WoZ Nr. 40 /1995

«Ich setze mich fort»

Ab und zu begegnet man in Kurt Martis neustem Buch kleinen «Wortwarenläden». Ausgebreitet wie auf dem Ladentisch findet sich darin zum Beispiel eine Auswahl von «Zeit»-Wörtern: das «Zeitmeer» von Klopstock, das «Zeitgewimmel» von Hölderlin, der «Zeitsand» von Nelly Sachs, die «Zeitkloake» von Kuno Raeber, die «Zeitmulde» von Mariella Mehr (183 f). Ein anderer «Wortwarenladen» führt zum Beispiel «Sonnen»-Wörter (96), ein dritter «Hör»-Wörter (50). Seit den «alfabeeten» («gedichte, alfabeete, cymbalklang», 1966) zeugen solche Sammlungen von Martis unstillbarer Lust auf unverbrauchte Wörter, die sich eignen, Baumaterial für seine Denk- und Spracharbeit zu sein, und die er kontinuierlich zu buchförmigen Gedankenwarenläden zusammenstellt; diesmal unter dem Titel «Im Sternzeichen des Esels».

Das schriftstellerische Werk des heute 74jährigen Kurt Marti – zwischen 1961 und 1983 Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern – ist seit 1958 auf gut fünfzig Titel angewachsen: mehr als ein Dutzend Gedichtbände; ein Roman, Erzählungen, Tagebücher, Essays, theologische Aufsätze, Auseinandersetzungen und Predigten. «Im Sternzeichen des Esels» bilden alle diese literarischen Formen, zusammen mit Zitaten, blosse Klangfarbenregister, mit denen der Autor seinen Gedankenfluss nach Belieben orchestriert.

«Ein Graffitto, 1856 am Monte Palatino zutage gefördert», zeige, schreibt Marti, «einen Gekreuzigten mit menschlichem Leib und Eselskopf. Ein Spottbild? Oder soll der Esel, der die Lasten der Menschen trägt, auf den verweisen, der für uns die noch schwerere Last der Sünde trug?» (127) Was bedeutet ein eselköpfiger Mensch am Kreuz? Sicher ist: Über einen Esel würde sich Marti nicht lustig machen. Spätestens seit seinem «Tagebuch mit Bäumen» (1985) ist er ein dezidierter Fürsprecher der sprachlosen Naturüberreste, der noch nicht ausgerotteten Tiere und Pflanzen. Im neuen Buch unterstützt er für sie gegenüber den «Humanrassisten» (122) im allgemeinen und jenen christlicher Ausprägung im speziellen den Vorschlag, Pflanzen und Tiere zu Rechtssubjekten zu erheben, deren Rechte, wie etwa jene kleiner Kinder, von erwachsenen Menschen verteidigt werden müssten. (119) Ein vorderhand bestenfalls belächelter Antrag in der Arena der Realpolitik, vernünftig jedoch, wenn, wie in Martis Buch, von der Fortführung des Projekts Welt jenseits des nächsten Wahl- und Zahltags die Rede ist.

Der Schriftsteller Kurt Marti ist ein sanft-bedächtiger Formulierer, aber ein radikaler Denker, ent-täuscht wie wenige, entmutigt niemals. Unter Wortspiel, Sprachwitz und Denklust, hinter Langmut, Empathie und Respekt für alles Lebendige steht so unversöhnt wie je seine Gesellschaftskritik: «Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass der Markt als Religion, als absolut gesetztes Prinzip, scheitern wird, wohl auch bereits im Begriff ist zu scheitern
– an der wachsenden Armut in der Welt,
– an den ökologischen Katastrophen.»

Der «Zusammenbruch, die Selbstzerstörung des Kapitalismus» (157) werde sich, befürchtet er, «dereinst» notwendigerweise einstellen und wäre nur mit zwei Massnahmen zu verhindern: mit der Schaffung einer «ökologischen Diktatur», die wie «jede Diktatur die Moral der Regierenden wie auch der Regierten» ruinierte (166), oder mit der «Radikalalternative», die Marti in einer Formulierung des Walliser Schriftstellers Maurice Chappaz zitiert: «So man Natur erhalten will, muss man den Menschen töten.» Einer von Menschen aktiv betriebenen, vernunftgeleiteten Wende gibt er keine Chance, «der Gattung Mensch» stehe «die gründliche (die vielleicht zur Besinnung bringende?) Niederlage erst bevor» (182). Die Probleme der Welt würden schliesslich nicht vom «grössten Problem der Welt», «der Menschheit», zu lösen sein.

