Langenthaler Tagblatt, 23. 04. 2011

Die Sache mit der Weltgeschichte

Am 14. Juni 1800 besiegte die französische Armee unter Napoleon in der Schlacht bei Marengo Österreich und errang damit die Kontrolle über Oberitalien.

Ende der 1820-Jahre kommt der Schriftsteller Heinrich Heine auf seiner Italienreise bei Marengo vorbei und notiert sich, was ihm zu jener Schlacht einfällt: Wohl habe Napoleon hier gegen die Aristokratie die Freiheit verteidigt, «aber ach! jeder Zoll, den die Menschheit weiterrückt, kostet Ströme Blutes; und ist das nicht etwas zu teuer? Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht ebensoviel wert wie das des ganzen Geschlechtes?»

Eine knifflige Frage, die den Zuständigen für Krieg und Frieden wohl auch heute unbequem wäre. Heine auf jeden Fall hat sie damals lieber selber beantwortet: Zweifellos sei das einzelne Leben gleich viel wert, meinte er, denn jeder für sich «ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.»

Das ist im Oberaargau ja nicht anders: Als ich letzten Dienstag das «Langenthaler Tagblatt» durchgesehen habe, bin ich an jener Seite hängengeblieben, die mit «Zum Gedenken» überschrieben war und sieben Nachrufe versammelt hat auf letzthin Verstorbene aus der Region. Berichte über Herkunft, Kindheit und Lehrjahre, über Ehepartner und Kinder, Beruf und Freizeitvergnügen, Pflichten und Ämter, Krankheit und Tod. Vieles bloss zwischen den Zeilen angedeutet: etwa eine Verdingkinderjugend nach dem frühen Tod der Mutter oder die materielle Not, die den endgültigen Abschied aus der «schönen Landschaft» der Kindheit erzwungen habe. Sieben kleine Texte, die je eine unspektakuläre, aber vollständige Weltgeschichte haben erahnen lassen.

Gewöhnlich leben wir mit anderen Geschichten, die das Zeug zu haben scheinen, dereinst grosse Weltgeschichte zu werden. Geschichten voller Kriege, Krisen und Katastrophen: diese Woche zum Beispiel der Kampf um Misurata, die Schulden der USA, das radioaktive Wasser von Fukushima. Geschichten ohne durchschaubare Anfänge und ohne absehbare Enden, sensationalistisch aufgeblähte Gegenwarten, von denen niemand mit Bestimmtheit weiss, ob es sie so, wie sie dargestellt sind, überhaupt gibt. Die Geschichten, die uns in Bann halten, wachsen ja nicht an den Bäumen: Sie werden von bestimmten Leuten mit bestimmten Absichten gemacht.

Und auch wenn Historiker und Historikerinnen später bienenfleissig ihr ganzes Leben an die Erforschung der Hintergründe geben: Mehr als die unvollständigen und manchmal ver- oder gefälschten Quellen verraten, werden sie nicht sagen können – auch wenn sie ihr Werk mit «Weltgeschichte» überschreiben sollten.

Heine hat recht: Weltgeschichten sind allein aus dem Blickwinkel des einzelnen Menschen möglich. Das wissen die Literatinnen und Literaten, die mit ihrer Erzählkunst den Schein von Weltgeschichten beschwören. Was ihnen allerdings gelingt, bleibt immer blosse Erfindung, Roman.

Wirkliche Weltgeschichten, jene, die unter den Grabsteinen liegen, sind Geschichten, die man nicht erzählen, sondern bloss durchleben und durchleiden kann. Die wirkliche Weltgeschichte könnte man erst erzählen, wenn man tot ist.

Heines Bemerkung ist darum paradox. Dafür hat sie einen schönen Nebensinn: Wenn es stimmt, dass unter jedem Grabstein eine Weltgeschichte liegt, dann stimmt auch, dass in jedem lebenden Menschen eine Weltgeschichte heranwächst. Das erleichtert es doch sehr, den Respekt zu wahren, wenn man sich das nächste Mal über die unmögliche Weltsicht eines Zeitgenossen aufregt.