Erstveröffentlichung, 1. 12. 2016

Der Adelbodenbuch-Prozess

Am 25. November 2016 fand im Parkhaus Adelboden im Rahmen der dreitägigen Gewerbeausstellung eine Buchvernissage statt. Vorgestellt wurde das «Adelbodenbuch 2», das zusammen mit dem in dritter Auflage neu gedruckten «Adelbodenbuch» von Alfred Bärtschi (1934 – jetzt heisst es «Adelbodenbuch 1») im Schuber gekauft werden kann. Herausgeberin ist die Gemeinde Adelboden.

Weil ich an diesem Projekt zusammen mit Christian Bärtschi und Toni Koller als Co-Redaktor mitgearbeitet habe, nahm ich an dieser Vernissage nicht nur teil, sondern ergriff – wie meine beiden Redaktionskollegen – das Wort. Ich liess den anderthalbjährigen, zunehmend intensiven Arbeitsprozess mit 18 in Adelboden wohnhaften und/oder gebürtigen AutorInnen kurz Revue passieren und sprach allen, die mit mir zusammengearbeitet haben, meinen Dank aus. In meiner Rede würdigte ich die Projektarbeit als kulturellen Prozess und schloss, dieser sei «viellech uf en angeri Art grad so wärtvou wie das, was drbii itz isch usecho. Nid nume das zwöiten Adelbodebuech, ou dr Prozäss, wo drzue gfüert het, het öppis mit Kultur ztüe. I säuber bi sogar drvo überzügt, dass Kultur, wome zäme macht, stercher würkt aus Kultur, wome nume zäme konsumiert.»

Ich weiss nicht, ob man mich verstanden hat. Ich redete ungefähr in der Mitte des niedrigen, fensterlosen, sicher hundertfünfzig Meter langen leergeräumten dritten Stocks im Adelbodner Parkhaus, in und neben ein Mikrofon, mitten im regen Treiben der Gewerbeausstellung, zwischen Marktständen und Restaurationsbetrieben, auf einem fünfzehn Zentimeter hohen Podest, umstanden von einer aufs Ganze gesehen kleinen Traube von knapp hundert Leuten, die sich für diese Vernissage interessierten.

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Das Argument von der Bedeutung jener Prozesse, die zu kulturellen Manifestationen führen, habe ich bemüht, weil der Antagonismus zwischen Kultur von oben und Kultur von unten für mich in letzter Zeit wieder wichtiger geworden ist. Bemüht habe ich es aber schon 1995, im Typoskript «Ur-Begert», aus dem dann das Buch «Begerts letzte Lektion» (1996) entstanden ist. Dort versuchte ich einleitend das kulturelle Phänomen zu fassen, von dem anschliessend die Rede sein sollte. Ich nannte es «Subkultur» und definierte diese «als Rückeroberung eines Kulturbegriffs, der etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat und als Versuch, geistige und materielle Räume in Besitz zu nehmen, in denen dieses eigene Leben stattfinden könnte; ‘Subkultur’ nicht als Produkt, sondern als Prozess». (S. 6) Im gleichen Text würdigte ich abschliessend die kulturelle Leistung des Protagonisten so: Begert habe es verstanden, «eine Gruppe idealistisch gesinnter, junger Leute für ein Kulturverständnis zu begeistern, das statt Konvention, Kommerz und Kunst zuallererst den Aufbruch zum unbekannten, besseren Leben meint – Kultur nicht als Produkt, sondern als Prozess». (S. 223) 1998 dann schrieb ich für eine Buchanthologie zur Berner Reitschule den Aufsatz «Die Kunst, den Aufbruch zu verteidigen». Darin charakterisierte ich «Subkultur» in fünf Punkten, wovon der erste lautete: «Der Aggregatszustand von Subkultur ist ‘flüssig’, nicht ‘fest’; ist Bewegung, nicht Materie; ist Prozess, nicht Produkt»: «Der Prozess ist gerade das, was in dem, was übrigbleibt, nicht mehr vorhanden ist; er ist das Schmiermittel der Maschine, nicht das, was sie produziert.»

