Journal B, 23.-25. 7. 2015

Unterwegs auf der Balkanroute

Zu den Originalbeiträgen:

• Unterwegs auf der Balkan-Route (I)

• Unterwegs auf der Balkan-Route (II)

 Unterwegs auf der Balkan-Route (III)

Vgl. auch den Bericht «Auch Bern liegt am Mittelmeer»

 

I

In diesem Jahr sind bis Mitte Juli rund 80000 Bootsflüchtlinge über die Italien-Route nach Europa gekommen. Nach offizieller Zählung knapp 1900 starben bei diesem Versuch. Weitere rund 80000 – Tendenz steigend – reisten von der Türkei her über den Balkan Richtung Westeuropa.

Im Juni hat der migrationspolitische Aktivist Salvatore Pittà in Absprache mit dem Netzwerk «Welcome to Europe» (siehe unten) in Mazedonien, Serbien und Kroatien zu dieser «Balkan-Route» recherchiert und genetzwerkt. Zurück in Bern erzählt er im Büro von «Solidarité sans frontières»:

Kein Weg nach Kumanovo

«Bei einem Treffen im Januar 2015 in Frankfurt stellten wir fest, dass ‘Welcome to Europe’ in den letzten Monaten immer mehr Anfragen erhalten hatte, die die Balkan-Route betrafen. Wir beschlossen, unsere Anstrengungen in diesem Bereich zu verstärken. Weil in der ‘No border’-Bewegung Vertrauenbildung über persönliche Bekanntschaft zentral ist, kamen wir überein, dass jemand hinfahren, die bestehenden Netzwerke pflegen und neue Kontakte knüpfen sollte.

Am 3. Juni bin ich deshalb nach Montenegro gefahren. Von dort reiste ich nach Belgrad, danach nach Subotica an der ungarischen Grenze, dann zurück nach Belgrad und schliesslich nach Zagreb. Der geplante Abstecher in die nordmazedonische Grenzstadt Kumanovo scheiterte. Dort stauen sich auf der Balkan-Route die Flüchtlinge an der serbischen Grenze. Ich bin nicht hingefahren, weil der Kontakt zu spät zustande kam. Wäre ich ohne einen vertrauensvollen Kontakt hingegangen auf der Suche nach sogenannten ‘illegalen Migranten’ – ich selber nenne sie ‘Undokumentierte’ oder ‘Flüchtlinge’ –, dann hätte ich mich auf ein höchst gefährliches Feld begeben.

In einem solchen Grenzgebiet brauchen Flüchtlinge ja nicht nur Verpflegung, Übernachtungsmöglichkeiten oder Schutz vor der Polizei. Sie brauchen für den illegalen Grenzübertritt auch den Kontakt zu so genannten Schleppern. Weil Transportdienste über Grenzen in Europa stark kriminalisiert sind, gehören sie zum Geschäft von mafiösen Organisationen – Stichwort Menschenhandel. ‘Welcome to Europe’ arbeitet dagegen strikt im legalen Bereich, das Netzwerk unterstützt Flüchtlinge mit öffentlich frei zugänglicher Information und direkter Hilfe.

Die alte Ziegelfabrik in Subotica

Ich bin von Montenegro nach Belgrad gefahren, wo ich Leute von‘Noborder Serbia’ getroffen habe. Sie arbeiten entlang der Balkan-Route mit einem Infomobil. Von der mazedonischen Seite kommen die Flüchtlinge nach Preševo in Südserbien und versuchen, via Belgrad die Nordgrenze Richtung Ungarn zu erreichen. Die Aktivisten und Aktivistinnen in Belgrad unterstützen sie während ihres Aufenthalts in der Stadt.

Jeden Samstagabend machen sie für die Papierlosen zudem in einem Park unter dem Titel ‘ Çay not borders’, also ‘Tee statt Grenzen’, eine Aktion, bei der nicht nur Material abgegeben, sondern auch über alles Nützliche informiert wird. Zum Beispiel über den Trick der Belgrader Taxifahrer, die eintreffende Flüchtlinge abfangen und korrekt darüber informieren, dass sie sich bei der Polizei registrieren lassen müssen, um eine 72-stündige Aufenthaltsbewilligung zu bekommen und in dieser Zeit entweder ein Asylgesuch stellen oder weiterreisen zu können – um ihnen danach ihre Dienste anzubieten, sie für zehn Euro pro Person direkt auf den Polizeiposten zu fahren, der, wie die Flüchtlinge danach schnell, aber zu spät bemerken, zu Fuss in gut fünf Minuten zu erreichen gewesen wäre.

