Erstveröffentlichung, 1. 1. 2017

Was steht am Ende der Aufklärung?

 

«Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb.» (Max Frisch)

Jeweils im November fahre ich einmal mit dem Zug nach Langenthal, um zu Fuss ins Nachbardorf zu gehen und dort das Grab meiner Eltern zu besuchen. Das ist mein «Totensamstag». Vor allem im Spätherbst beschäftigt mich deshalb jeweils meine Herkunft und der brüchige Weg, den ich seither gegangen bin. In den letzten Wochen kam ein Zweites hinzu: Ich habe Didier Eribons Buch «Rückkehr nach Reims» gelesen. Darin zeichnet er seinen Weg nach, der ihn aus einem kommunistisch wählenden Arbeitermilieu in Reims nach Paris führte und zum Soziologieprofessor werden liess. Während das Milieu seiner Herkunft unterdessen den Front national wählt, ist er ein Linker geblieben. Er gehöre, schreibt er deshalb, «zwei verschiedenen Welten» an. Die «Melancholie», die sich daraus ergebe, erwachse aus einem «gespaltenen Habitus». (S. 12)

Betroffen gemacht hat mich beim Lesen eine biografische Parallele: Eribons Weg führte wie meiner aus der Provinz in die Stadt, aus einem bildungsfernen Milieu an die Areale der Gelehrtheit heran. Während er auf diesen Arealen angekommen ist, habe ich das nicht geschafft. Trotzdem schien mir beim Lesen, dass eine ganze Reihe von Sätzen dieses Textes wörtlich auch meinen Weg beschreibt. Dass ich das Buch schliesslich ein bisschen befremdet weglegte, liegt am Schlussabschnitt: «Heute bin ich Professor», schreibt Eribon dort: «Als ich meiner Mutter erklärte, dass man mir eine Stelle angeboten hatte, fragte sie ganz gerührt: ‘Und was für ein Professor wirst du, Philosophie?’ ‘Eher Soziologie.’ ‘Soziologie?’, erwiderte sie, ‘hat das was mit der Gesellschaft zu tun?’» (S. 240) Für mich heisst diese Episode: Der Mutter als bildungsfernem Dummerchen steht hier der Autor als überlegen lächelnder Genesener gegenüber. Mit dem Gewicht der Schlusspointe sagt Eribon in meiner Lesart, es sei ihm schliesslich gelungen, seinen «gespaltenen» durch einen «ausgewechselten» Habitus zu ersetzen.

Aber geht das überhaupt? Meine Lebenserfahrung ist eine andere: Der Habitus spaltet sich ja wegen der Hybris, gegen die eigene Herkunft einen Lebensentwurf verfolgen zu wollen, der so nicht vorgesehen ist. Verfolgt man ihn trotzdem, ist der Preis dafür später das Wissen, nirgendwo angekommen zu sein. Für mich ist das ein wichtiger Grund für die Melancholie, die Eribon erwähnt. Sie hat im Übrigen nicht nur Nachteile: Zurzeit macht mich zum Beispiel das Wissen, als Linker zwar weiterhin auf dem Weg, aber nicht angekommen zu sein, offen für Neues.

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Schon vor einigen Wochen habe ich in einem anderen Buch einen ebenfalls befremdlichen Abschnitt gelesen. In «Die Chaoskönigin» schreibt Diana Johnstone, die «europäische Linke» sei vom Neoliberalismus besiegt worden und habe als «Trostpreis» die Funktion erhalten, mit erhobenem moralischem Zeigefinger «die ideologische Hegemonie im emotionaleren Bereich der menschlichen Beziehungen, besonders dem der ‘Menschenrechte’» mit den «Konzepten Multikulturalismus, Sorge um Minderheiten und Antirassismus» zu hüten (S. 58). Unterdessen bin ich überzeugt, dass sie recht hat: Was eine ungenügende ökonomische Basis hat, wird von den tatsächlichen Machtstrukturen instrumentalisiert und in der Tendenz dazu gebracht, das Gegenteil zu bedeuten von dem, was vermeintlich gesagt wird.