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Aus der Sicht eines «urbanen Linken», der ich geworden bin, war mir das touristische Bergdorf Adelboden bisher vor allem ein Ärgernis, weil es bei Abstimmungen regelmässig als eine der konservativsten Gemeinden im Kanton Bern auffiel (neben dem in jenem Kantonsteil üblichen WählerInnenanteil von 45-50 Prozent für die SVP, kommen in Adelboden, das zum freikirchlichen «Bibelgürtel» des Kantons gehört, noch rund 20 Prozent für die EDU dazu).

Jetzt aber erlebte ich in Adelboden, wie ich auf Augenhöhe mit Einheimischen in einen spannenden kulturellen Prozess einbezogen wurde – oder genauer: in eine weitere Episode jenes Prozesses, der in diesem Dorf über die kontinuierliche Pflege der lokalhistorischen Tradition seit Generationen kulturelle Identität schafft. Seit dem 19. Jahrhundert arbeitete hier eine ganze Reihe von Chronisten; seit 1947 erscheint zudem jedes Jahr eine Ausgabe des «Adelbodmer Hiimatbriefs» mit neuen lokalhistorischen Beiträgen; das Dorfarchiv hütet neben vielem anderen die Nachlässe der beiden bedeutendsten Lokalhistoriker des 20. Jahrhunderts, Alfred Bärtschi und Jakob Aellig. Mit dem Projekt, Bärtschis Adelbodenbuch fortzuschreiben, stellten wir uns in den Dienst dieses Prozesses.

Am Anfang des Adelbodenbuch-Projekts stand nicht die Empfehlung einer von oben eingesetzten Expertenkommission, sondern die Anregung Christian Bärtschis aus dem Kreis des Dorfarchivs. Als gebürtiger Adelbodner hatte er nach der Absolvierung des Berner Lehrerseminars Muristalden in Argentinien gearbeitet, dann in Bern ein Kinderheim geleitet und schliesslich als Sekretär des kantonalen Heimverbands geamtet. Seither engagiert er sich in Adelboden stark für die chronistische Tradition und veröffentlicht Erzählungen in seinem Dialekt («Ds Nieseliecht», 2014; «Ä Welbi», 2015). Ich kannte ihn, weil er mich bei meinem Begert-Buch mit viel Hintergrundinformationen zur anthroposophischen und panidealistischen Reformpädagogik unterstützt hatte und wir seither freundschaftlich im Gespräch geblieben sind.

Für die Mitarbeit am Adelbodenbuchs 2 habe ich auch deshalb zugesagt, weil mich an der Idee überzeugte, dass sie «von unten» kam und nicht das Schöne oder das Unterhaltende an der kulturellen Arbeit ins Zentrum stellte, sondern das Notwendige. Als Redaktion begannen wir im Frühsommer 2014 mit der inhaltlichen Planung des Bands 2, ein halbes Jahr später, am 28. November, ermöglichte die Adelbodner Gemeindeversammlung mit einem Bruttokredit von 150'000 Franken das Projekt (und mit einem Kostendach von 40'000 Franken meine Arbeit).

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Seither bearbeitete ich (unterstützt von Toni Koller) die Beiträge redaktionell (drei von rund fünfzig schrieb ich selber) und garantierte die meist per E-Mail geführte Kommunikation mit den AutorInnen, mit der Gemeindeverwaltung sowie mit der Layoutabteilung und dem Koordinator der Druckerei. Was mich in diesen Monaten beeindruckte: Obschon alle AutorInnen bloss für eine symbolische Spesenpauschale arbeiteten, hielten sie Abmachungen mit strenger Zuverlässigkeit ein; nahmen die Kritiken und Anregungen mit grosser Ernsthaftigkeit entgegen; akzeptierten die nötigen redaktionellen Eingriffe (oft Straffungen, Kürzungen von Aspekten nur im Notfall) – und nie verweigerten sie danach als Beleidigte die weitere konstruktive Zusammenarbeit.