Mit dem Infomobil konnte ich nach Subotica an der ungarischen Grenze mitfahren. Dort ist am Rand des Städtchens eine unterdessen medial bekannte, ehemalige Ziegelfabrik auf einem weitläufigen, verwilderten Gelände der Haupttreffpunkt der Flüchtlinge. Auf diesem Areal verstecken sie sich unter freiem Himmel, ohne Essen und Wasser. Das Städtchen meiden sie aus Angst vor Polizeikontrollen.

Dabei hat in Serbien niemand ein Interesse, die Flüchtlinge zurückzuhalten oder zurückzuschicken. Das Problem ist jedoch, dass die serbische Polizisten sehr wenig verdienen. Fassen sie einen Flüchtling, versuchen sie deshalb, ein bisschen Geld zu erpressen, zum Beispiel mit der Drohung: Entweder ich schicke dich nach Mazedonien zurück oder ich habe dich nicht gesehen. Letzteres kostet allerdings dann 10, 20 oder 50 Euro.

In Subotica haben wir an jenem Tag für die Flüchtlinge Wasser geholt und Kleider eingekauft. Neue Kleider sind ja wichtig. Denn phänotypisch geschulte Polizisten schauen nach der Hautfarbe zuerst auf den Zustand der Kleider. An jenem Abend haben wir bei der Fabrik für die Flüchtlinge gekocht, ein Eintopfgericht, dazu Salat und Brot. Wir haben ‘Welcome to Europe’-Visitenkärtchen verteilt und mit den Leuten geredet. Die meisten kamen aus Afghanistan, redeten also Farsi, was bloss eine Aktivistin aus Belgrad leidlich gesprochen hat. Wir anderen kamen mit Englisch, Händen und Füssen ins Gespräch.

Nur tote Flüchtlinge bleiben sicher weg

Zurück in Belgrad bereitete ich mit den Leuten von ‘Noborder Serbia’ das Serbien-Update für die ‘Welcome to Europe’-Website vor. Danach bin ich weitergereist und habe die gleiche Arbeit mit den Leuten von ‘Noborder Zagreb’ für Kroatien gemacht. Dieser Eintrag muss ganz neu geschrieben werden, weil Kroatien seit zwei Jahren zur EU gehört und die Schengen- und Dublin-Gesetze übernommen hat. Weil Ungarn in diesen Tagen damit beginnt, in der Vojvodina die serbisch-ungarische Grenze mit einem Stacheldraht unpassierbar zu machen, wird Kroatien für die Balkan-Route absehbar wichtiger werden. Durch Kroatien und Slowenien kommt man ja entweder nach Italien oder nach Österreich.

Der neue Grenzzaun liegt im Trend der europäischen Abschreckungspolitik, die seit zwanzig Jahren immer repressiver wird und immer wieder neue Löcher zu stopfen versucht. Wir dagegen versuchen, die Passage durch die verbleibenden Löcher zu ermöglichen, damit die Flüchtlinge ihr Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit wahrnehmen können.

Die einzigen Flüchtlinge, die durch diese europäische Politik definitiv davon abgehalten werden, nach Westeuropa zu kommen, sind jene, die auf dem Weg umkommen. Und tatsächlich sterben immer mehr: Für die letzten fünfzehn Jahre sind mehr als 20000 Opfer der Festung Europa dokumentiert, wobei diese Zahl nicht die Anzahl der Toten bezeichnet, sondern bloss die Anzahl der Toten, die bekannt geworden sind. Migrationssteuerung durch immer mehr Tote – das ist nicht unser Ansatz.»

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«Welcome to Europe»

Das Netzwerk «Welcome to Europe» ist 2009 anlässlich eines Camps der «Noborder»-Bewegung auf der griechischen Insel Lesbos gegründet worden und stellt MigrantInnen, Sans-Papiers und Flüchtlinge unabhängige Informationen und Kontakte zur Verfügung, die ihnen helfen können, ihr Ziel zu erreichen und bestenfalls sich selbst zu organisieren. In ihrer Praxis verbinden die AktivistInnen die Funktionsweise der historischen «Underground Railroad» gegen die Sklaverei in den USA des 19. Jahrhunderts mit den Kommunikationsmöglichkeiten des Internets.

