Almanach Literatur 1998

Nullpunkt oder stinkendes Bschüttloch?

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Eine Handvoll kennt man dem Namen nach, den einen oder die andere vom Sehen, vom Lesen in aller Regel niemanden: Doch, doch, es gibt auch heute noch Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Bern. Das sind Leute, die sich mit schlecht bezahlter Heimarbeit über Wasser zu halten versuchen. Oft ist nicht ganz klar, ob für sie die Abteilung für Kulturelles oder die Fürsorgedirektion zuständig ist. Dafür gibt’s einmal pro Jahr Preise. Dann zeigen die Zeitungen eine Gruppe seltsamer Verschüpfter. Man überblättert solche Bilder mitfühlend. Ein weitergehendes öffentliches Interesse an Literatur, die in der Region Bern entsteht, gibt es zurzeit nicht. Eine in der Öffentlichkeit wahrgenommene Literaturszene gibt es nicht und weshalb man über Literatur streiten sollte, vermöchte heutzutage kaum jemand zu sagen. Das war nicht immer so.

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Für den 16. Januar 1964 lud Sergius Golowin, der damals als Burgdorfer Stadtbibliothekar amtete, in den Lesesaal seiner Bibliothek zu einem Streitgespräch. Die Ausgangsfrage, die das Thema umriss, war im Nachkriegsdeutschland zwar längst mit ja beantwortet worden, bezogen auf die Schweiz jedoch war sie neu und brisant: «1945 – ein geistiger Nullpunkt?» Als Diskussionspartner begegneten sich Erwin Heimann und Hans Rudolf Hilty. Ersterer war seit 1935 mit nahezu zwei Dutzend Büchern hervorgetreten, die ebenso sozialkritisch wie konventionell waren; letzterer durfte um 1964 schweizweit als einer der bedeutendsten Kenner und Vermittler der aktuellen deutschsprachigen Literatur gelten: Seit 1951 gab er in St. Gallen die Literaturzeitschrift «Hortulus» heraus, seit 1959 zusätzlich die Reihe der «Quadratbücher», in der junge und avantgardistische Literatur erschien.

In der Diskussion zog Hilty Parallelen zwischen der Situation der deutschen und der schweizerischen Literatur vor 1945: In der Abwehr des Fremden sei für die Geistige Landesverteidigung in bedenklicher Weise die kulturpolitische Terminologie des Dritten Reichs übernommen worden. Auch in der Schweiz habe man von «Volk und Boden», «destruktiv», «entartet» und «dekadent» gesprochen. Damit habe man das Fremde schlechthin abgelehnt und eine «autarke Réduitliteratur» aufgebaut in der verblendeten Annahme, was schweizerisch sei, sei «eo ipso gut». Heimann entgegnete, dass «unsere Schriftsteller» damals vor der Alternative «Bewahrung der Treue zur Schweiz oder Bewahrung der Existenz» gestanden seien. Abgesehen davon hätten sich viele Schriftsteller mutig gegen Nazideutschland gestellt – so habe zum Beispiel Simon Gfeller 1937 den Alemannischen Literaturpreis zurückgewiesen. Für wen denn die Literaten heute schrieben?, leitete Golowin in die Gegenwart über. Heimann antwortete ohne Umschweife, er schreibe für das «Volk» und verteidigte den Realismus der «Heimatdichtung». Hilty widersprach dezidiert: Von der Spracharbeit der Altvorderen sei nichts mehr zu lernen, es gehe darum, die Sprache experimentell weiterzuentwickeln, damit sie fähig werde, die aktuelle Welt abzubilden.[1] In der Diskussion des 55jährigen Heimann mit dem 39jährigen Hilty zeigte sich der Graben zwischen der traditionellen Heimatdichtung und der Schreibhaltung der jüngeren Autoren.