Zu diesem kulturellen Prozess gehört für mich auch eine Anekdote: Im Sommer 2014 hatte ich mich als Co-Redaktor an einer Projekt-Sitzung im Gemeindehaus Adelboden vorzustellen, an der auch der Gemeinderatspräsident «Obmann» Stefan Lauber teilnahm. Von den Redaktionskollegen wusste ich, dass Lauber politisch sicher kein Linker sei. Ich entschloss mich, ihm gegenüber offen zu reden. Was nützte es dem Projekt, wenn später jemand – zum Beispiel unter Verweis auf meine Website – im Dorf gegen mich als Linken Stimmung machen und die Redaktionsgruppe zu sprengen versuchen würde und der Obmann von nichts gewusst hätte? Ich setzte an dieser Sitzung natürlich voraus, was hier jedes Kind weiss: Adelboden und die Nachbargemeinde Kandersteg ennet dem Berg sind als Tourismusdestinationen Konkurrentinnen, und in weltanschaulichen Fragen haben die Leute das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Darum sagte ich zu Lauber, ich müsse klarstellen, dass ich ein Linker sei. Aber meine Freundin sei in Kandersteg aufgewachsen, habe in den 1970er Jahren als Verwaltungsangestellte ein Jahr lang im Gemeindehaus Adelboden gearbeitet und lebe heute wieder in Kandersteg – sie habe gesagt: «Dass du ein Linker aus der Stadt bist, wird man dir in Adelboden wohl verzeihen. Schwieriger wird es für sie sein zu akzeptieren, dass deine Freundin in Kandersteg lebt.» Der Obmann lachte herzlich und verteidigte den Ruf Adelbodens damit, dass man von hier aus zwischen 1967 und 1987 mit dem Kurdirektor Fred Rubi einen sozialdemokratischen Nationalrat nach Bern geschickt habe (was das Eisenbahnerdorf Kandersteg, das zwar einen Adolf Ogi und einen Albert Rösti hervorgebracht hat, nie schaffte). Später hat Lauber vor der Gemeindeversammlung den Bruttokredit für das Buchprojekt erfolgreich vertreten. An der Buchvernissage letzthin habe ich ihn nun wieder getroffen. Als wir uns die Hand gaben, sprach er mich ironisch als linken Journalisten an. Ich antwortete, wir hätten «beid Lei ghaute» und habe ihm dafür gedankt.

Auch dieser kulturelle Prozess steht für das, «was in dem, was übrigbleibt, nicht mehr vorhanden ist». Was übrigbleibt und nun vorliegt, sind die beiden Bücher im Schuber. Für Adelboden bedeuten die 3,2 Kilogramm Papier und Karton eine kulturelle Tat, für die Gemeinden im Kandertal etwas, dem man Respekt zollen wird und für die Restschweiz eine Quantité négligeable, wobei ich nicht ausschliesse, dass das eine oder andere Unterländer Medium das Adelbodenbuch-Projekt im Ton wohldosiert gönnerhafter Besserwisserei würdigen wird.

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Weil mit dieser Besserwisserei zu rechnen ist, weil ich sie als einer, der ursprünglich vom Land kommt, kenne und in ihrer nicht selten akademisch gefederten Dünkelhaftigkeit verachte, macht für mich in letzter Zeit die Beschäftigung mit dem Antagonismus zwischen der Kultur von oben und der Kultur von unten wieder aktuell: Dem städtischen Milieu, dem ich heute angehöre, ist kaum bewusst, dass sich der Graben des Misstrauens zwischen Land und Stadt auch deshalb zur Zeit laufend verbreitert, weil es die Seuche dieses städtischen Tons wohldosiert gönnerhafter Besserwisserei gibt. Auch deshalb kann die SVP so wirkungsvoll hetzen gegen die «Classe politique», die man seit diesem Monat auch in der Schweiz aus aktuellem Anlass «Elite» nennt – seit es am 8. November der US-amerikanischen «Elite» nicht gelungen ist, ihre Kandidatin Hillary Clinton zur Präsidentin zu machen (vgl. zum Beispiel Rudolf Strahm: «Die intellektuelle Elite befriedigt sich mit herablassenden Analysen»).