Unter anderem baut «Welcome to Europe» laufend seine Website aus. Zurzeit stellt sie den Flüchtlingen und MigrantInnen unabhängige Informationen über 33 Länder in Englisch, Französisch, Arabisch und Farsi zur Verfügung. Zu jedem Land ist das Wissenswerte nach den gleichen Stichworten geordnet: zum Beispiel Kontakte, Dublin-Abkommen, Asyl, Gender, Regularisierung, Haftbedingungen, Rückschaffung, Gesundheit, Arbeit. Zudem gibt es bisher für Griechenland einen in den vier Sprachen gedruckten «Welcome-Guide», ein zweiter für Italien ist in Venedig in Arbeit. Und laufend werden entlang der Flüchtlingsrouten und in den entsprechenden Communities «Welcome to Europe»-Visitenkarten verteilt, damit Ratsuchende Kontakt aufnehmen können.

Es ist naheliegend, dass versucht wird, das Netzwerk «Welcome to Europe» als Schlepperhilfe zu diffamieren und zu kriminalisieren. Eben letzthin lief eine solche Kampagne in Griechenland, nachdem ein Journalist erfahren hatte, dass Schlepper in der Türkei den «Welcome-Guide« für Griechenland verteilt hätten. Daraus konstruierte er eine Zusammenarbeit zwischen dem Netzwerk und der Mafia.

Pittà stellt klar: «‘Welcome to Europe’ gibt ausschliesslich Informationen weiter, die öffentlich sind. Wollte man uns kriminalisieren, müsste man die Migrationsstellen sämtlicher Länder kriminalisieren – auch das schweizerische Staatssekretariat für Migration –, die alle auch mit Informationsbroschüren arbeiten und demnach Flüchtlingen Möglichkeiten aufzeigen, wie sie in Europa trotz immer schärferen Gesetzen bleiben können.»

 

II

Kurz bevor Salvatore Pittà Ende Juni von Zagreb nach Bern zurückreist, liest er eine E-Mail der in Deutschland arbeitenden «Welcome to Europe»-Koordinatorin und fühlt sich zuständig. Im Büro von «Solidarité sans frontières» erklärt er an diesem Beispiel, wie die Arbeit im Netzwerk konkret funktioniert.

Die Recherche auf der Nordseite

«Es ging um eine Mailanfrage, die die Leute des ‘Alarmphones’ (siehe unten) an ‘Welcome to Europe’ weitergeleitet hatten. Bereits am 26. Mai hatte ein syrischer Flüchtling in schwieriger Situation aus einem Boot, das von der Türkei nach Griechenland unterwegs war, einen Notruf an das Alarmphone abgesetzt. Die Rettungsaktion war danach erfolgreich.

Am 21. Juni meldete sich dieser gleiche Flüchtling wieder auf der Alarmphone-Nummer. Wegen Nichtzuständigkeit leitete man dort die Anfrage weiter an die Koordinatorin von ‘Welcome to Europe’. Diese schrieb ein Rundmail, schilderte das Problem und fragte an, ob jemand eine Idee zum Eingreifen habe.

Das Problem war folgendes: Der Syrer meldete, er sei unterdessen mit ungefähr zweihundert anderen Flüchtlingen an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Das Wetter sei miserabel, sie seien entlang der Bahngeleise unterwegs gewesen – was übrigens immer wieder zu Todesfällen führt – und nun von der mazedonischen Polizei angehalten worden. Es gebe in der Gruppe Verletzte. Hilfe sei dringend nötig.

Meine Idee war nun, unser Netzwerk auf dem Balkan zu aktivieren. So nahm ich Kontakt mit den ‘Noborder’-Leuten in Belgrad auf, die ich eben besucht hatte, und fragte sie, ob sie mir via Preševo an der serbischen Südgrenze, wo sie ja mit ihrem Infomobil regelmässig unterwegs sind, einen vertrauenswürdigen Kontakt in Mazedonien verschaffen könnten. Tatsächlich schickten sie mir die Koordinaten einer Frau in der mazedonischen Hauptstadt Skopje, der ich über Facebook die Frage vorlegte, ob sie mir einen Kontakt zu Leuten verschaffen könne, die an der mazedonisch-griechischen Grenze aktiv seien. Die Frau wies mich auf eine offene Facebook-Gruppe hin mit dem Titel ‘Help the migrants in Macedonia’. Ich trat dieser Gruppe bei, schilderte die Situation und fragte, ob es Leute gebe, die an die griechische Grenze fahren könnten, um die absehbar eintreffenden zweihundert Flüchtlinge zu empfangen und zu unterstützen.