Allerdings ist «europäische Linke» für mich ein zu grosses Wort. Heruntergebrochen auf meinen Wahrnehmungshorizont war die «Linke» in der Deutschschweiz seit 1980 übers Ganze gesehen eine elitär-schöngeistige Veranstaltung. Der kanonisierte linke Diskurs wurde von akademisch geschulten Fachleuten geprägt und gesteuert. Wer ernstzunehmend links sein wollte, hatte diesen Diskurs zu beherrschen oder als Quereinsteiger aus diskursfernem Milieu lernend zu schweigen. So einer war ich, und damit ist auch gesagt, dass ich ein reflexiv abgefederter Ressentimentträger bin gegenüber jedem sich links dünkenden akademischen Dünkel.

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Abgesehen davon lautet meine These tatsächlich: Seit 1968 ist der kanonisierte linke Diskurs zunehmend akademisiert worden. Die geisteswissenschaftlichen Disziplinen wurden – auch aus meiner Sicht zu Recht – imprägniert mit dem aufklärerischen Universalismus der Gleichwertigkeit aller Menschen, unabhängig von nationalen, ethnischen, geschlechtlichen oder anderen Gruppenzugehörigkeiten. Ein objektivierter aufklärerischer Diskurs sollte allen Menschen chancengleich den Ausgang «aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit» (Kant) garantieren. Durch Versöhnung der Wissenschaftlichkeit mit der Aufklärung wurde erstere «fortschrittlich» und letztere «objektiv» – und nur wo diese Alchimie als intellektuelle Initiation nachvollzogen worden war, war der ernstzunehmende linke Diskurs möglich. Entsprechend ist seit den 80er-Jahren die nichtakademische Linke in der Deutschschweiz ausser bei Abstimmungen, Wahlen und Demonstrationen irrelevant geworden. Seither schreibt die akademische Linke gelehrte Studien darüber, warum «die Arbeiter» ins Milieu der Rechtsnationalen abwandern, und manchmal hört man sie sich wundern über so viel verstockte Borniertheit.

Was ist schief gelaufen? Die Universitäten wurden nach 1968 nicht zu wachsenden Inseln des demokratischen Sozialismus qua besserer Einsicht, sondern zu Produktionsstätten eines neuen, normalisierenden Herrschaftsdiskurses, von denen die europäische Geschichte insbesondere zwei kennt: Der juristische Herrschaftsdiskurs hat die Macht, über Kriminalisierung Normalität zu erzwingen, der psychiatrisch-medizinische tut das Gleiche mittels der Macht zur Pathologisierung. Zum dritten Herrschaftsdiskurs wurde seither der geisteswissenschaftlich-aufklärerische mit der Normalisierungsmacht der delegitimierenden Moralisierung.

Diese Macht sagt: Du redest falsch! In einfachen diskursstörenden Fällen heisst das: Du bist inkompetent oder dumm. Ansonsten bedeutet er: Du bist Rassistin, Sexist oder Schlimmeres. Diese sprachpolizeiliche Moralisierung des gesellschaftspolitischen Diskurses wird in der Öffentlichkeit (wenn nicht gleich die Antirassismusstrafnorm bemüht wird) mit eben jener paternalistischen Süffisanz exekutiert, mit der sich Eribon von seiner Mutter verabschiedet. Kurzum: Die Machtausübung im Bereich der delegitimierenden Moralisierung ist das, was Diana Johnstone als «Trostpreis» für die «europäische Linke» bezeichnet hat.

Würde Michel Foucault seine beiden grossen Bücher über die gesellschaftlich normalisierende Zurichtung der Menschen heute schreiben, würden sie unter dem Eindruck der sozialtechnologischen Vorfeldkontrolle dieses dritten Herrschaftsdiskurses wohl anders heissen – und ein dritte Band wäre nötig: «Überwachen und Strafen» würde zu «Sozialtechnologisch steuern, überwachen und strafen». «Wahnsinn und Gesellschaft» würde erweitert zu «Devianz, Wahnsinn und Gesellschaft». Und der dritte Band hiesse: «Aufklärung als sprachpolitische Waffe der Herrschaft».

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Es liegt mir fern, mich von meiner eigenen Geschichte zu distanzieren. Ich schliesse bloss nicht mehr aus, dass trotz dem aufrichtigen Bemühen von vielen, von denen ich stolz bin, auch einer gewesen zu sein, etwas fundamental falsch gelaufen ist.