Marti getreue, nonkonformistische Unversöhnlichkeit, die ihn bis heute öffentlich intervenieren lässt, wenn es ihm nötig erscheint, macht ihn umgekehrt, trotz seiner Prominenz, noch heute gleichermassen ungeeignet für Auftritte am 1. Mai oder am 1. August. Marti ist kein Festredner. Er denkt. Und er tut dies zuletzt und zutiefst als unerschütterlicher Skeptiker. Trotzdem ist sein Buch nichts weniger als die Abrechnung eines verbitterten alten Mannes. Nach wie vor ist er – der Hebel-Preis-Träger – ein neugierig-fragender Kannitverstan, vordenkender und nachdenklicher Fussgänger im «Högerland» (wie er 1990 sein «Fussgängerbuch» nannte), umflattert von «Schwärme[n] von Geh-danken, die zu nichts führen». Bis sich sein schweifendes Räsonnement plötzlich zur zielgerichteten Frage verdichtet: «Oder führt, was zu nichts führt, ins Ganze?» (79) Und schon fällt dem enzyklopädisch belesenen Autor ein anklingendes Zitat zu: «das nichts ist gott / und alles» (Jacob Böhme, 99). Später treibt er das Motiv in die metaphysische Spekulation: «(Das) Nichts wie Gott, Gott wie (das) Nichts? Ah, diese ungeheuerliche Nähe beider! Nichts ist wie Gott, Gott wie Nichts.» (189 f)

Wie sich das Räsonnement zur Frage nach Gott transformiert, beantwortet die Frage nach Gott unverhofft jene nach Martis ästhetischen Überlegungen: denn mag Gott wie Nichts oder wie Alles sein, ist er doch kein einheitliches Ganzes, sondern eher wie «Vielheit und Offenheit». Den Geist Gottes erfreuen, so Marti, die «Zweiheiten, Dreiheiten, Vielheiten»; erst dadurch würden die «Einigungen oder Vereinigungen des Getrennten, des Verschiedenen, des Gegensätzlichen» möglich (180). Nun, was dem Geist Gottes recht ist, ist dem Gedankenwarenhändler Marti billig. «Vielheit und Offenheit» heisst, ins Weltanschauliche gewendet: keine Dogmatismen, im Zweifelsfall gescheite Fragen statt dummer Antworten. Und in Bezug auf die literarische Form: keine Textform, die Einheit suggeriert, sondern Kompaktheiten, die im Sprachfluss auseinanderwirbeln in verschiedene Anläufe und Zugänge.

Aber konkret, wovon spricht Marti? Von viel Alltäglichem, also von nichts Besonderem – vom Nichts halt, das aufs Ganze zielt: von Sprache, Sinnen und Empfindungen; von Gesundheit, Alter und Tod; von Jahreszeiten und Naturbeobachtungen. Von der Droge Geschwindigkeit, von einer stillgelegten Bahnstation, manchmal auch nur von einer Ansichtskarte: «‘Natur ist häufig eine Ansichtskarte.’ (Karl Kraus) Kultur ebenfalls.» Dann zum Beispiel von Wellen, die am vorletzten Februartag flach ins Ufergeröll schlüpfen. Oder vom Schönen nach der Erosion der Ästhetik, «in der Pluralität der Widersprüche, in den Moden des Markts». Für das Schöne spreche dessen Gewaltlosigkeit, sinniert er, bevor eine Männerhorde, in deren Gelächter aufbrüllend «die Kälte des kommenden Winters» triumphiert, quer durchs Buch stiefelt. Und auf Seite 78, mitten im Buch, übermittelt Kurt Marti seinen täglichen «Morgen-Entschluss»: «Nun gut, ich setze mich fort – ein bisschen noch, so Gott will.» (78)

Kurt Marti: Im Sternzeichen es Esels. Sätze, Sprünge, Spiralen, Zürich/Frauenfeld (Nagel & Kimche) 1995.