Berner Zeitung, 30. 1. 2006

«Es gibt kein ewiges Leben»

Kurt Marti, Sie sehen aus wie 75, und doch bezeichnen sie sich in Ihrem neusten Buch[1] zweimal als «Greis». Ein hartes Wort.

Kurt Marti: Ab wann ist man alt, und ab wann ist man ein Greis? Ich würde sagen, alt ist man ab etwa 70, und ab 80 ist man ein Greis. Mit 85 also erst recht. Wobei Greis ja nichts Negatives heissen muss. Früher haben die Greise in der Gemeinschaft eine wichtige Rolle gespielt. Nehmen wir etwa den römischen Senat: Das Wort «Senat» ist vom lateinischen «senatus» abgeleitet, was Greis bedeutet. Dort sassen also die Alten, die Greise.

«Greise» reimt sich also zurecht auf «weise»?

(lacht) Sehen Sie, im Deutschen reimt sich das sogar.

Das eine «Greis»-Zitat in Ihrem Buch lautet: «Stets häufiger höre ich alte Leute sagen: Ich bin froh, nicht mehr jung zu sein […]. Auch mich, den Greis, befallen dergleichen Gedanken.» Weshalb denn?

Ich dachte da vor allem an die Zerstörung der Umwelt: an die Klimaprobleme, das Problem der radioaktiven Abfälle, an die weltweite Vergiftung von Luft, Wasser, Boden und Nahrung. Die natürlichen Grundlagen unseres Lebens sind bedroht, und die ökologische Zerstörung ist in vielem nicht mehr umkehrbar.

Was raten Sie denn den jungen Leuten von heute?

Ich gebe doch keine Ratschläge! Die müssen selber herausfinden, was sie machen wollen. – Aber wenn ich an die aktuelle Geschichte mit dem Feinstaub denke: Welch zahme Gegenmassnahmen hat doch die schweizerische Politik angekündigt, die bringen nichts! Hier scheint nicht einmal die Filterpflicht für Dieselautos möglich zu sein. In Italien, wo in den Städten die Bürgermeister persönlich haften für die Luftqualität, gibt es Fahrverbote und autofreie Sonntage. In solchen Fragen könnte die jüngere Generation in der Schweiz allerdings dafür sorgen, dass andere Leute gewählt werden. Solche, die bereit sind, etwas Wirksames zu tun – statt immer wieder die gleichen Leute, die nichts tun, weil sie nur kurzfristige Interessen vor Augen haben.

Ihr zweites «Greis»-Zitat lautet: «Will ich, als Greis, denn nicht wissen, was aus mir ‘danach’ wird? Nein.» Für einen ehemaligen Pfarrer eine bemerkenswerte Aussage.

Weshalb? Im Alten Testament, das gut zwei Drittel der Bibel ausmacht, stellt sich die Frage, was nach dem Tod sei, nie. Und das zentrale Ereignis des Neuen Testaments ist die Auferstehung von Christus. Auch sie ist etwas ganz anderes als der Gedanke, dass die Seele nach dem Tod weiterlebe. Mir gefällt der Satz des antiken Philosophen Epikur: Solange wir da sind, ist der Tod nicht da; und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr da. Ich weiss nicht, was nach dem Tod mit mir passiert.

«Greis-Sein» heisst demnach für Sie auch: in absehbarer Zeit ist Schluss?

Es gibt keine grosse Perspektive mehr, das ist so. Aber lieber keine als eine völlig illusionäre.

Was wären denn illusionäre?

«Paradies» oder «Himmel» sind Bilder für den Glauben, dass Gott hinsichtlich unseres Lebens und Sterbens Vertrauen entgegengebracht werden darf. Illusionär ist die Vorstellung eines ewigen Lebens. «Ewig» heisst: ohne Anfang und ohne Ende. Ewig ist Gott, wir aber haben einen Anfang, also auch ein Ende.

Im Jenseits-Glauben steckt ja auch die Aufforderung: Lebt mit dem Diesseits, wie es ist, ihr habt ja dafür ein Leben nach dem Tod.