Einen Monat später kam Ernst W. Eggimann, Redaktor der «Tages-Nachrichten», in einem Kommentar auf die Diskussion in Burgdorf zurück: «Bald gilt nur noch das verkrüppelte Wort dessen, der die Welt als stinkendes Bschüttloch und die Menschheit als im Morast dahinsiechende Mistviehherde schildert.» Das «literarische Experiment unseres Jahrunderts» bedeute «vielfach unmerkliches und unbemerktes Mitlaufen Unfähiger und Unwürdiger, Verunglimpfung der Heimat,

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Hinmetzelung von Sprache und Denkformen. In fataler Selbstüberhebung wird die Auffassung vertreten, eine völlig neue Sprache schaffe einen völlig neuen Menschen – gleichgültig, ob der zu erneuernde Mensch mit der höchst willkürlich geformten neuen Sprache etwas anfangen kann oder nicht.» Eggimann empfahl den «jungen Heissspornen», von ihrer «zu hoch gebauten Bühne» auf den Boden der «einfachen Menschen» herunterzusteigen und dort als «gescheite geistige Führer» zu wirken und etwas zu leisten.[2]

Am 21. April meldete sich ebenfalls in den «Tages-Nachrichten» der konservative Mundartdichter Beat Jäggi zu Wort und polemisierte gegen die «führenden Avantgardisten», die «Neutöner» und «Auch-Dichter», gegen die gesamte «heutige junge Generation, die im wirtschaftlichen Wohlstand, im goldenen Überfluss» lebe: «Sündigen da nicht einzelne kommunale und regionale Literaturkommissionen, die allzu sehr nach Neuem rufen und oft überraschend Preise an Neulinge verleihen, die mit der Zigarette im Mund zynisch lächeln über die sie auszeichnenden Förderer?» Wen Jäggi im Auge hatte, zeigt ein Blick auf die jungen Literatur-Preisträger von Stadt und Kanton Bern in jenen Jahren: Peter Lehner, Sergius Golowin, Jörg Steiner, Kurt Marti, Friedrich Dürrenmatt. Jäggi empfahl den literarischen Kommissionen, «einmal einen Dichter auszuzeichnen, der seine ganze Nerven- und Seelenkraft dazu aufbietet, gute und bewährte Traditionen zu verteidigen, auf denen nachher aufgebaut werden kann». Die Jungen aber sollten sich merken, «dass man keine neue literarische Welt aufbaut, wenn Gott und Natur, Herz und Seele nichts mehr gelten, wenn man nichts zu 'besingen' hat als Sumpf und stinkende Abfallgruben.»[3]

Jäggis Artikel war für Berns nonkonformistisches Podium «Junkere 37»[4] Anlass, unter dem Titel «Wohin führt der Weg? Ein Beitrag zur Problematik des zeitgenössischen Schrifttums» eine Diskussion zu veranstalten[5], an der neben Jäggi als dessen

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Kontrahenten Hektor Küffer und der junge Ernst Eggimann, zwei Autoren, teilnahmen. Die Presse hob «die hochanständige Gesprächsatmosphäre» hervor und hielt fest, dass Jäggis Frage, «welche Gestalt der Gesang in den Schulen annehmen soll, wenn der Lyrik Sangbarkeit und Rhythmus genommen» würden, nicht habe klar beantwortet werden können.[6] Als Jäggi kaum einen Monat später in einer weiteren «Junkere»-Veranstaltung die vermehrte Pflege der Mundart an den Schulen und einen Lehrstuhl für Mundartdichtung an der Universität forderte[7], wurde ihm widerspro-

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chen: Nicht die Mundart mache das Gedicht schön, sondern «der Dichter». Wenn die Mundartdichtung zu etwas kommen wolle, müsse sie heutiges Leben schildern, und könne sie das nicht, so sei sie eben veraltet.[8]

Am 12. September 1964 führte der Schweizerische Schriftstellerverein (SSV) im Rahmen der Landesausstellung Expo in Lausanne einen «Tag der schweizerischen Schriftsteller» durch. Sein Herzstück war ein Podiumsgespräch mit dem Titel «Schweizerische Schriftsteller denken über die Zukunft unseres Landes nach». Aus der Sicht des SSV-Sekretärs Franz W. Beidler wurde dieses Gespräch zu einer «kläglich misslungenen Veranstaltung».[9] Einer der Podiumsteilnehmer, Paul Eggenberg, zwischen 1955 und 1962 Präsident des Berner Schriftstellervereins, berichtet, statt «einer anregenden, geistvollen Diskussion» sei «kübelweise ätzende Kritik ausgeleert» und ein «abgedroschenes «'Nullpunkt'-Geschrei» veranstaltet worden: «Vom allgemeinen Malaise und Vertrauensschwund war die Rede. 'Wir müssen Europäer, wir müssen Weltbürger werden.' – 'Abrüsten, bedingungslos und vollständig! Was nützt unserem Kleinstaat eine Armee? Geben wir lieber der Welt ein Beispiel durch totalen Verzicht.' – 'Neutralität ist längst überlebt.' – 'Gebt uns Schriftstellern Staatssalär!' usw.» Und anspielend auf einen rhetorischen Ausbruch Walter Matthias Diggelmanns, schreibt Eggenberg, einer habe gar verkündet, Schriftsteller seien nicht dazu da, «über die Zukunft unseres Landes nachzudenken, einer geldraffenden Gesellschaft Wege ins Morgen zu weisen, sondern ihre Institutionen zu zertrümmern, restlos tabula rasa zu schaffen, um eben diese sterile Gesellschaft zu zwingen, auf dem Nullpunkt neu anzufangen».[10]

