die Geschäftsleitung (die im Verwaltungsrat beratend Einsitz hat), darunter stehen die Maler und Gipser. Der Verwaltungsrat besteht jedoch bis auf ein Mitglied aus Genossenschaftern. Viele der Gipser und Maler, die nach den Anweisungen der Geschäftsleitung arbeiten, sind also Verwaltungsräte, nach deren strategischen Weisungen die Geschäftsleitung arbeitet. Anders gesagt: Arbeitende und Geschäftsleitende sind einander übers Kreuz vorgesetzt und unterstellt. Das führt zu Problemen: Dass im Verwaltungsrat die Perspektive des Arbeitsalltags auf den Baustellen dominiert, jene des sich verändernden Marktes jedoch weitgehend fehlt, macht die Sache nicht einfacher.

«Wir wollen deshalb», sagt Mächler, «vermehrt Externe im Verwaltungsrat mitarbeiten lassen – Branchenkenner, Finanzexperten –, um bestmögliche Antworten zu finden auf die Frage: Wie muss sich die GMGZ weiterentwickeln, damit sie sich ihre sozialen Strukturen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch leisten kann?» Es ist aber vorgesorgt, dass die Reform nicht aus dem Ruder läuft: Die Mehrheit der Verwaltungsratssitze soll laut Statuten weiterhin aus der Genossenschaft besetzt werden.

Der externe Knackpunkt: Heute muss sich die GMGZ auf dem freien Markt behaupten. Das Solidaritätsnetz, das noch bis vor zehn, fünfzehn Jahren zum Beispiel Produktiv- und Baugenossenschaften gegenseitig verbunden hat, ist zerrissen. Mächler: «Auch für Baugenossenschaften gilt heute meistens: Die günstigste Offerte ist die beste.» Die GMGZ arbeitet wegen der besseren Löhne und Sozialleistungen mit höheren Selbstkosten. Ein klarer Nachteil bei der Akquisition von neuen Aufträgen.

Gegen dieses Handicap kämpft Mächler mit zwei Argumenten: «Zum einen», sagt er, «gibt es unsere Firma seit hundert Jahren, und es wird sie auch in den nächsten Jahren geben. Wir garantieren also Kontinuität, was in unserer Branche nicht selbstverständlich ist.» Andererseits könne man die Qualität einer überdurchschnittlichen Arbeitsleistung garantieren, denn: «Wir können bei Anstellen neuer Mitarbeiter auswählen.»

Kein Wunder, dass Gaetano Montemarano, der an der Brauerstrasse 121 die Gipsverkleidung hochzieht, sagt: «Ich könnte mir auch vorstellen, als Festangestellter für die GMGZ zu arbeiten.» Er ist vor zwei Wochen als Temporärer zum Team gestossen, nachdem sein bisheriger Arbeitgeber, für den er zwanzig Jahre gearbeitet hat, Konkurs gegangen ist.

 

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Hilfe zur Selbsthilfe auch bei der Büez

Es gibt nichts zu beschönigen. Auch wenn die Maler- und Gipsergenossenschaft Zürich (GMGZ) eine Erfolgsgesichte ist – die Genossenschaftsbewegung ist in der Krise. Noch in diesem Jahr soll der Verband genossenschaftlicher Bau- und Industriebetriebe aufgelöst werden. Seit vielen Jahren ist er geschrumpft, weil Genossenschaften Konkurs gegangen oder in Aktiengesellschaften umgewandelt worden sind. GMGZ-Geschäftsführer Peter Mächler, selbst Präsident der Zürcher Sektion, sagt: «Früher war der Verband ein Netzwerk. Tipps gingen hin und her, Aufträge wurden vermittelt. Heute bringt er nichts mehr.» Ein Vierteljahrhundert neoliberale Propaganda hat auch in der Genossenschaftbewegung die Werte zerstört, die die Arbeiterschaft vor langer Zeit erkämpft hat.

Auslaufmodell? So gesehen steht die Genossenschaftsbewegung vor dem Ende. Trotzdem sind Produktivgenossenschaften kein Auslaufmodell, sagt Peter Mächler: «So wie es heute aussieht, stehen wir vor einer gröberen Krise. Produktivgenossenschaften sind aber vor allem in Krisenzeiten entstanden. In solchen Zeiten ist der Genossenschaftsgedanke der Hilfe zur Selbsthilfe auch in der Arbeitswelt besonders wichtig.» Gut möglich also, dass wir heute nicht vor dem Ende, sondern vor einem neuen Aufschwung der Genossenschaftsbewegung stehen.

Erfolgsmodell! Weil die GMGZ am 14. Februar 2009 100jährig geworden ist, sitzt zurzeit der ehemalige Mitarbeiter Klaus Wiget über dem Firmenarchiv. Seine Recherchen belegen an Dutzenden von Beispielen, dass die Maler- und Gipsergenossenschaft Zürich über all die Jahre eine fortschrittliche und soziale Arbeitgeberin gewesen ist. 100 Jahre GMGZ beweisen: Wer hinter den Fabriktoren ein bisschen mehr Demokratie zulässt, kann sehr wohl erfolgreich und sozial geschäften!

Zukunftsmodell. Die Arbeiterbewegung hat die Praxis von Produktivgenossenschaften erprobt. Die Alternativbewegung nach 1968 versucht, solche Genossenschaften selbstverwaltet zu führen. Auf diese vielfältigen Erfahrungen kann man heute zurückgreifen. Selbstverwaltetes Arbeiten könne «nur in der Praxis geübt werden. Was die Gefahr des Scheiterns einschliesst.» (WOZ 13/2009) Aber neue Versuche können auch gelingen. Gerade in Zeiten der Krise.