Das ist der Punkt, an dem bereits ins Judentum des Alten Testaments persische Jenseits-Vorstellungen eingesickert sind. Sie waren eine Folge des Befreiungskriegs gegen die römische Fremdherrschaft um 150 vor Christus. Damals waren viele junge Juden gefallen und man brauchte eine Antwort auf die Frage: Ist dieser frühe Tod für die Gefallenen alles gewesen – auch wenn sie für eine gute Sache fielen?

Wer das Jenseits in diesem Sinn als billigen Trost ablehnt, ist umgekehrt schutzloser den Ungerechtigkeiten des Diesseits ausgesetzt.

Das ist so. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch Karl Marx ein Jude war. Er hat aus der radikalen Diesseitigkeit des Alten Testaments die Konsequenz gezogen und gesagt: Wir müssen jetzt etwas machen – nicht warten, bis wir in den Himmel kommen. Dagegen haben die konservativ-reaktionären Kräfte stets fromm auf den Himmel verwiesen. Als die Berner Aristokratin Madame de Meuron in ihrem Kirchenstuhl einmal ein altes Manndli angetroffen hat, soll sie es mit den Worten weggewiesen haben: «Wägg da! Im Himmel sy mer de alli glych. Aber jetz no nid!» (lacht)

[1] Kurt Marti: Gott im Diesseits – Versuche zu verstehen, Stuttgart (Radius Verlag) 2005.

Versionen dieses Interviews sind nachgedruckt worden im «Kirchenboten für den Kanton Zürich» Nr. 4/2006 («Ewig ist Gott, nicht unser Leben») sowie im «Kirchenboten» für die Kantone Baselland, Basel-Stadt u.a. Nr. 3/2006 («Wir haben ein Ende»). Zudem gab mir der «saemann» Nr. 2/2006 Gelegenheit, zu Martis fünfundachzigstem Geburtstag folgendes Gratulationsschreiben abzufassen (der Text wurde dort ohne den Titel gedruckt): 

 

Lehrmeister der Achtsamkeit

 

Manchmal verbirgt sich hinter den blinden Zufällen des Wohnungsmarkts ein freundliches Schicksal: Seit zehn Jahren wohne ich an der gleichen Strasse wie Kurt Marti. Ein Begriff war er mir schon in der Kindheit; eine intellektuelle Instanz, sobald ich denken lernte; als Lehrmeister der Achtsamkeit lernte ich ihn kennen, seit nachbarschaftliche Gespräche möglich geworden sind. Es war kein Zufall, dass er es war, der mir zweimal einen entscheidenden Wink gegeben hat.

1978 nahm ich als Musikstudent meinen ganzen Mut zusammen und schickte ihm, dem mir persönlich nicht Bekannten, einen Gedichtzyklus zur Begutachtung. Ich erhielt einen Brief zur Antwort, in dem er meinem «Zeugnis und Dokument unseres Unglücks» eine gewisse literarische Qualität attestierte. Dass ich mich später schreibend zu engagieren begann, hat massgeblich mit diesem Brief zu tun.

Als ich 1991 daran ging, über Berns Subkultur der fünfziger und sechziger Jahre zu recherchieren, rief ich als ersten Gewährsmann Kurt Marti an. Er erwähnte laut meiner Gesprächsnotiz als zentral einen Mann, dessen Namen ich noch nie gehört hatte: den Reformpädagogen Fritz Jean Begert. Als meine Arbeit fünf Jahre später gedruckt wurde, trug sie den Titel «Begerts letzte Lektion».

Als Fussgänger im Högerland ist Kurt Marti zu wenig Jetsetter zwischen Frank- und Klagenfurt, als dass ihn der Literaturbetrieb zum Grossautor stilisiert hätte. Dafür tut er bis heute das, was eigentlich die Aufgabe jedes Intellektuellen wäre: Er sagt, was ihm nötig erscheint, weil es für alle das Nötige wäre. «Ich entrolle keine Fahne», hat er 1972 gesagt, «es sei denn die der besseren Möglichkeiten, die uns offen stehen.» Nichts anderes sagt er heute, nur illusionsloser: «Ohne Gerechtigkeit als soziale Entfaltung der Liebe droht der Planet des Lebens zu verkümmern, zu verwüsten» («Gott im Diesseits», Radius-Verlag 2005).