An dieser Veranstaltung anwesend war auch der Berner «Gammlerpoet» René E. Mueller, einer der schillerndsten Figuren der damaligen Berner Subkultur.[11] Als er in der folgenden Woche unter dem Titel «Schneller sterben – Schriftsteller werden!» in der «Junkere 37» einen «Beitrag zur Soziologie (und Biologie) des freien Schweizer Schriftstellers» leistet[12], kommt er auf die Veranstaltung in Lausanne zu sprechen: «Wohlweislich war die Diskussion eigentlich nur den ausgewählten Herren am Tisch vorbehalten, musste aber auf Grund der Opposition dann doch auf die übrigen Teilnehmer ausgedehnt werden. Da liess ich eine kleine, eigens mitgebrachte Bombe

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platzen. Ich habe darauf hingewiesen, dass die Professoren der schweizerischen Universitäten, mit ihrem Namen gegen die Waffenlieferungen der Schweiz an Ägypten protestiert haben, und dass es eigentlich an den Schriftstellern gewesen wäre, zuerst und am lautesten ihre Stimmen zu erheben. Warum das ausblieb, wollte ich wissen, warum dieser Verein [der SSV, fl.], der sich doch sooo viel darauf zugute tut, wie sie seinerzeit alle gegen die Nazis Front bezogen hätten, auch keinen Pieps von sich gab? Zwei Reihen vor mir, der Sekretär wurde sichtlich blass und hinter mir, den Präsidenten dieser Schafherde, unser herzensguter Professor Zbinden, hörte man merklich schnaufen. Antwort bekam ich keine und war gezwungen, diese wohl oder übel […] selber zu geben. Bührle – der Oberwaffenschieber – hat sein Geld nicht nur in Raketen, sondern auch in Verlagen. Und da ist doch auf die Expo hin so ein dickes Buch im Artemis-Verlag erschienen, so ein Telephonverzeichnis mit mehr Schweizer-Autoren drin als es in der Schweiz überhaupt gibt […]. Der Schunken ist erstaunlich billig im Handel! Und wer, glauben Sie, hat für dieses mehr als überflüssige Machwerk Gelder [her]ausgerückt? Die Emil-Bührle Stiftung!»[13] Das war zweifellos nicht der Ton, in dem Leute wie Beidler oder Eggenberg eine geistvolle und anregende Diskussion über die Zukunft der Schweiz zu führen wünschten.

Der Schriftstellertag der Expo erzeugte ein mächtiges Echo. Walther Hofer, Nationalrat der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB (heute SVP) und Geschichtsprofessor an der Universität Bern, ging öffentlich auf «gewisse Nonkonformisten» los, denen er «Kritiksucht, Phantasterei und ein schizophrenes Verhältnis zur Freiheit» vorwarf. Ohne Namen zu nennen, sprach er von «literarischen Gartenzwergen»[14].

