1999

 

[87: Titel; 88] 

Bad Schinznach

 

Die Gänge und Kabinen stehen im Dienst

der effizienten Menschenerholung, und

die schmalen Schleusen minimieren

störende Durchlaufverzögerungen.

 

Schon schäln fabrikgewohnt sich die Knochen aus

dem Stoff in fleischgewordner Geschwindigkeit.

In Garderoben stapeln sich die

Stöcke, Prothesen und Krücken, während –

 

          Im Tal stehn rückwärtsrauchend Industrie

          kamine. Wind geht durch die Lagerhal

          len. Förderbänder werfen Schrottgebir

          ge in die fetten Felder. Drohend stehn

          die Vatervogelscheuchen hinterm Zaun.

 

– im klammen Fleisch zur Dusche getrieben sich

ein unbewusstes Lächeln ereignet, und

im warmen Wasserstrahl sich Sehnen

dehnen und Muskeln in abgestandner,

 

vernutzter Haut. Ein Atmen durchfährt als Schreck

im Kachelgang zum Becken den weissen Rumpf.

Die Körper sinken schlaff entlang der

hellen Geländer hinab ins Wasser –

 

          An Vaters Zaun sehn scheue Kinder auf

          die Schrottgebirge in den Feldern. Von

          den Förderbändern weht ein steter Wind,

 

[89]

          und rückwärtsrauchend ragen Industrie

          kamine drohend durch das fette Tal.

 

– und nackte Schemen schieben im Dampf sich fort

ins Freie. Vorwärts trägt sie dort im Kreis

der Düsendruck des Aussenflussbads.

Freier als Sonntag will Gott sein Tier nicht.

 

Fabrikgewohnter schmiegt sich das Fleisch ins Hemd.

Die Schleuse weist den einzigen Weg zurück

dem hellen Ausgang zu, und grüner

liegen die Wiesen im Sommerregen.

(1993; die eingezogenen Stophen in der Druckversion in Blocksatz)

 

[90]

naturpark

 

I

die milzbranderreger aus friedensfermentern

und weithin zerstiebendes aflatoxin

erscheinen im zielgebiet den regimentern

als tröstliche wolken die heimatwärts ziehn

 

der tödliche atem aus fährensystemen

der inkubation fällt die liebenden an

wirft tod in den tag und nacht um die schemen

aus fieber und schüttelfrost blutung und wahn

 

an weltkonferenzen entstehn konventionen

die strengstens die ächtung der gifte betonen

die friedensexperten beklatschen zuletzt

 

den ratifizierten papierstoss und gehen

in ihren labors nach dem rechten zu sehen:

in friedensfermentern ist tod angesetzt

 

[91]

II

ionenwerfer gott am grund der spalten

der durchs rohr als wasser sich ergiesst

der als sauerstoff den riss durchfliesst

um den werkstoff ätzend zu verfalten

 

gott am rissgrund frisst sich ins getriebe

sauert nach und nach das wasser ein

bricht durch hydrolyse haarrissfein

unter spannung das metallgefüge

 

sanft durchdringt das eingeschlossne wasser innenwände

will durch stahl und steuerstab stets neue strahlenbrände

gott: warum bist du die spannungsrisskorrosion?

 

neue form entsteht wo spannung alte formen trennte

funktionierendes zerbrach in offene fragmente

immer wächst das fremde aus der starren tradition

 

[92]

III 

die fehlfunktionen pflanzen sich verdeckt

entlang zentraler nervenbahnen fort

der angriff aus viral verdrehtem wort

setzt im system den tödlichen infekt

 

mit gegengift geimpfte hirne ruhn

in feuerwällen: jedoch irritiert

der feind im grossen codekrieg kämpft mutiert

im netz: wer anschluss sucht ist nie immun

 

infokalyptisch droht dem wesen so

ein digital entstandner virenzoo

der für vermehrten schutz der software wirbt

 

und wenn die hardware in der brust als scherz

den druck erhöht dann zappelt bloss das herz

des automaten der den netztod stirbt

(1991/1994/2004)

 

[93]

Auf der Produktionsstrasse

 

Lebenumschliessend das Rollwerk zum Tod.

Fahrende Marionetten: verzweckt,

bahnengebannt durch Ereignisverbot.

Selten schon: schlechtläufig, softwaredefekt,

mit Fehlern im Code.

 

Werden die Bänder mit Fleisch verstopft: Stau.

Roboter stehen zum Putzen bereit,

spritzen als Dreck aus dem Maschinenbau

erbgutentzifferte Ausschüssigkeit:

Sie säubern genau.

 

Fehlerlos wird das Humankapital

genomgesteuert zu Bandenergie.

Subkutan ‘Luegit vo Bärgen und Tal’:

Konditionierungen mittels Magie

als Arbeitsfanal.

(1996)

 

[94]

zweite hymne an die menschheit

 

die ernste stunde hat geschlagen

am horizont ersteht im ersten licht

als zarte geistgestalt vor allen plagen

der mensch an sich und tritt in das gedicht

der stundenruf verhallt und in die stille

in diesen hymnischen erwartungsraum

tritt dieser mensch als makellose hülle

umflort von schöpfungslicht und laborflaum.