Eigentlich müsste man die urbane Linke, der ich angehöre, einmal ernstlich fragen: Warum holt die SP als grösste linke Partei zurzeit – um wieder einmal die segregierende Wirkung des ökonomischen Kapitals zu denunzieren –, den Begriff des «Klassenkampfs» aus der Mottenkiste, statt sich einmal selbstkritisch damit auseinanderzusetzen, wie segregierend auch das kulturelle Kapital wirkt, das die Szenen der mittelländischen SalonsozialistInnen so fleissig akkumulieren wie ihr Klassenfeind das Geld?

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Am Wochenende nach der Vernissage in Adelboden wurde in Bern nicht nur die seit einem Vierteljahrhundert regierende linksgrüne Stadtregierung für weitere vier Jahre bestätigt, sondern auch das für 45 Millionen Franken umgebaute Stadttheater neu eröffnet. Mir geht durch den Kopf: Zwar lebe ich seit mehr als dreissig Jahren ununterbrochen in der Stadt Bern und gelte wohl aufgrund meiner Texte als «kulturaffin». Trotzdem ist es wahr, dass ich seit 1985 nur zweimal im Stadttheater war. Einmal in einer Theateraufführung (Goethe: «Faust», wohl um 1997) und einmal im Auftrag der Gewerkschaftszeitung Work, um den pensionierten Schnürmeister Hans Wolters zu porträtieren.

Was ich mich frage:

• Wie können Linksgrüne meinen, zur Förderung der Kultur, die das demokratische Gemeinwesen weiterbringe, sei es nötig, für das Stadttheater 45 Millionen unter anderem in bequemere Stuhlreihen zu investieren?

• Wie können sich Linksgrüne in den Dienst einer Sandkasten-Ästhetik stellen, die den form-inhaltlichen Schein professioneller Artistik absolut setzt – ohne zu sehen, dass in jeder ästhetischen Diskussion erst der Rahmen, in dem «Kunst» stattfindet, ihren Sinn definiert?

•  Warum sehen kluge Linksgrüne nicht, dass auch ein Stadttheater (als Teil der institutionalisierten Kassenhäuschenkultur) seinen Sinn zum Beispiel durch die autoritäre Sitzstruktur erhält, die den pädagogisch obsoleten Frontalunterricht und damit «Aufklärung» mit der Brechstange erzwingt?

• Wie kann man übersehen, dass solche Kulturinstitute Kunst als Schein bieten, um in die Körper der ZuschauerInnen zwei weitere Stunden Disziplinierung und Indoktrination einschreiben zu können?

• Wie kann man ignorieren, dass wer Kunst nicht als dialektisches Verhältnis von Sein und Schein, sondern als blossen Schein diskutiert, vieles sein kann, aber sicher nicht links?

Eigentlich ist mir – kurzum – unverständlich, warum kluge Linksgrüne die Kultur von oben sosehr für die ihre halten können, dass sie den grossen Teil der öffentlichen Gelder für das einsetzen, was man seinerzeit als «bürgerliche Repräsentationskultur» bezeichnet hätte.

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Zum Glück wird Adelboden auch weiterhin ärgerlich konservativ stimmen, weil’s der konservative liebe Gott des Entschligtals so will. So wissen es die Linken im Unterland doch auch in Zukunft, ohne nachdenken zu müssen, stets besser.