Der «Bund» lud Autoren und Autorinnen zur Diskussion ein. Paul Eggenberg griff die «Zertrümmerer» von Lausanne an und nahm Jäggis Kritik an der Preisvergabepolitik der Literaturkommissionen wieder auf, was vor allem deshalb brisant war, weil Eggenberg seit 1959 für die Reformpartei «Junges Bern» im Stadtparlament sass: «In der Absicht, junge Talente zu fördern, sind den Jungen für ihre ersten Gehversuche Tür und Tor weit geöffnet worden. Überall schafft man ihnen die Möglichkeit, sich der Öffentlichkeit vorzustellen. Durch Aufmunterungspreise sucht man ihre Schaffensfreude zu fördern, sie in ihrem Bemühen zu unterstützen. Ungewollt ist auf diese Weise ihren Gehversuchen eine Bedeutung zugekommen, die oft in keinem vertretbaren Verhältnis zur wirklichen Leistung mehr steht.»[15] Sergius Golowin führte die «Bund»-Diskussion weiter und sprach sowohl Alten wie Jungen die Kreativität und «gewissen

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Vertretern der älteren Generation» das Recht ab, «über das 'Destruktive' gewisser 'Junger' den Stab zu brechen»: «Was da aufgeht, ist höchstens die etwas wilde Saat eines schon lange, wegen dem Fehlen eigener schöpferischer Gedanken liebevoll gehätschelten Bünzli-Nihilismus, der nun seinen alternden Gärtnern aus den Beeten wächst und über die Weglein wuchert.»[16] Als zweiten Diskussionsbeitrag druckte der «Bund» Ruth Elisabeth Kobels Essay «Vom Nullpunkt». Dieser hat mit der Diskussion zwischen Hilty und Heimann in Burgdorf allerdings kaum mehr etwas zu tun, weil Kobel den Begriff «Nullpunkt» zur Bezeichnung einer psychologischen Grenzerfahrung von angehenden Schreibenden umdeutet.[17] Die «Bund»-Diskussion bricht ab.

Am 24. Oktober führte die «Junkere 37» mit einem «offenen Gespräch» unter dem Titel «Tradition und Experiment» die Auseinandersetzung weiter.[18] Nicht zuletzt wegen eines Wortwechsels zwischen Erwin Heimann und Kurt Marti, in dem ein traditionelles und ein avantgardistisches Sprachverständnis hart aufeinandertrafen, wurde sie, wie die Presse schrieb, zum «überaus anregende[n] Erlebnis»[19]. Heimann kritisierte das Sprachverständnis der Moderne und fragte, ob es eigentlich um die Konstruktion irgendwelcher «Sprachgebilde» gehe oder darum, die Leser und Leserinnen zu erreichen. Dann fuhr er fort: «In der Propaganda hat man entdeckt, dass – will man den Menschen etwas beibringen – man ihnen das in gefassten, rhythmisch geschickten Worten, vielleicht in einem Reim beibringen muss, im sogenannten Slogan. Die Post schreibt zum Beispiel nicht: 'Wir bitten Sie, jedesmal wenn Sie einen Brief senden, die Postleitzahl zu vermerken', sondern sie schreibt: 'Jedesmal – Postleitzahl'. Wenn man eine Idee treffend, einprägend, bleibend bringen will, dann muss man den Rhythmus und den Reim brauchen. Und plötzlich soll das Gesetz, das die Propaganda erworben hat, in der Dichtung nicht mehr gelten. Ich möchte fragen: Glauben Sie, dass aus der ganzen modernen Dichtung unseres Jahrzehnts ein einziger Vers bleibt?» Kurt Marti erwiderte: «Ich habe das Gefühl, gerade in einer Zeit, in der selbst die Propaganda beginnt, in Reimen zu reden, ist es vielleicht die Aufgabe der Dichtung, eben gerade nicht in Reimen zu reden.» Drauf Heimann: «Aber die Propaganda spricht in Reimen, weil sie die Urgesetze im Menschen erkannt hat…» – «…weil sie auf den Menschen wirken und ein bestimmtes Handeln bei ihm hervorrufen will.» – «Will das der Dichter nicht?» – «Nein.» – «Er will nicht auf den Menschen wirken?» Und wieder Marti: «Der Dichter ist kein Ideologe, der seine Ideologie den anderen einimpfen will mit Methoden, die auf das Unbewusste einwirken und den Verstand ausschalten. Darum vermeidet die heutige Dichtung gerade jene Mittel, die eher einschläfern und auf das Unbewusste wirken, wie den Reim, und wird dadurch merkwürdig spröde und hart.»