Die Recherche auf der Südseite

Gleichzeitig suchte ich nach Kontakten an der griechischen Nordgrenze. Weil das Netzwerk ‘Welcome to Europe’ 2009 auf der Insel Lesbos gegründet worden ist, ist es bis heute in keinem Land stärker verankert als in Griechenland. Dort liess man meine Anfrage zirkulieren und schliesslich kam der entscheidende Tipp, ich solle mich bei einem Mitglied einer Menschenrechtsgruppe in Thessaloniki melden.

Direkt vor meiner Abreise in Zagreb schilderte ich diesem Mitglied die Situation der Flüchtlingsgruppe in der Nähe von Eidomeni, einem griechischen Dorf an der Grenze zu Mazedonien. Er beschloss, umgehend dorthin zu fahren, und siehe da: Als ich mich nach der Ankunft in Bern wieder auf Facebook einloggte, erfuhr ich, dass er ein Team organisiert und grossartige Arbeit geleistet hatte: Man sei im Moment am Essen-Verteilen. Die Verletzten in der Gruppe habe man unterdessen in ein Spital überführt. Er selber unterstütze die Flüchtlinge dabei, ihren Protest gegen die Behandlung durch die mazedonische Polizei zu formulieren. Ob ich irgendwie mithelfen könne, die Geschichte in Westeuropa bekannt zu machen und so öffentlichen Druck zu erzeugen?

Jetzt war wieder ich in Bern dran. Ich aktivierte meine Kontakte, und schliesslich konnten wir Journalisten in Österreich, Deutschland, Italien, Griechenland und Mazedonien für die Sache interessieren. Es gab sogar welche, die an den Schauplatz reisten, um ihren Beitrag zu machen. Eine Woche später bot die mazedonische Polizei einen Deal an: Trotz einem Gesetz, das legale Einreisen von Flüchtlingen nach Mazedonien ausschliesst, dürfen die Flüchtlinge nun in Gruppen von bis zu zwanzig Personen einreisen.

Unterdessen war es auf der mazedonischen Seite der Facebook-Gruppe ‘Help the migrants in Macedonia’ gelungen, Leute zu organisieren, die nun ennet der Grenze bereit standen, die eintreffenden Zwanziger-Gruppen auf den Polizeiposten zu begleiten, wo man jeder Person ein Dokument für einen 72-stündigen legalen Aufenthalt in Mazedonien ausstellte. Danach wurden die Flüchtlinge unterstützt, rechtzeitig an die serbische Südgrenze zu kommen, um so ihren Weg Richtung Westeuropa auf der Balkan-Route fortsetzen zu können.

Politik mit humanitärer Nebenwirkung

Natürlich kann es nicht in jedem Fall so reibungslos klappen. Aber das Beispiel zeigt unsere Idee: Wie bei der Sklavenbefreiung auf der ‘Underground railroad’ helfen lokale Netzwerke von solidarischen Menschen den Flüchtlingsgruppen weiter. Und dank den elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten konnte ich in diesem Fall eine Hilfsaktion mitinitiieren an einem Ort, den ich in meinem Leben noch nie gesehen habe.

Übrigens sieht es im Moment danach aus, als habe diese Aktion entlang der Balkan-Route neue Netzwerke aktiviert, von Griechenland im Süden bis Ungarn im Norden. Und à propos Ungarn: Dort gibt es zum Glück nicht nur den rassistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seinen Stacheldraht. In der ungarischen Stadt Szeged an der serbischen Grenze zum Beispiel gibt es Aktivisten und Aktivistinnen, die mit uns via Budapest verbunden sind und den Flüchtlingen auch dort weiterhelfen.