 

dies hüllenlos geschlechtsneutrale

dies nie vollendete naturprodukt

das ich mit überzeitlichkeit bemale

das nicht vor geilheit nicht vor schmerzen zuckt:

der mensch der nicht aus blut und knochen wäre

und als idee die kirchen füllt – ist das gewand

das oft ein gott sich umwirft – ist schimäre

die sich auch friedrich hölderlin erfand

 

schon fassen dich die lebenskrallen!

streif ab die haut die doch zerreissen muss!

lass deine rasch zerschlissne hülle fallen

schau hinter deinen brustbeinreissverschluss!

dort sitzt ein zwerg im bleichen rippengitter

dort lebt er in der roten innerei

dort west er: gott im bauch und schon betritt er

die zeile acht in dieser strophe drei

 

schau her: in deinem thorax kauert

ein wicht der neue zellen fabriziert

 

[95]

und auf das bisher nie gedachte lauert:

von menschenzüchtung triebhaft fasziniert

umtürmt von alchemistischen geräten

erforscht der klandestine gottessohn

die heterozygoten und gameten

zur dns-rekombination

 

er züchtet nutzungsembryonen

er schmilzt das plastillin der gene ein

zu neuen varianten und zu klonen

mit gottgewollt genetischem design

dem nicht-perfekten droht ein schnelles töten

mit seinem messer hält der wicht gericht:

es scheidet gute von defekten föten

und kennt die hölle und den himmel nicht

 

und sinkt der tag der fortschritt brachte

so schläft in seinem roten knochenhaus

und träumt ins bisher nie gedachte

der architekt des guten menschenbaus

da solche bilder in der nacht zerfliessen

obliegt es dem verfasser des gedichts

den brustbeinreissverschluss wieder zu schliessen

denn ohne ordnung sind wir menschen nichts

 

und so erscheint hiermit aufs neue

(vergleiche strophe eins) der mensch an sich

zwar ist die wiederholung ärgerlich

doch klingt nun das motiv mit neuer weihe:

 

[96]

schau diese konstruierten muskelspiele!

schmeck diesen endgelösten zungenkuss!

greif diese kunstnatur aus einem guss!

fühl diese nachgebauten lustgefühle!

 

das wesen der humangenetik

das hier verdichtet zur debatte steht

vollendet nicht die menschliche gestalt

sie ist eugenisch-technische gewalt

und durchgriff auf die subjektivität

dagegen hilft kein glaube an die ethik

und pfaffenhoffnung auf moral ist tand

gott hilft nicht uns: uns hilft nur widerstand

 

ein zwischenfall in linken zungen!

verzeih den misston hier im hymnenklang:

dies plötzlich ungesungen ernstgemeinte

dies wahr gesagte das die schönheit nimmt:

dies drohen das das publikum verstimmt

das sich doch schon im ton der hymne einte

wär dichtung nicht, wär nicht auch dieser sang

um seiner formvollendetheit gesungen

 

sonst wärn die verse nichts als themen

es würden ton und bilder relativ

dahergesagt ist jedes wort naiv

und text verpufft in seinen möglichkeiten

zur coda: schau das ideale schemen

das menschgesichtige ein kelch der grüsst

 

[97]

in den der himmel seinen nektar giesst

in dem sich hölle und der himmel streiten

 

dermensch mitsei nemgott imbauch,

deral leseig netö tetund verwan delt

machthöl derlins gesang zuschall undrauch:

davon hatdie sepa rodie gehan delt

kadenz: versink du wichtbewohntes wesen

vergeh du fortschrittsfeiles knechtsgebein

der pallaksch-sänger ist am wahn genesen,

denn zur vollendung geht die menschheit ein

(1989/1991)

 

[98]

Der Sohn des Spediteurs

«Solange leidende und empfindende Menschen
leben, dauert der Wille zur Kunst.»

(Paul Sacher, 1906-1999)

 

Nun, da du tot bist, will ich dir gedenken,

dir, Jahrhundertmäzen! Denn namenloser

nie kam einer hier zu Einfluss und Reichtum,

                                    mächtiger Sacher.

 

Söhnen von Spediteuren ist ja sonst ein

andres Schicksal beschieden: harte Arbeit,

Mief und Bier am Stammtisch. Du aber wolltest

                                    immer das Hohe,

 

hasstest die Lieder deiner Eltern, sehntest

dich nach grosser Kultur, nach Welt und Namen,

geigtest dich empor, im Kopf einen Traum: des

                                    Bürgertums Taktstock.

 

So wurdest du zum Pionier, zum Gründer

von Orchestern und Chören, wurdest deren

Dirigent, begehrenswert für die reichste

                                    Witwe von Basel.

 

Sie machte dich durch Heirat zum Konzernherrn

und zum Stiefvater ihrer beiden Kinder.

(Später hattest du mit anderen Frauen

                                    eigene Kinder.)

 

[99]

Dank deiner Aktienmehrheit dirigiertest

du nun auch eine chemische Fabrik und

viele Komponisten widmeten gerne

                                    dir ihre Werke,

 

die du bezahltest aus dem kleinsten Teil des

Reichtums: Eine Substanz, die deine Forscher

fanden, war nicht nur ein Medikament, sie

                                    ist eine Droge.

 

Dieses Geschäft war krisensicher und der

Markt wuchs stetig dank ärztlicher Verordnung.

Seither hattest du den Ehrgeiz, dein Geld mit

                                    Geist zu versöhnen.

 

Was du nun wirktest, war dem Land gefällig.

Auch die Landesregierung gratulierte,

liessest du dich stilvoll feiern in spätern

                                    Jahren: Erreicht war

 

alles und mehr. – Dein Geld wird auch den Nachruhm

mehren und dich zum Grossen der Geschichte

machen: Einfach ist die Lehre, und weithin

                                    glaubt man sie gerne.

 

Einmal nur stand ich neben dir: Du schrittest

durch die Scola Cantorum, deine Gründung,

vor den beiden Bodyguards mit Pistolen

                                    unter den Kitteln.

(1999)