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Zwei Jahre später, am 17. Dezember 1966 erhielt der Literaturwissenschaftler Emil Staiger den Literaturpreis der Stadt Zürich. In seiner Dankesrede urteilte der international renommierte Stargermanist über die neueren Romane und Bühnenstücke bis in die Wortwahl gleich wie 1964 der Provinzfeuilletonist Eggimann: «Sie wimmeln von Psychopathen, von gemeingefährlichen Existenzen, von Scheusslichkeiten grossen Stils und ausgeklügelten Perfidien.» Seine pauschale Deutung, dass moderne Autoren und Autorinnen damit einem nihilistischen Selbstzweck frönten, führte zur Replik von Max Frisch – «So, wir erinnern uns, verfuhr man schon immer, wenn die Rede war von entarteter Kunst» – und löste den «Zürcher Literaturstreit» aus.[20]

Zu dieser Zeit hatte der Kanton Bern indes bereits seinen nächsten Literatur-Skandal: Am 17. Januar 1967 wurde Guido Bachmann von der Gymnasiasten-«Gruppe 67» nach Burgdorf eingeladen, um in ihrem – der «Junkere 37» nachempfundenen Keller – aus seinem Romanerstling «Gilgamesch» zu lesen, in dem Homosexualität von Jugendlichen als etwas Selbstverständliches dargestellt wird. Diese Lesung führte zur vierwöchigen Aussperrung des Mitorganisators Martin Schwander aus dem Gymnasium. Die Folge war der sogenannte «Burgdorfer Literaturskandal», der am 23. Mai 1967 mit der Diskussion der Interpellation des Landesring-Politikers Hans Martin Sutermeisters in einer Grossratsdebatte kulminierte. In seinen Ausführungen vor dem Rat empfahl Sutermeister den Jugendlichen «Professor Staigers» Rede als Pflichtlektüre, bevor er für sie wie folgt eine Lanze brach: «Man weiss heute, dass die unverhüllte Brutalität der modernen Krimis und das snobistische Kokettieren mit der Amoral – etwa in Dürrenmatts 'Besuch der alten Dame' – auf Jugendliche viel verheerender wirkt als eine verschlüsselte literarische Erotik à la 'Gilgamesch'.»[21] Noch im gleichen Jahr ist Hans Martin Sutermeister zum Schuldirektor der Stadt Bern gewählt worden.

Und heute? Heute sei eben alles anders und die Auseinandersetzung um Literatur kein Thema mehr, sagen viele. Ich bestreite das. Was ist Literatur? Nichts anderes als die nötige, aber häufig unspektakuläre Spracharbeit an der subjektiven Wirklichkeit. Diese Literatur wird von der multimedialen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert: Sie zelebriert vor allem den unterhaltungsindustriellen Riesenbluff der Bestseller-Schriftstellerei. Will man gegen diese Inszenierungen die nötige Spracharbeit wieder zur öffentlichen Angelegenheit machen, muss man ihr einen konkreten Ort und eine konkrete Gegenwart geben. Dazu braucht es ein kontinuierliches öffentliches Podium ohne Stars und Kassenhäuschen, aber mit Texten und Gesprächskultur. Das weitere wird sich zeigen.

[1] pth.: 1945 – Nullpunktsituation? In: Burgdorfer Tagblatt, 20.1.1964.

[2] Ernst W. Eggimann: Schriftsteller auf dem Armsünderbänklein, in: Tages-Nachrichten, 29.2.1964.

[3] Beat Jäggi: Wohin führt der Weg? Ein Beitrag zur Problematik des zeitgenössischen Schrifttums, in: Tages-Nachrichten, 21.4.1964.

[4] Seit dem 5. Februar 1964 fanden im Keller der Junkerngasse 37 wöchentliche Diskussionsveranstaltungen statt. Der offizielle Name des Kellers lautete «Junkere 37», Beinamen waren zum Beispiel «Berner Diskussions-Keller» oder «Literarisches Labor». Organisatoren waren Franz Gertsch, Sergius Golowin, Niklaus von Steiger und Zeno Zürcher, vier Mitglieder des «Tägel-Leists». Der «Tägel-Leist» war eine Abspaltung des «Kerzenkreises» der seinerseits bereits seit dem Frühjahr 1955 in verschiedenen Altstadtkellern Lesungen, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen durchführte. Bis zur Kündigung auf den 1. Mai 1970 war die «Junkere 37» Schauplatz von knapp 300 öffentlichen Veranstaltungen. Der Ort war zwischen 1964 und 1970 schweizweit eines der wichtigsten Podien des kulturellen und politischen Nonkonformismus.