Natürlich hat dieses Beispiel – wie unsere Arbeit insgesamt – einen humanitären Aspekt. Deshalb betone ich: Wir sind nicht humanitär. Unsere Analyse ist die, dass wir es mit einem systemischen Problem zu tun haben, das politisch bekämpft werden muss. Darum gehören neben der konkreten Hilfe und Unterstützung auch Medienarbeit, Demonstrationen und weitere Arten der Sensibilisierung der Bevölkerung dazu.

Es soll nicht nur ein Brötchen gegeben werden, obschon das auch getan werden muss. Wir wollen darüber hinaus das Brötchen sichtbar machen als Symptom eines Problems, das erst dann gelöst sein wird, wenn jene, die heute unser Brötchen zum Überleben benötigen, wieder selber Brot backen können.» 

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Die Italien-Route

Mitte April ertranken zwischen Libyen und Italien bei einem einzigenSchiffsunglück rund 800 Menschen. Seither sind die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber Meldungen wie diese gibt es alle paar Tage: Am 10. Juli ist vor der tunesischen Küste ein mit mindestens 75 Flüchtlingen besetztes Boot gekentert – 49 wurden gerettet, mindestens 25 ertranken.

Die EU ist zurzeit mit der Mission Triton der Agentur zur Sicherung der EU-Aussengrenzen (Frontex) vor Ort. Als Kapitän des privaten Hilfsschiffs MS Sea Watch kommentierte Ingo Werth gegenüber Radio SRF das Triton-Engagement dieser Tage so: «Wir haben in den zehn Tagen [seines Einsatzes] nicht ein einziges ‘Triton’-Schiff gesehen. Was sie machen: Sie liegen in Sizilien im Hafen und fahren dann auf Anforderung mal los, um von anderen Schiffen Schiffbrüchige zu übernehmen. Aber Rettungseinsätze vor der Küste haben wir nicht gesehen.» («Echo der Zeit», 19.7.2015)

Salvatore Pittà spricht im Zusammenhang mit der aktuellen EU-Politik im Mittelmeer von der «Privatisierung der Seenothilfe»: Während sich Triton in die Küstenbereiche zurückgezogen hat, wird die Seenothilfe an private Cargo-Schiffe delegiert, die ohne Fachpersonal und genügend Hilfsmaterial an Bord kostspielige Verzögerungen bei ihrem Transportauftrag in Kauf nehmen müssen, um die Hilfe, deren Unterlassung strafbar wäre, zu leisten: «Die Staaten der EU übernehmen ihre Verantwortung nicht mehr. Das ist ein politischer Entscheid, der an allen demokratischen Strukturen vorbei umgesetzt wird.»

Die MS Sea Watch arbeitet mit den Küstenwachen und mit dem «Alarmphone» zusammen. Dessen schweizerischer Netzwerkteil,«Alarmphone Schweiz», leistet einzelne Schichteinsätze und befindet sich zurzeit in schnellem Aufbau: Unterdessen ist das Netzwerk als gleichnamiger Verein konstituiert mit drei aktiven Regionalgruppen in Bern, Zürich und Basel. 

 

III

Lerch an Pittà (Mail, 23.7.2015, 9.14 Uhr)

Lieber Salvi

Ich habe noch einmal über die «Politik mit humanitärer Nebenwirkung» nachgedacht, mit der Du die Praxis des Netzwerks «Welcome to Europe» charakterisierst. Wenn ich diese Praxis als politische Strategie verstehe, dann ist das ja wohl eine, die die flüchtlingspolitischen Widersprüche in Westeuropa so weit radikalisieren will, dass sich gesellschaftlich quasi ein qualitativer Sprung ereignet.

Dieser Sprung wird aber voraussichtlich nicht zum flächendeckenden Ausbruch von Menschenfreundlichkeit führen oder zur Einsicht der Reichen, europa- oder gar weltweit den sozialen Ausgleich forcieren zu wollen. Führen wird er voraussichtlich zu Gewalt: entweder zu militanter Renitenz gegen die staatlichen Asylpolitiken (von rechts) und/oder zu militanter Fremdenfeindlichkeit.

Klar kann «Welcome to Europe» dann sagen: «Was zu beweisen war: Überall Rassismus!» Und bewiesen wäre dann tatsächlich auch, dass die Grundidee des Netzwerks keine humanitäre ist. Bloss scheint mir in diesem Fall das politische Kalkül, das hinter dem Engagement des Netzwerks steckt, ein zynisches zu sein, weil es das Verheizen von Flüchtlingen billigend in Kauf nimmt.

