Preisverleihung, 13. 1. 2005

Laudatio auf «zoé zebra»

Zugeben: Auch in der literarischen Kommission ist nach der entscheidenden Anstimmung die Frage gestellt worden, die seither auch andere gestellt haben: Was, ein Buchpreis für Kurt Marti? Aber der hat das doch nicht mehr nötig. Und wie damals gibt es darauf auch heute nur eine Antwort: Die literarische Kommission hat nicht zu fragen, wer einen Buchpreis nötig, sondern wer einen verdient hat. Und dann tauchte auch schnell eine zweite Frage auf: Was, ein Buchpreis für Kurt Marti? Aber das muss für ihn ja schon fast eine Beleidigung sein – er, der einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker des deutschen Sprachraums ist; er, der schon 1972 den Grossen Literaturpreis des Kantons, 1981 den Grossen Literaturpreis der Stadt Bern und 1997 in Berlin den Kurt-Tucholsky-Preis erhalten hat. Stimmt alles. Aber die Mitglieder der literarischen Kommission haben nicht zu antworten auf die Frage, welcher Name auf den vorliegenden Büchern der bekannteste sei, sondern welche dieser Bücher eine Auszeichnung verdienen. Die Kommission ist überzeugt: Kurt Martis neuer Gedichtband «zoé zebra» hat einen Buchpreis verdient.

«zoé zebra» – das ist ein schlafendes Lebewesen, gestreift vom «Licht-Schatten-Wurf» durch die Lamellen einer heruntergelassenen Store. zoé zebra – ein schutzlos atmender Leib, von einem zufälligen Lichtwurf in helle und dunkle Streifen geteilt – das ist auch ein zentrales Bild in Martis dreigeteiltem Zyklus, dessen Teile «lichtwechsel», «das ichtier» und «kuckuck für gott» heissen. «lichtwechsel» zeigt die Welt im Wandel der Jahreszeit, vom Überfall des Frühlings, über vorsokratische Tage im griechischen Sommer und dem blauen Herbsttag, der «den fahlen tod als goldnes tor» vorgaukelt bis zum «event advent». In «das ichtier» sind alltagsgesättigte Geistesblitze zu Miniaturen verdichtet, als deren Grundton die Trauer eines alternden Menschen über die Unwiederholbarkeit des Lebens immer wieder mitschwingt. Die Texte des dritten Teils, «kuckuck für gott», setzen bei einem der grossen Themen an, die Marti in den letzten zwanzig Jahren beschäftigt haben: Es geht um die bedrohte Natur, um den flächendeckenden Fortschritt, der sein eigenes Woher und Wohin nicht mehr kennt und um die menschlichen Wege, die immer deutlicher «in do-it-yourself-apokalypsen» münden. Eines dieser Gedichte endet mit der Frage: «sind wir die lunte die gott vielleicht selbst/ an seine irdische schöpfung gelegt hat?» Die Geduld dieses Gottes, schreibt der Autor, sei unbegreiflich. Für die in «grenzenlosem grössenwahn» befangenen «kreaturen», die die Menschen sind, bleibt nichts als zu bitten: «gott menschenwund/ lass nicht von uns!»

Die in den Jahreszeiten symbolisierte, vergehende Zeit; das in immer neuen Anläufen suchende, älter werdende Ich und die gefährdete Welt, die ohne einen rettenden Gott verloren ist – das sind die drei grossen Panoramen, die Martis «zoé zebra» aufspannt. In der formalen Lösung der einzelnen Texte zeigt sich die Meisterschaft dieses Lyrikers. Jedes Wort ist mit grösstmöglicher Bewusstheit gesetzt, entwirft Bilder, klingt an, schafft Bezüge innerhalb des Textes und zwischen den anderen Texten des Bandes. Höchst spannend ist deshalb das Lesen entlang einzelner zentraler Begriffe, «Wind» etwa, oder «Wolken». Meisterlich sind die Texte aber auch dargestellt: keine Zeile zuviel, keine Manier, kein billige Artistik. Einfach und klar stehen sie da wie endlich gefundene, freilich stets vorläufig bleibende Antworten auf letzte Fragen. Einer der ergreifendsten dieser Antworten lautet: «es zottelt / ein wölklein / heiter / noch weiter / ins blau / und weiss / doch genau / was ihm droht / denn das blau / ist sein tod».

Für die Schreibenden vorbildhaft und für die Lesenden zur bereichernden Unterhaltung hat Kurt Marti mit «zoé zebra» einen weiteren Einblick in sein unerschöpfliches lyrisches Universum gewährt. Dafür verleiht ihm die literarische Kommission der Stadt Bern einen Buchpreis.

Diesen Text habe ich als Mitglied der Literarischen Kommission der Stadt Bern geschrieben, deren Mitglied ich zwischen 2001 und 2006 gewesen bin. Veröffentlicht worden ist er als Medienmitteilung, unterzeichnet von Stadtpräsident Klaus Baumgartner und Stadtschreiberin Irène Maeder Marsili. An der Preisverleihung am 13. Januar 2005 In der Aula des Kulturzentrums «Progr» habe ich ihn als Laudator vorgetragen. – In der gleichentags erschienenen WOZ 2/2005 veröffentlichte ich folgende Kurzrezension: 

 

Schutzlos schlafend

 

Dem Schriftsteller Kurt Marti wird für seinen neusten Lyrikband der Buchpreis der Stadt Bern verliehen. Das Buch trägt den Titel «zoé zebra» - was einen schlafenden, schutzlos atmenden Leib meint, gestreift vom zufälligen «Licht-Schatten-Wurf» durch die Lamellen einer heruntergelassenen Store.

Der Band umfasst unter den Titeln «lichtwechsel», «das ichtier» und «kuckuck für gott» drei Zyklen: Der erste zeigt die Welt im Wandel der Jahreszeit, vom Überfall des Frühlings über vorsokratische Tage im griechischen Sommer bis zum «event advent». «das ichtier» sind alltagsgesättigte, zu Miniaturen verdichtete Geistesblitze, als deren Grundton immer wieder die Trauer eines alternden Menschen mitschwingt über die Unwiederholbarkeit des Lebens. Die Texte des dritten Teils, «kuckuck für gott», zeigen Marti erneut als Warner vor dem flächendeckenden Fortschritt, der laufend «do-it-yourself-apokalypsen» produziert und den Verdacht verstärkt, der Mensch sei «die lunte die gott vielleicht selbst / an seine irdische schöpfung gelegt hat».

Unterdessen umspannt Kurt Martis lyrisches Universum einen Zeitraum von 46 Jahren. Gedichte zu schreiben, hat er unter dem Einfluss der konkreten Poesie begonnen («Boulevard Bikini», 1958); später revolutionierte er die Mundartlyrik («rosa loui», 1967) und schrieb kontinuierlich geistliche («Gott gerneklein» 1995) und politisch-zeitgeschichtliche Lyrik (zuletzt: «Kleine Zeitrevue», 1999). Marti wird am kommenden 31. Januar 83 Jahre alt.