[5] Junkere 37 (11. Abend, 6.5.1964): Wohin führt der Weg? Ein Beitrag zur Problematik des zeitgenössischen Schrifttums (Ernst Eggimann, Beat Jäggi, Hektor Küffer).

[6] N. N.: Wohin führt der Weg? In: Tages-Nachrichten, 12.5.1964.

[7] Junkere 37 (14. Abend, 3.6.1964): Dürfen wir die Mundartdichtung aussterben lassen? (Beat Jäggi)

[8] ams.: Ist Mundartdichtung zum Aussterben verurteilt [ohne Fragezeichen, fl.], in: Bund, 7 6.1964.

[9] Franz W. Beindler: Tag der Schrftsteller und des Buches an der Expo, in: NZZ, 22.9.1964.

[10] Paul Eggenberg: Die Zertrümmerer, in: Bund, 17.9.1964.

[11] In einem Mueller-Nachruf schrieb Beat Sterchi im April 1991: «Er war ein Haufen Anachronismus, ein Riesenparadox, ein Schalk, ein Schelm, ein Lacher und Kicherer vor dem Herren. Ein Simplizissimus!»

[12] Junkere 37 (21. Abend, 16.9.1964): Schneller sterben – Schriftsteller werden! Beitrag zur Soziologie (und Biologie) des freien Schweizer Schriftstellers (René E. Mueller).

[13] René E. Mueller: Schneller sterben – Schriftsteller werden. Ein Vortrag, Typoskript, in: Nachlass Friedrich Dürrenmatt, Schweizerisches Literaturarchiv Bern. – Mit dem von Mueller erwähnten Buch ist gemeint: Bruno Mariacher/Friedrich Witz: Bestand und Versuch. Schweizer Schrifttum der Gegenwart, Zürich/Stuttgart (Artemis) 1964.

[14] Tages-Nachrichten, 5.11.1964.

[15] Paul Eggenberg, a.a.O.

[16] Sergius Golowin: Erschrockne Provinzler, in: Der Bund, 21.9.1964.

[17] Ruth Elisabeth Kobel: Vom Nullpunkt, in: Der Bund, 29.9.1964.

[18] Junkere 37 (25. Abend, 24.10.1964): Tradition und Experiment. Offenes Gespräch zwischen Schriftstellern (Erwin Heimann, Franz Gertsch, Sergius Golowin, Hans Rudolf Hilty, Peter Lehner, Kurt Marti). Integrale Tonbandaufnahme: Zeno Zürcher.

[19] Bund, 26.10.1964.

[20] Walter Höllerer [Hg.]: Der Zürcher Literaturstreit. Eine Dokumentation, in: Sprache im technischen Zeitalter 22/1967, hier 93 u. 105.

[21] Tagblatt des Grossen Rates: Interpellation Sutermeister (14.2.1967) und Redebeiträge zur Debatte (23.5.1967).

in: Berner Almanach. Band 2 Literatur, Bern (Stämpfli AG) 1998, 213-222. – Der Titel lautete dort: «Der Nullpunkt ist kein stinkendes Bschüttloch». Im Buchdruck sind die Anmerkungen als Fuss-, nicht als Endnoten gesetzt. – Als Vorschau auf das Buch ist dieser Text unter dem Titel «Berner Literatur. Die Stimmen aus dem Untergrund» – ohne Fussnoten, dafür mit Zwischentiteln versehen – vorabgedruckt worden in: Berner Zeitung, 29.8.1998.

Dieser Aufsatz ist im Rahmen des NONkONFORM-Projekts entstanden. Das hier monografisch zu einem «Berner Literaturstreit» montierte Material findet sich auch im Buch «Muellers Weg ins Paradies», dort allerdings auseinandergerissen in eine ganze Reihe von Kapiteln, vgl. insbesondere 210 ff. (zur «Nullpunkt»-Debatte); 221 ff. (Eggimanns «Bschüttloch»-Kommentar); 239 ff. (Jäggis «Neutöner-Kommentar); 249 ff. (Schriftstellertag an der Expo 1964); 280 ff. (die Folgen dieses Schriftstellerstags); 285 ff. (Junkere 37-Debatte zwischen Heimann, Marti u.a.) sowie 453 ff. (zum Zürcher Literaturstreit).