Pittà an Lerch (Mail, 23.7.2015, 15.45 Uhr)

Lieber Fredi

Unsere politische Strategie entspricht entgegen Deinen Ausführungen den Lehren der «Underground Railroad»: Die Fluchthilfe begann in den USA des 19. Jahrhunderts durch Menschen, die sich selbst von der Sklaverei befreit hatten, indem sie den Weg nach Norden beschritten. Sie wurden mit den Jahren mehr und mehr, und parallel dazu immer häufiger auch von Menschen unterstützt, die zwar sozusagen nicht direkt betroffen waren, jedoch an den Zuständen verzweifelten, unter denen diese Menschen litten. Von Jahr zu Jahr wurde die Unterstützung grösser, immer mehr Menschen mobilisierten sich für die Abschaffung der Sklaverei. Es kam zum Sezessionskrieg, worauf die Sklaverei abgeschafft wurde.

Wenn Du nun meine Intervention an der griechisch-mazedonischen Grenze anschaust, dann kam der Impuls von den Flüchtlingen selbst, und ich beschränkte mich eigentlich darauf, bereits Mobilisierte zusammenzubringen und danach öffentlich sichtbar zu machen – immer entsprechend ihren Wünschen. So ist auch unser Netzwerk an einem Grenzcamp entstanden, an dem sich Bootsflüchtlinge und Solidarische austauschten. In sechs Jahren konnten wir Aktive aus 33 Ländern zusammenbringen. Nun, ich kann tatsächlich nicht voraussagen, ob es auch in Europa zu kriegsähnlichen Zuständen kommen wird, wenn wir es schaffen, mehr Menschen für unsere Sache zu mobilisieren. Und noch weniger kann ich voraussagen, wohin solche Zustände führen würden. Aber das kannst Du wohl auch nicht.

Für die Widersprüche der europäischen Migrationspolitik kann «Welcome to Europe» reichlich wenig. Siehst Du denn eine Alternative dazu, die Bevölkerung für diese Widersprüche und deren tödlichen Folgen zu sensibilisieren und dagegen zu mobilisieren? Ich sehe nichts Zynisches darin, im Gegenteil: War nicht das Schweigen der Mehrheit in Nazi-Deutschland, ist nicht das In-Kauf-Nehmen von Toten durch eine Asylgesetzrevision zynisch? Hat Euer Schweigen denn zu einer Abnahme an Rassismus geführt, und falls Du dieser Meinung bist: Woran erkennst Du das? Hast Du das Gefühl, man hätte über Mittelmeer-Tote geredet, wenn nicht wir von «United» deren Namen gesammelt und veröffentlicht hätten (Du berufst Dich ja selber auf die «United»-Liste mit zurzeit 22394 dokumentierten Opfern der Festung Europa seit 1993); wenn nicht wir vom Referendumskomitee gegen die Abschaffung des Botschaftsasyls gekämpft hätten? Es ist meines Erachtens eine zentrale Bürgerpflicht, auf Missstände aufmerksam zu machen und zu versuchen, Widersprüche zu überwinden.

Manchmal braucht es dazu eine Eskalation, meistens nicht. Wir haben zum Beispiel in Eidomeni keine Steine geworfen, sondern mit den mazedonischen Grenzbehörden eine Lösung gesucht und auch gefunden, die Situation also deeskaliert. Ziel von «Welcome to Europe» ist jedoch weder das Eine noch das Andere: Wir wollen konkret Lebenshilfe leisten und gleichzeitig die Verhältnisse ändern, die unsere Lebenshilfe nötig machten. Anders formuliert: Ich finde es toll, wenn ich mithelfen kann, einzelne Menschenleben zu retten oder ihre Situation zumindest existenziell zu verbessern. Daraus schöpfe ich auch sehr viel Motivation. Wenn ich aber mit meinem Engagement Verhältnisse schaffen kann, die nicht nur das eine Schicksal, sondern mehrere substantiell verbessern, dann werde ich mich mehr um das Zweite kümmern.