Offenbar ist Aufklärung mehr und anderes als ihre diskursive Objektivierung durch alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen hindurch. Wer sich um Aufklärung bemüht, um aufgeklärt zu sein, ohne sich auch darum zu bemühen, aufklärend zu sein, ist noch nicht aufgeklärt. Aufgeklärt ist nur, wer aufklärend wirkt. Aufklären aber kann man nur auf gleicher Augenhöhe. Aufklärung, die nicht von unten aus kynischer Perspektive spricht, ist schnell nichts anderes als zynische Vernunft von oben – als Ausdruck «reflexiv abgefederten falschen Bewusstseins» (Sloterdijk). Wie aufklärend geredet werden kann in einer Gesellschaft, in der ausserhalb des Marktes jeder Echoraum erstirbt und innerhalb des Marktes niemand reden wird, der nicht lohnabhängig (also mit Verlaub «gekauft») ist, ist eine ungelöste Frage.

Der Zynismus der akademischen «Elite», wie sie modischerweise beschimpft wird, ist dabei nicht, dass sie Falsches sagt, sondern dass sie das Richtige zum Dogma erhoben hat, von dessen monopolisierter Exegese sie im Industriezweig von Forschung und Lehre auf allen Stufen zwar nicht üppig, aber doch sehr anständig lebt. Aufklärend wäre aber nur, wer den Menschen, der vom «falschen» Argument überzeugt ist, auf dem Weg zum «richtigeren» ohne Besserwisserei begleiten würde. Auch Überzeugung ist ein Prozess, kein Produkt. Und was am Ende des Prozesses resultieren mag, ist nicht von vornherein klar.

Wenn mir jemand seine «Wahrheit» als Ware verkauft, habe ich das Recht, nach dem Preis zu fragen. Wird mir als Preis die Abhängigkeit von einem elaborierten Soziolekt genannt, den ich weder reden noch innert nützlicher Frist erlernen kann, so lehne ich diese «Wahrheit» als Nötigung zu jener selbstverschuldeten Unmündigkeit ab, die Kant durch Aufklärung überwinden will. Heute gibt es zu viele, die als selbsternannte Bischöfe der säkularen Aufklärungskirche der Meinung sind, im Interesse ihrer «Wahrheit» sei es nötig, die Mehrheit der Falschredenden zum Verstummen zu bringen.

In der Diskussion nach seinem Vortrag «Der Neoliberalismus und das Ende der Demokratie» ist der Psychologe und Kognitionsforscher Rainer Mausfeld im April 2016 in Aachen nach einer entsprechenden Frage aus dem Publikum auf die Tradition der «autoritären Linken» zu sprechen gekommen (vgl. hier, ab 1.31.30 ff.). Sie sei, sagte er, für das «linke Projekt eine grosse Gefahr» und man müsse sich fragen: «Wie kann man verhindern, dass die [linken, fl.] Eliten diesen Wissensvorteil wieder zum eigenen Vorteil nutzen? Darum müssen alle diese Dinge rechenschaftspflichtig nach unten bleiben.» Zwar stimmt: Mausfeld hatte, wie er in einem Nebensatz erwähnte, die historische leninistische Elite im Auge, die sich «verselbständigt» habe. Immerhin sollte die These geprüft werden, ob die autoritäre Linke in einer historisch späteren Phase unter den Bedingungen der Verkleinbürgerlichung im Wohlfahrtsstaat wiedergekommen ist. Und zwar ganz im Sinn der Marxschen Sentenz: «Hegel bemerkt irgendwo, dass alle grossen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andre Mal als Farce.»

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1986 hat Max Frisch die Rede anlässlich seines 75-sten Geburtstags unter den Titel gestellt: «Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb». Kein glücklicher Titel. Das goldene Kalb steht ja bekanntlich im zweiten Buch Mose, Vers 1 fortfolgende und damit vor jeder Aufklärung. Aufklärung stand, seit es das Wort gibt, stets gegen das goldene Kalb und tut dies weiterhin. Wichtiger wäre es deshalb, heute festzuhalten: Am Ende der Aufklärung steht das von einer Elite monopolisierte Dogma ihres fehlerfreien Diskurses.

Mit seiner Geschichte hat mir Didier Eribon eine Lektion erteilt. Mit seinem abschliessenden Bekenntnis zum ausgewechselten Habitus des Angekommenen in der Elite der Aufgeklärten allerdings hat er mich gewarnt. Ankommen könnte Verrat sein an dem, was man zu sagen vermeint. Der Weg durchs Unwegsame muss das Ziel bleiben – nicht nur, wenn ich vom Bohärdli her manchmal querwaldein durchs Moos hinunter in die Buchägerten gehe dem Friedhof zu.