1998

 

[79: Titel; 80]

Der Unfall

 

I

Mit Wucht tritt Schmid die Schaufel wieder in die Kohlen.

Der Staub fliegt wolkig durch das schmale Winterlicht

und legt auf Haut und Kleider eine schwarze Schicht.

Durchs Dunkel poltern Kohlenwürfe an die Bohlen.

Drei Schritte hinter sich weiss er die Einstiegsleiter,

die laut Betriebsleitung stets festzuhalten sei

zur Sicherheit. Wer das verlangt, vergisst dabei,

dass Schaufeln beide Hände braucht. Er schaufelt weiter,

sucht taumelnd mit den Nagelschuhen neuen Stand.

Doch kippen seine Füsse langsam weg, versinken,

und plötzlich stürzt er rücklings an die Silowand,

Die Arme fliegen haltlos wie verlornes Winken.

Schmid kriegt den Schaufelstiel zu fassen mit der Hand:

Man kann doch nicht in einem Kohlenberg ertrinken.

 

II

Exakt zur Rampe unterm Kohlensilo steuert

er seinen Laster, steigt bei lärmendem Motor

durch knöcheltiefen Schnee und zieht den Schieber vor,

sieht, wie der erste Brocken durch den Auslauf scheuert.

Dann birst ein Strom von Kohlen polternd auf die Planken

der Ladefläche. Plötzlich etwas wie ein Schrei.

Der Chauffeur blickt zum Silo auf, ob etwas sei,

sieht nichts und schliesst den Schieber, ist nun in Gedanken

schon am Steuer: fährt zwei Schritte, öffnet dann

den Schieber nochmals, um die Ladung auszugleichen.

 

[81]

Jetzt ist es still. Das Kohlensilo schweigt. Ein Kran

lässt lautlos Lasten schweben durch den winterbleichen

Morgen. Er steckt sich eine Zigarette an

und sieht weit oben Dohlen um die Flühe streichen.

 

III

«Wenn Schmid sich an der Leiter festgehalten hätte –»,

sagt nun am Küchentisch der Mann und rührt im Tee.

«Hier ist die Weisung unsrer Kandergrund AG.»

Sie schweigt. Er sucht nervös nach einer Zigarette.

«Ich meine, insofern –.» Sie lässt ihn weiterreden.

«Ein Unfall, sicher –.» Jakob tot, denkt sie, ihr Mann

erstickt. Sie blickt den Todesboten schweigend an.

So fährt er fort: «Wir haften nicht für alle Schäden.»

Ungläubig murmelt sie: «Kann Jakob was dafür?»

Jetzt steht er auf und sagt: «Was recht ist, wird sich zeigen,

mir tut das alles Leid.» Dann ist er an der Tür.

Sie schaut ihm nach. «Was ihr nicht brecht, das muss sich beugen.

Bis in den Tod nützt ihr uns aus und schuld sind wir.»

Sie räumt die Teller weg. Sie will jetzt nur noch schweigen.

(1996)

 

[82]

In vergessener Stellung

 

I

…sitzen wir hier auf exotisch verwachsenen Inseln,

verschanzt und seit Jahren und Jahren ohne Befehl.

Sind wir nicht ratlos ob all des touristischen Volks,

das neuerdings täglich durch unsere Stellungen zieht?

Finden die Leute uns hinter verwachsnen Verhauen

in sauber gebürstetem Dienstkleid mit treulich

gepflegten Waffen: Schwertern und Schilden,

so greifen sie flink nach den Kameras, filmen

und werfen uns freundlich ein Trinkgeld zu,

den Blick schon hangan auf die inneren Wälle

gerichtet, von wo uns seit Menschengedenken kein neuer

Befehl mehr erreicht hat. Manchmal scheint es uns schon,

als ob wir den einen in Shorts, den andern mit

dunkler Brille von früher her kennten: Im Schlenkern

der Arme vermuten wir heimliche Zeichen

der Aufmunterung: Das ist die Verzweiflung.

Hat uns ein längst beendeter Krieg verschmäht?

Wäre es so, der Befehl, nach Hause zu gehen,

hätte uns nicht erreicht…

 

[83]

II

…überhört? Zugedröhnt von der Idee? Sind wir

doch hierher gekommen mit ihr ganz verbunden zu sein.

Wir haben hier vieles entbehrt, doch nichts von Belang:

Wir lebten am Rande der Welt, doch im Zentrum des Sinns.

Unseres Sinns. Wir brauchten den Feindkontakt nicht,

um zu wissen, was wir nicht wollten: Filmend in Shorts

durchs Leben verwaltet zu werden…

 

III

…bleibt nichts, als vollständig unbedeutend zu sein.

Hier leben wir in den vergessenen Nischen des

Nicht-mehr-gemeint-Seins. Lockend

neigt sich der Weg aus der driftenden Zeit…

(1999)

 

[84]

Die Drift

 

Ihr schenkt Galeeren zur Fahrt und treibt

zum Tanze, Knechte des Windes!

Operativer Alltag schneidet zurecht,

als zerteile das Messer des Arzts einen Körper.

 

Ungerührt, wie das Auge des Sturms,

vollzieht sich Konzerngewalt. Sie verfügt,

in den käuflichen Labors

Atem umzubauen in Geld und erzwingt

mit den Schlägen metrischer Zeit

den stetigen Nutzen.

 

Doch uns ist gegeben, in Zeit und Raum

zu vergehn, von Arbeit zu Arbeit

geschichtslos zu driften, blindlings

und ohne Ruder noch Steuer, wie Schwemmholz

im Wasser vor feindlichen Winden,

ewig ins Sinnentleerte hinaus.

(1998)

 

[85]

Vorspiel

 

Serviert wird Raubgold: Götterspeisen

aus weltverborgnem Reservoir

für alle, die beruflich reisen,

zur Stärkung gegen die Gefahr.

Als flinke Menschenhändler preisen

sie überall ihr Inventar:

Geordnet steht es auf den Gleisen

und bietet seine Teile dar

zur Selbstzerstückelung gewillt.

Der Stolz der Händler nässt verhüllt.

 

Der Duft der Geilheit lockt. Auf Bahren

verrichten Schienenkrüppel leis

die Andacht vorm Altar der Waren:

Hat auch ihr Opfer keinen Preis,

so fliessen doch aus Reservoiren

Almosen für speziellen Fleiss.

In seltnen Villenzonen paaren

sich Menschenhändler reich und weiss.

Hier wird die Götterwut gestillt,

die sonst die Welt zur Ordnung brüllt.

(1996)

 

[86]

Jahrtausendwechsel

 

Hier reicht es, den Herrn zu verachten,

die Knechte hier spenden Applaus.

Dort lassen die Herren schlachten,

die Knechte dort bluten aus.

 

Hier wird aus Luxusfood Futter,

dort füttert man Sand aus Not.

Der Armut hier fehlt die Butter,

dem Reichtum dort das Brot.

 

Hier tragen die Menschen leere

Gesichter, maskiert als Ich.

Dort tragen Maskierte Gewehre

und fordern ein Wir für sich.

 

Hier Wohlstands-, dort Armutszonen:

getrennt für die Ewigkeit.

So wähnen sich Knechte und Kronen

vom Klassenkampf befreit.

(1997)