Das Eine zu tun, ohne das Andere zu lassen: Innerhalb des Netzwerks gehöre ich zur Fraktion, die deshalb das Politische über das Humanitäre stellt. Das heisst aber nicht zwingend, dass ich irgendwen missbrauchen müsste, um meine politischen Ziele zu erreichen. Laufen die beiden Interessen in die entgegengesetzte Richtung, endet die Zusammenarbeit einfach. Ich veröffentliche zum Beispiel nie etwas, was zu Ungunsten des «Einzelfalls» gereichen könnte, und auch nie ohne dessen Einverständnis, im Gegenteil: Ich rate immer wieder Menschen davon ab, die sich an mich wenden, um ihren Fall zu veröffentlichen. Wohl deshalb bat ich Dich auch beim inzwischen verworfenen ersten Fotovorschlag, die Gesichter zu verwischen, nicht?

Richtig primitiv finde ich den immer wiederkehrenden Vorwurf, wir täten da irgendwen manipulieren. Im Gegenteil. Wir sind professionell genug, die Menschen so zu beraten, dass sie am Schluss selber entscheiden, was für sie gut ist. Oft sind sie erst durch unsere Kontakte und Informationen in der Lage, eine ausgewogene, informierte, also qualitativ hochstehendere Entscheidung zu treffen. Im Fachjargon nennt man das Empowerment, Ermächtigung. Ergeben sich daraus gemeinsame Ziele, arbeiten wir zusammen, sonst verweise ich sie an andere, die ihnen mehr helfen können, näher stehen.

Wir verzeichnen auch einen grossen Anstieg an Aktiven (Homepage und Mailing-List), die früher selbst von unserer Unterstützung profitiert haben: Wie bitte schön sollen Flüchtlinge Flüchtlinge instrumentalisieren, und falls das doch möglich wäre: Wie erklärst Du Dir diese massiv überdurchschnittliche Beteiligung der «Direktbetroffenen» an unserem Projekt? Die Begeisterung all derjenigen, denen ich eine Karte von uns in die Hand gab, die sie über Tausende von Kilometern mit sich nahmen, die unsere Dienste weiter empfehlen, die gesamte Homepage auf Farsi oder auf Arabisch übersetzen und selbst zu «BeraterInnen» geworden sind? Sie würden ja in Scharen davonlaufen, wenn sie merkten, dass wir sie verheizen. Sowas spricht sich sehr schnell rum! Bis jetzt erlebte ich das Gegenteil: Mein Netzwerk, das Vertrauen in mich und in meine Partner und Partnerinnen  kommt nicht von ungefähr.

Ich weiss schliesslich auch nicht, warum Du darauf kommst, wir wollten beweisen, da sei überall Rassismus in der Schweiz oder Europa. Wenn Du meine Schilderungen zur Situation in Ungarn analysierst, dann wirst Du feststellen, dass ich damit angefangen habe, indem ich sagte: «Dort gibt es zum Glück nicht nur den rassistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seinen Stacheldraht.» Es ist mir ein wichtiges Anliegen, immer wieder zu betonen, dass WIR nicht Wenige sind und immer mehr werden. Meine Medienarbeit läuft immer darauf hinaus, Realitäten aufzuzeigen, die eben NICHT rassistisch sind, sondern sich konkret und aktiv in dem durchaus rassistisch geprägten institutionellen Politbetrieb engagieren, um noch mehr Menschen dafür zu mobilisieren.

Ich kann nichts dafür, dass die heutigen Medien diese durchaus relevante, grosse Minderheit sträflich missachten, genauso wie ich nichts dafür kann, dass sie sich um die Balkan-Route foutieren, obwohl sie in der Realität mindestens so bedeutend ist wie die durch das zentrale Mittelmeer. Ich kann Dir aber versichern, dass ich seit Jahren alles mir Mögliche tue, um dieses falsche Bild zu korrigieren, und das auch immer wieder erfolgreich.

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«Welcome to Europe» kann man unterstützen

Die Arbeit des Netzwerks «Welcome to Europe» beruht durchgängig auf freiwilliges Engagement. Kosten für Infrastruktur, Kommunikation, Kontakt- und Recherche-Reisen sowie internationale Treffen werden grösstenteils von den Freiwilligen selbst getragen. Das Netzwerk freut sich über jedwede finanzielle Unterstützung, die insbesondere zugunsten ihrer aktivsten Freiwilligen mit prekären Aufenthaltsbedingungen aufgewendet wird:

bordermonitoring.eu e.V.

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